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Mittwoch, 18.10.2017

Vorsicht, sinnlose Behandlung!

Sein Buch ist ein Frontalangriff auf das Gesundheitssystem – der Radiologe Gerd Reuther liest jetzt in Sachsen.

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Immer mehr Medikamente. Doch helfen sie auch mehr?
Immer mehr Medikamente. Doch helfen sie auch mehr?

© obs

Dr. Gerd Reuther (58) war bis 2014 leitender Arzt der Klinik für Diagnostik und Radiologie in Saalfeld-Rudolstadt.
Dr. Gerd Reuther (58) war bis 2014 leitender Arzt der Klinik für Diagnostik und Radiologie in Saalfeld-Rudolstadt.

© Renate Reuther

Ein Arzt mit über 30 Jahren Berufserfahrung will mit seinem Buch „Der betrogene Patient“ nachweisen, dass die Medizin oft nicht am langfristigen Wohlergehen von Kranken interessiert ist, sondern am Gewinn. Einige Berufskollegen zollen ihm Respekt für seine Arbeit, andere sehen
Dr. Gerd Reuther als Nestbeschmutzer. Die Sächsische Zeitung sprach mit dem 58-Jährigen.

Herr Dr. Reuther, für Ihr Buch müssten Sie einen Beipackzettel ausreichen, weil es schwere Nebenwirkungen haben könnte. Zum Beispiel, dass Patienten empfohlene Behandlungen ablehnen. Sorgen Sie sich deshalb?

Im Gegenteil, ich würde es begrüßen, wenn unsinnige Behandlungen nicht mehr erfolgen. Statt ärztlich empfohlene Medikamente einzunehmen, bei denen nicht klar ist, ob es dem Patienten anschließend besser geht, ist es sinnvoller, abzuwarten.

Wollen Sie damit sagen, dass Medikamente vor ihrer Zulassung nicht gründlich genug geprüft werden?

Genau das will ich. Neun von zehn Medikamenten sind sinnlos, die Hälfte davon sogar schädlich. Das behaupte nicht nur ich, sondern auch renommierte Gremien wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und die Cochrane Collaboration – ein globales, unabhängiges Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten. 30 bis 40 Medikamente werden pro Jahr neu zugelassen, die Hälfte von ihnen verschwindet still und leise wieder, nachdem schädliche Wirkungen aufgetreten sind. Die Hersteller haben offenbar Angst vor einer Prozesslawine.

Aber gerade Deutschland gilt doch als besonders genau?

Leider nicht. Die Zulassung geht nirgends so schnell wie hier. Medikamente werden meist an jungen, gesunden Menschen getestet. Gedacht sind sie aber überwiegend für Ältere mit mehreren Erkrankungen, die auch mehrere Arzneimittel gleichzeitig nehmen. Das wird überhaupt nicht berücksichtigt. Deshalb sind diese Studien nicht repräsentativ. Außerdem fordere ich, dass Hersteller gezwungen werden, alle Studien freizugeben, nicht nur die, in denen sich das Medikament bewährt hat.

Und welchen Vorwurf machen Sie dann Ihren Berufskollegen?

Dass sie Medikamente oft ohne Kontrolle über Jahre und Jahrzehnte verordnen. Sie überprüfen nicht, ob die Mittel überhaupt noch wirken. Denn der Körper des Patienten arbeitet gegen das Medikament, das ist eine normale Reaktion. Dadurch kann sich die Krankheit verschlechtern. Das geben sogar Internisten hinter vorgehaltener Hand zu. Und statt das Medikament abzusetzen, gibt es noch eins zusätzlich, wieder möglichst lebenslänglich.

Die Ärzte stützen sich dabei doch aber auf Leitlinien, auf wissenschaftliche Grundlagen?

Das glauben Sie vielleicht. Nur 20 Prozent der Behandlungsleitlinien basieren auf wissenschaftlichen Studien. Alles andere sind Übereinkünfte. Dafür haben sich Ärztekommissionen zum Beispiel auf einen bestimmten Wert geeinigt, oft ohne wissenschaftliche Grundlage. Das Internetportal „Leitlinienwatch“ hat etwa 150 der 750 Leitlinien auf Interessenkonflikte mit der Industrie hin untersucht und dabei nur zehn Prozent für gut befunden. Deshalb sage ich: Wir haben keine evidenzbasierte Medizin, sondern eine eminenzbasierte. Und das ist auch der Grund dafür, warum Krankheiten neu erfunden werden.

Welche Krankheiten meinen Sie?

Bluthochdruck oder zu hoher Cholesterinspiegel. Auch der Schmerz als eigenständige Krankheit gehört dazu. Schmerztherapeuten behandeln Hunderte Patienten und sagen gleichzeitig, dass die Zahl der Patienten mit Schmerzen stark zunimmt.

Aber was ist neu an Bluthochdruck und hohen Blutfettwerten?

Die Zielwerte für die Patienten. Sie werden immer weiter nach unten korrigiert. Wenn ich Blutdruckwerte mit Medikamenten unter die Zielvorgaben für Gesunde bringen will, muss das Komplikationen auslösen. Das Risiko für druckbedingte Erkrankungen lässt sich vielleicht reduzieren, dafür steigen aber Verletzungen durch Stürze aufgrund von Benommenheiten, und es steigen Nierenfunktionsstörungen. Man ändert damit also nur die Todesart.

Sie sparen auch die Impfkommissionen bei Ihrer Kritik nicht aus. Impfungen haben doch todbringende Krankheiten ausgerottet?

Richtig. Viele Impfungen sind segensreich gewesen, aber man muss nun abwägen, ob sie immer noch nötig sind. Viele Krankheiten treten praktisch gar nicht mehr auf, wir impfen aber weiter, zum Beispiel gegen Tetanus. An Impfungen müssen aber noch höhere Anforderungen gestellt werden. Schließlich werden Gesunde damit behandelt.

