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Dienstag, 10.10.2017

Wellness macht oft nicht glücklich

Wellness ist gerade Mode. Auch unsere Kolumnistin Ilona Bürgel macht es gern - und weiß, wie es noch besser wirkt.

Von Ilona Bürgel

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© dpa

Ich bin auf Reisen. Während ich am Flughafen Düsseldorf auf den Check-in warte, habe ich Zeit für einen Kaffee und nehme mitten in der Abflughalle im Bistro Platz. Neben der auf Flughäfen üblichen Betriebsamkeit geht es hier richtig gemütlich zu. Nachdem mein Auge auf einen handgeschriebenen Spruch an der Wand am Tresen fällt, wundert mich das nicht mehr: „Die Welt gehört dem, der sie genießt.“ Das gefällt mir und passt zu meiner Lebensphilosophie. Doch dann frage ich mich, ob dieser Satz auch stimmt. Wenn ja, unter welchen Umständen? Viel zu oft werden unsere Erwartungen an Genuss, Wellness oder Erholung nicht erfüllt.

Vor einiger Zeit habe ich eine Online-befragung zu den wichtigsten persönlichen und psychischen Stärken im Beruf durchgeführt. Interessant und zugleich erschreckend: Genussfähigkeit landete auf dem letzten Platz. Offensichtlich führt die vielfältige Anstrengung in diesem Lebensbereich dazu, dass wir keine Freude mehr an dem empfinden, was wir tun. Und ist das nicht auch in anderen Lebensbereichen der Fall? Erfreuen wir uns noch genauso intensiv wie früher an der Gestaltung unseres Gartens oder am Kochen und Backen – etwas, wofür wir uns doch einmal begeistern konnten?

Gewohnheit und Routine, gesteuert von Betriebsamkeit und Tempo, haben diesen Platz eingenommen. Wir versuchen, in der gleichen Zeit immer mehr Aufgaben zu erledigen. Dies geht nicht nur zulasten der Qualität; es mindert vor allem Freude und Genuss. Wir investieren stattdessen immer mehr Zeit in den Wellnessbereich, beispielsweise für Urlaubsreisen in Hotels, die uns Entspannung versprechen, uns luxuriösen Komfort, Behandlungen von Thalasso bis Ayurveda und vieles mehr offerieren. Wir vertrauen dem Versprechen, dass wir uns anschließend erholt fühlen.

Ich selbst bin eine begeisterte Nutzerin von Wellnessangeboten. Daher weiß ich, dass die Einlösung dieses Versprechens eine wichtige Fähigkeit beim Empfänger voraussetzt: Er sollte sich auf das Angebot, den Genuss, auch einlassen können.

Wie sieht die Realität aus? Während der Kosmetikbehandlung denken wir an die kranke Schwester zu Hause und beim Yoga an die unaufgeräumten Kinderzimmer. Selbst im Urlaub schalten wir nicht ab, das Handy ist in ständiger Reichweite. Und dann wundern wir uns, weshalb uns kleine Missgeschicke über Gebühr aufregen, zu Hause ein gereizter Tonfall herrscht oder uns ein freundliches Miteinander im Alltag nicht gelingt. Die Gründe liegen auf der Hand. Wir sind erschöpft und überfordert vom täglichen Kampf um Dinge und Situationen – auch wenn wir uns damit etwas Gutes tun wollten.

Sie sollten Ihr Bewusstsein für Gutes und Schönes im Leben schärfen, halten Sie auch einmal inne und genießen den Augenblick. Fühlen Sie Dankbarkeit und sprechen das aus oder schreiben Sie es in einem Tagebuch nieder.

Optimismus heißt, positive Zukunftserwartung und – dies ist besonders wichtig – den Glauben haben, selbst dafür sorgen zu können. Das führt zu einem positiven Kreislauf optimistischer Erwartungen und entsprechender Erlebnisse. Lebensfroh wird, wer sich entscheiden kann, weil er weiß, was ihm persönlich guttut.

Fazit: Ohne Wohlbefinden kein Wellnesserfolg. Beide verstärken sich wechselseitig. Zuständig für das Gelingen sind wir selbst im Sinne einer neuen Denk- und Fürsorgekultur.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Lutz Hertel

    Die Übersichrift ist sehr irreführend. Der Autorin geht es in ihrer Kernaussage offenbar um die innere Haltung zum Leben, zum Guten und Schönen und um die Entwicklung und Pflege von Fähigkeiten, Gutes und Schönes zu erleben. Es ist doch nicht das Wellnessangebot, welches nicht glücklich macht, sondern das individuelle Unvermögen, den damit verbundenen Genuss empfinden zu können. Davon abgesehen: Der größte Teil unserer Bevölkerung hält sich nicht in Wellnesstempeln auf, sondern findet auf anderen Wegen Erholung. Dass es an Genussfähigkeit mangelt, hat seine Ursachen sicherlich auch in der Herrschaft des Konsums und in der Überfrachtung des eigenen Lebens.

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