• Einstellungen
Donnerstag, 17.05.2018

Wenn Kinder renitente Esser werden

Eine Ernährungswissenschaftlerin spricht zur Pubertät am Tisch und zu Möglichkeiten, damit umzugehen.

Bild 1 von 2

Burger, Pizza, Cola: Teenies ist eigentlich egal, was sie essen. Hauptsache es schmeckt, kommt bei ihren Freunden gut an und schont ihr Budget.
Burger, Pizza, Cola: Teenies ist eigentlich egal, was sie essen. Hauptsache es schmeckt, kommt bei ihren Freunden gut an und schont ihr Budget.

© dpa PA/B. Auchincloss

Prof.Dr. Silke Bartsch hat zum Thema Jugendesskultur promoviert. Sie lehrt und forscht an der PH Karlsruhe.
Prof. Dr. Silke Bartsch hat zum Thema Jugendesskultur promoviert. Sie lehrt und forscht an der PH Karlsruhe.

© PH Karlsruhe

Wenn aus Kindern Pubertierende mit Stimmungsschwan-kungen werden, kann der häusliche Frieden auch beim Thema Essen gefährdet sein. Auf einmal benehmen sich die Heranwachsenden anders als früher, schleppen Nahrungsmittel in ihre Zimmer, fläzen am Tisch herum und kehren mit Freunden in Fastfood-Lokale ein. Das sorgt in vielen Familien für Zwist und Sorgen. Warum aus Kindern renitente Esser werden und ob elterliche Panik immer angebracht ist, wollte die Sächsische Zeitung von Silke Bartsch wissen. Die Ernährungswissenschaftlerin forscht zur jugendlichen Esskultur.

Frau Bartsch, Sie sagen, dass Jugendliche eine andere Esskultur als Erwachsene haben. Warum ist das so?

Essen erfüllt viele Funktionen. Es schafft kulturelle, soziale und personale Identität. Das Essverhalten hängt also auch mit der Altersphase zusammen, in der die Heranwachsenden ihre eigene Identität ausbilden und sich vom Elternhaus ablösen müssen. Bei ihnen steht Essen selten im Mittelpunkt. Es findet eher nebenbei statt. Wichtig ist ihnen, dass sie mit Gleichaltrigen etwas gemeinsam erleben. Deshalb bevorzugen sie eher schnelles und unkompliziertes Essen, das nebenher andere Aktivitäten zulässt und ihr Taschengeldbudget nicht zu sehr belastet. Sie essen auch gerne außer Haus, oft mit Freunden und ohne Eltern. Sie probieren Neues aus und finden vielleicht auch Dinge gut, die ihre Eltern nicht gut finden. Das muss nicht automatisch Süßes, Fettiges oder Ungesundes sein, sondern ist in einigen Jugendgruppen bevorzugt vegetarisches oder veganes Essen. Nach meiner Beobachtung ziehen die Erwachsenen dabei sogar nach, zum Beispiel, was das jugendliche Snacken anbelangt. Die Jugendlichen sind dabei Trendsetter.

Essen hat für sie also einfach eine andere Priorität?

Ja, je älter Menschen sind, umso höher ist die kulinarische Bedeutung des Essens, oft gepaart mit dem sogenannten gesunden Essen. Gesundheit als Einflussgröße nimmt mit steigendem Alter zu. Für Jugendliche ist sie erst einmal eher unattraktiv. Sie orientieren sich am ehesten an ihrem Umfeld und lassen sich davon beeinflussen. Denn sie suchen ihre Position in der Gesellschaft und wollen sie verfestigen. Dabei stellen sie ihren Platz auch über Essen dar. Letztlich geht es ihnen darum, ihre körperliche Attraktivität zu steigern. Dafür waren Jugendliche schon immer ansprechbar. Die Jungs befassen sich mit der Frage, wie sie Muskeln aufbauen können, die Mädchen damit, wie sie schlank werden können.

Aber achten denn nicht gerade die Mädchen auf eine gesunde Ernährung?

Der Gesundheitsbegriff ist im Jugendalter anders besetzt als bei älteren Personen. Im Mittelpunkt stehen Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Schönsein. Richtig ist, dass im Zusammenhang mit der Fitnessorientierung heute „gesund“ auch für die junge Generation wichtig ist. Zu beachten ist, dass jugendliche Esskulturen sich in den Milieus unterscheiden. So lässt sich in Mittelschichtmilieus beobachten, dass es einen Trend zu „gesunder“ Ernährung gibt – oft vegetarisch oder vegan.

Müssen Eltern, deren Kinder plötzlich nur noch Fastfood essen möchten, in Panik verfallen? Oder besinnt sich der Nachwuchs später wieder?

