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Dienstag, 12.09.2017 Sprechstunde

Viele Krankheiten – eine Ursache?

MS, COPD und Depression: Kann es sein, dass alles miteinander zusammenhängt? Wird unser SZ-Experte Dr. med. Johannes Wimmer gefragt.

Von Dr. Johannes Wimmer

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© dpa (Symbolbild)

Dr. med. Johannes Wimmer ist Assistenzarzt aus Hamburg und bundesweit bekannt durch seine Sendung im NDR und Erklärvideos auf Facebook
Dr. med. Johannes Wimmer ist Assistenzarzt aus Hamburg und bundesweit bekannt durch seine Sendung im NDR und Erklärvideos auf Facebook

Frage: Ich bin 62 Jahre alt und leide unter mehreren Krankheiten – darunter Multiple Sklerose, Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und Depressionen. Kann es sein, dass es zwischen allen meinen Erkrankungen einen Zusammenhang gibt?

Wenn Sie schon etwas älter sind und in Ihrem Freundeskreis einmal fragen, wie viele Medikamente jeder Einzelne täglich einnehmen muss, dann werden Sie wahrscheinlich auf eine beachtliche Zahl kommen. Tatsächlich haben 62 Prozent der Senioren in Deutschland drei oder mehr Erkrankungen, die in vielen Fällen mit Medikamenten behandelt werden müssen. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen sind es 20 bis 30 Prozent. Wir Ärzte sprechen dann von Multimorbidität, also von einer Mehrfacherkrankung. Wenn es einen kausalen Zusammenhang zwischen den einzelnen Erkrankungen gibt, spricht man auch von abhängiger Multimorbidität, weil dann Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Erkrankungen bestehen.

Eng verwandt ist die Komorbidität: Mit diesem Begriff meinen wir Ärzte Begleiterkrankungen, die durch eine Grunderkrankung ausgelöst werden. Diese kann sich zu einer Multimorbidität entwickeln, wenn mehrere Erkrankungen auftreten.

Dass vor allem ältere Menschen von einer Mehrfacherkrankung betroffen sind, ist nicht erstaunlich. Die Lebenserwartung steigt in Deutschland seit den 80er-Jahren an. Und mit zunehmendem Alter wächst auch die Anfälligkeit für diverse Krankheiten – das ist leider der natürliche Lauf der Dinge. Wir Ärzte sprechen daher auch häufig vom Alterssyndrom, wenn es um Mehrfacherkrankungen geht.

Ich gehe in Ihrem Fall einmal davon aus, dass die Multiple Sklerose die Grunderkrankung ist, also zuerst da war. In einem internationalen Forschungsprojekt konnten die fünf häufigsten Begleiterkrankungen für Multiple Sklerose bestimmt werden. Dazu gehören auch Depressionen und die COPD (engl. für Chronic Obstructive Pulmonary Disease). Es ist also wahrscheinlich, dass beide Erkrankungen auch in Ihrem Fall mit der Multiplen Sklerose in Zusammenhang stehen können.

Ein anderes gutes Beispiel für Ko- oder Multimorbidität sind arterielle Gefäßerkrankungen. Denn diesen gehen sehr häufig Fettleibigkeit, Bluthochdruck, eine Fettstoffwechselstörung und Insulinresistenz voraus. Diese vier Faktoren werden auch als metabolisches Syndrom bezeichnet und sind der entscheidende Risikofaktor für arterielle Gefäßerkrankungen.

Die besondere Schwierigkeit bei multimorbiden Patienten ist die Versorgung mit Medikamenten. Denn wenn viele verschiedene Erkrankungen mit Arzneimitteln behandelt werden, entstehen Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Medikamenten. Und nicht einmal wir Ärzte können alle vorhersehen oder beeinflussen.

Es ist gerade deswegen so wichtig und für den Therapieerfolg ganz entscheidend, dass multimorbide Patienten sehr genau auf ihre Medikamente eingestellt werden und den Medikationsplan diszipliniert befolgen. Schon kleine Abweichungen können unangenehme Folgen haben und sogar zu neuen Erkrankungen führen, die wiederum mit Medikamenten behandelt werden müssen.

Mein Tipp ist daher: Wenn Sie unter verschiedenen Erkrankungen leiden, sollten Sie alle Schritte der Behandlung sehr ausführlich mit Ihrem Arzt besprechen. Schauen Sie gemeinsam, ob Sie einzelne Erkrankungen vielleicht auch ohne Medikamente in den Griff bekommen können, damit Ihr Körper möglichst wenig belastet wird.

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