Aber für Impfstoffe gelten doch höchste Sicherheitsstandards?

Ich meine nicht nur die Impfstoffe, sondern die Impfung an sich. Bei einer Impfung bekommt der Körper bestimmte Eiweißstoffe unter Umgehung des Magen-Darm-Traktes zugeführt. Die führen zu immunologischen Reaktionen, die nicht nur positiv sind. Dieses Risiko darf ich nur eingehen, wenn es einen Nutzen dafür gibt. Bei Erkrankungen, die nicht mehr auftreten, ist diese Evidenz nicht gegeben.

Sollen wieder wie früher Hunderte an Infektionskrankheiten sterben?

Dass früher so viele Menschen an Infektionskrankheiten gestorben sind, hatte auch mit den schlechten Lebensverhältnissen zu tun. Diese Gefahren gibt es heute nicht mehr. Jährlich sterben auch Hunderte Kinder bei Verkehrsunfällen. Aber wird etwas dagegen getan? Kaum.

Sind Sie Impfgegner?

Das klingt so stigmatisierend wie Rechtsradikaler. Ich bin für Impfungen, wenn sie nötig sind, also gegen Erkrankungen, die wirklich häufig und lebensbedrohlich sind. Dann muss ich aber auch gezielt vorgehen können. Viele Eltern haben ja heute gar keine Wahl mehr. Sie können Impfungen nur im Kombipack gegen sechs oder gar neun Erkrankungen gleichzeitig erhalten. Dafür wird aber die Zahl der Antigene pro Erkrankung reduziert, um den Körper nicht zu überfordern. Kein Mensch weiß, ob diese reduzierten Kombi-Impfungen genauso wirksam sind wie Einzelimpfstoffe.

Warum kritisieren Sie die Medizin erst in Ihrem Ruhestand?

Ich bin noch kein Rentner. Das Buch wollte ich immer schon schreiben, hatte aber neben der Arbeit keine Zeit. Ich habe unzählige Gespräche geführt und nach meinem Berufsende noch einmal 20 000 Seiten Studien und Leitlinien gelesen. Jede These habe ich mit Literaturhinweisen belegt.

Meinen Sie, dass jetzt alles anders wird?

So idealistisch bin ich nicht. Mir ist wichtig, dass Patienten nicht mehr jeder Empfehlung ihres Arztes glauben, und wissen, wie der Medizinapparat wirklich funktioniert. Sie sollen vor allem keine Angst haben, auch mal abzuwarten, und sich nicht unter Druck setzen lassen.

Sie üben nicht nur Kritik, sondern haben auch Vorschläge. Zur gesetzlichen Krankenversicherung zum Beispiel.

Die gehört gründlich reformiert. Denn jeder, der Krankenversicherungsbeiträge bezahlt, erwartet beim Arzt eine Behandlung. Doch oft ist Nichtbehandlung mit Tipps zur gesundheitsfördernden Lebensweise viel erfolgreicher. Ohnehin prüft kaum einer, ob die abgerechneten Leistungen auch erbracht wurden. Der Patient sieht die Kosten ja nicht. Ich bin für ein Kostenerstattungsprinzip, bei dem der Arzt dem Patienten die Rechnung erläutern muss. Nur in sozialen Härtefällen sollte eine Direktabrechnung mit den Kostenträgern erfolgen. Aber auch die ärztliche Vergütung muss sich ändern.

In welcher Form?

Das Einkommen der Ärzte darf nicht mehr an die durchgeführte Behandlung gekoppelt werden. Gerade niedergelassene Kollegen haften mit ihrem Privatvermögen dafür, dass ihre Praxis läuft. Je mehr sie verordnen, umso besser sind die Einkünfte. Ärzte sollten ein Gehalt bekommen und in ihrem Verordnungsverhalten frei sein.

Wie in der DDR?

Zum Beispiel. Es war nicht alles schlecht.

Das Interview führte Stephanie Wesely.

Das sagt die Landesärztekammer: Professor Uwe Köhler, Vizepräsident der Sächsischen Landesärztekammer, distanziert sich von den Behauptungen. „Die Behauptungen zur Medikamentenentwicklung, zum Stellenwert von Leitlinien, zu den aktuellen Impfempfehlungen und zu Vergütungsfragen entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Unstrittig besteht auch in Zukunft Reformbedarf im Gesundheitswesen. Pauschalkritik ist aber wenig hilfreich. Das Buch diskreditiert die Arbeit der Mediziner und verunsichert Patienten.“

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Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Roba

    "wichtig, dass Patienten nicht mehr jeder Empfehlung ihres Arztes glauben, und wissen, wie der Medizinapparat wirklich funktioniert." Recht hat er, aber es gibt nur wenige intelligente Patienten/innen. Den Medizinapparat bzw. die Funktionsweise des Gesundheitssystems zu durchschauen bleibt ein Wunschtraum, auch für Gesundheitsminister/innen.

  2. SP

    Neue Medikamente werden max in Phase I an gesunden Probanden getestet, um die Verträglichkeit und Sicherheit zu testen. Die Phasen II und III schließen Betroffene ein, die sich freiwillig rekrutieren lassen. Das weiß jeder, der zum Beispiel schon einmal selbst an einer Phase II - Studie teilgenommen hat.

  3. steuerfuzzi

    Jahrzehnte hat er vom System profitiert um dann kurz vor der Pensionierung oder Ruhestand drauf zu hauen. Da hat man ja finanziell nichts mehr zu verlieren bzw. muss nicht mehr um seine Karriere fürchten. So was ist für mein Empfinden mehr als unglaubwürdig. Super Buchwerbung durch die SZ.

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