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Mittwoch, 16.05.2018 Kinder, Kinder

Wenn Kinder von zu Hause weglaufen

Eine Familie sorgt sich um ihren achtjährigen Sohn, weil der schon zweimal ausgebüxt ist. Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner weiß Rat.

Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum
Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum

© Robert Michael

Unser Sohn (8) ist bereits zweimal weggelaufen. Uns bereitet das große Sorgen. Wie verhalten wir uns richtig, wenn das wieder passieren sollte?

Um Ihre Gesamtsituation zu beurteilen und eine plausible Erklärung für das Verhalten zu entwickeln, ist es wichtig zu wissen, von wo aus Ihr Sohn weggelaufen ist und was das Ziel seines Abenteuers war. Weiterhin stellt sich die Frage nach unmittelbaren Auslösern. Haben Sie Ihren Sohn gefragt, warum er weggelaufen ist? Gab es Streit oder schlechte Noten in der Schule? Falls die Beziehung zu Ihrem Sohn stabil ist, wird er sich Ihnen anvertrauen. Zudem fragen auch Sie sich sicher: „Was haben wir falsch gemacht?“ Diese Gedanken sind nachvollziehbar.

Ein naheliegender Grund für ein Weglaufen junger Kinder kann kindliche Abenteuerlust sein und die damit verbundene Sehnsucht nach selbstbestimmten Erlebnissen. Schließlich erinnern sich die meisten von uns gerne an das prickelnde Gefühl, welches uns bei einem solchen Abenteuer durchströmte. Nicht selten geschieht ein Weglaufen im Grundschulalter als Überreaktion nach einem Streit oder einer empfundenen Ungerechtigkeit, zum Beispiel im Sinne von „ich ziehe aus“, „hier will mich doch eh keiner“ et cetera – es gibt eine Menge kindlicher Sorgen. Und nicht immer liegen die Ursachen ausschließlich im Elternhaus. Auch Konflikte oder Mobbing in der Schule können einem Grundschulkind so ausweglos erscheinen, dass es die Flucht ergreift.

Im Moment der Rückkehr weiß Ihr Sohn sicher, dass wegzulaufen grundsätzlich falsch war. Eine Strafpredigt oder Vorwürfe allein helfen deshalb nicht weiter. Floskeln wie: „Was hast du uns nur angetan?“, Schweigen, körperliche Züchtigung oder Drohungen sind tabu und helfen kein bisschen weiter. Äußern Sie jedoch unbedingt und glaubhaft Ihre Sorgen und das bedrohte Vertrauen, auf welches Sie großen Wert legen. Drücken Sie trotzdem auch Ihre Freude und Erleichterung über seine Rückkehr aus.

Nicht zuletzt richtet sich die Therapie des Ausreißens nach seiner Ursache. Auch wenn es glücklicherweise eher eine absolute Seltenheit ist, dass ein Kind wirklich mit der Absicht wegläuft, langfristig von zu Hause fortzugehen. Sollte dies doch der Fall sein, rate ich, Ihr Kind zur Diagnostik zum Beispiel beim niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater oder in einer Familiensprechstunde vorzustellen. Dort kann gemeinsam ein Erklärungsmodell entwickelt und an den entsprechenden Stellen therapeutisch angesetzt werden.

Bei nicht ausreichend gestillter Abenteuerlust könnten Sie eine Art Vertrag mit Ihrem Sohn formulieren und jeden „weglauffreien“ Tag mit einem gut sichtbaren Sticker belohnen. Bei einer bestimmten Anzahl von Stickern kann zum Beispiel ein gemeinsames Abenteuer in der Sächsischen Schweiz mit Übernachtung in Aussicht gestellt werden. In jedem Fall sollten Sie im Alltag für ausreichend unbeobachtete Spielmöglichkeiten und Herausforderungen in Ihrem Wohngebiet sorgen.

Im Fall von aufmerksamkeitssuchendem Verhalten erleben wir auch den Erfolg von paradox erscheinenden, elterlichen Strategien. So antworten manche Eltern ihrem Kind entweder vertröstend: „Ok, aber einen Auszug müssen wir gut planen.“ Oder sie bieten ihrem Kind direkt Hilfe an. Damit nehmen sie der beabsichtigten Bedrohung durch das Kind die Brisanz. Dennoch ist es auch in diesem Fall ratsam, parallel tieferliegende Ursachen gegebenenfalls mit professioneller Hilfe zu beleuchten.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an expertentipp@redaktion-nutzwerk.de

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