Menschen greifen auf Muster zurück, die sie kennengelernt haben, insbesondere in neuen Situationen. Wer also nur eine einseitige Ernährung als „gut“ kennt, wird sich im Erwachsenenalter schwertun, seinen Geschmack zu ändern. Wenn aber Kinder und Jugendliche zu gesundem, abwechslungsreichem Essen erzogen wurden, kann man fast schon entspannt zuschauen. Ich sage bewusst fast. Denn es gibt Tendenzen, die stark beeinflussen.

Welche meinen Sie?

Die digitalen Medien. Gerade in diesem Bereich nehmen wir ganz stark wahr, dass Essen für Jugendliche ein brandaktuelles Thema ist. Sie haben einen großen Informationsbedarf. Es gibt unheimlich viele Food Blogs, die sich an sie richten. Problematisch sind solche, die extreme Essweisen fördern und oft als geschlossene Communities funktionieren. Darin stacheln sich unter anderem Magersüchtige gegenseitig an. Es handelt sich dabei um eine Informationsflut, die kaum zu überschauen ist. Daher wissen auch Experten nicht genau, was in den Blogs alles kommuniziert und wie die Jugendlichen beeinflusst werden. So werden online auch Produkte verkauft, die auf dem deutschen Markt nicht zugelassen sind, Muskelaufbauprodukte zum Beispiel. Es wird sehr viel Geld damit verdient. Die Meinungsmacher im Internet, auch Influencer genannt, spielen eine große Rolle.

Die geben sich ja sehr freundschaftlich, Jugendliche folgen ihrem Beispiel gern.

Ihre Werbebotschaften sind sehr subtil, aber sie werden durchaus von der Industrie gesteuert. Da stellt sich die Frage, wie viel Schutz Menschen insgesamt brauchen, nicht nur Jugendliche. Das ist eine Herausforderung für den Bildungsbereich. Wir denken verstärkt darüber nach, was wir den sozialen Medien entgegensetzen können. Wir möchten Kompetenzen schaffen und die Nutzer befähigen, das, was dort verbreitet wird, einschätzen zu können.

Kommen wir mal auf die Snacks zurück. Manche Caterer bieten sie in den Schulen an. Was halten Sie davon?

Snack heißt ja nicht per se schlecht und ungesund. Aber vor allem in der Schule ist wichtig, wer welches Mahlzeiten-Angebot für welchen Preis und unter welchen Bedingungen verkauft. Darüber lassen sich natürlich Essgewohnheiten bilden und Essverhalten beeinflussen. Jugendlichen ist wichtig, dass sie selbst auswählen. Das können sie mit einem Angebot an Snacks gern tun. Aber den Rahmen kann man durchaus vorgeben. In diesem Zusammenhang ist die Nudging-Debatte spannend.

Was bedeutet Nudging?

Nudge ist englisch und steht für Stups. Man gibt Anstöße, eine gesunde Wahl zu treffen. Ein Beispiel wäre ein Tresen, auf dem Obst und Riegel angeboten werden. Wird das Obst in mundgerechte Stücke geschnitten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es jemand kauft, sehr viel höher, als wenn man einen ganzen Apfel anbietet. Wenn das geschnittene Obst dann noch vorn an der Theke liegt und man es einfach nehmen kann, ohne jemanden fragen zu müssen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass es gekauft wird, nochmals. Das Gleiche gilt für den Riegel: Liegt er am Tresen aus, muss ich einfach nur zugreifen. Liegt er nicht da, und muss ich jemanden danach fragen, lasse ich es wahrscheinlich eher sein.

Pubertierende wollen vieles anders machen. Sind Tischregeln damit hinfällig?

Nein, es ist wichtig, dass Menschen Tischregeln kennen. Wer sie nie gelernt hat, ist schnell Außenseiter, denn dann hat er keine Wahl, das Passende oder Unpassende zu tun. Tischregeln sind Teil der bestehenden Kultur, in die Jugendliche hineinwachsen. Wenn sie sie mitgestalten können, setzen sie sich damit auseinander. Das ist viel wirksamer, als wenn sie von oben verordnet werden. Ein weiterer Effekt ist: Gelten keine Regeln und isst jeder für sich, könnten Heranwachsende auch nicht lernen, wie groß und angemessen eine Portion ist. Dann sind sie abhängig von den Anbietern. Der große Döner, der Riegel in XXL-Größe sind plötzlich normal. Wenn ich aber sehe, was andere essen, dass sie vielleicht auch mal nur eine halbe Portion nehmen, habe ich eine Vorstellung von dem, was dem Menschen in der Regel guttut. Der soziale Aspekt ist beim Essen wesentlich.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

Desktopversion des Artikels