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Samstag, 14.04.2018 Kolumne: Mimik, Macht, Meinung

Verräterisches Unterbewusstsein

Unser Handeln ist moralisch geprägt. Doch unser Gesicht zeigt die wahren Gefühle.

Von Robert Körner

Mimik-Trainer Robert Körner.
Mimik-Trainer Robert Körner.

© Ronald Bonss

Wir treffen rund 20 000 Entscheidungen täglich, meint der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel. Die meisten davon unbewusst. Dabei sind wir ständig hin- und hergerissen zwischen Vernunft und Impuls, zwischen Engel und Teufel. Ein Beispiel: Sie haben Heißhunger und ein verlockendes Stück Schokoladentorte streift Ihre Aufmerksamkeit. Der erste Impuls ploppt in Ihnen hoch: „Orr, wie lecker! Das mampfe ich jetzt!“ Fast zeitgleich bemerken Sie eine weitere innere Stimme: „Na, na, na! Du wolltest doch Diät halten. Denk an deine Sommerfigur!“ Diese innere Zerrissenheit erleben wir täglich. Aber was spielt sich da konkret in Ihrem Kopf ab?

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud sah in der Persönlichkeit eines Menschen vor allem einen immerwährenden Kampf zwischen zwei Instanzen – dem Es und dem Über-Ich. Aber der Reihe nach: Das Es handelt triebgesteuert und vernunftfrei. Gerade bei Kleinkindern lässt es sich vermehrt beobachten. Die Sprösslinge drängen nach einer unmittelbaren Befriedigung, ohne zu berücksichtigen, ob das Gewünschte sozial verträglich, moralisch akzeptabel oder überhaupt realistisch umsetzbar ist. Was den Jüngsten fehlt, ist eine moralische Instanz, die sie erst über Erziehung und Sozialisation erfahren. Diesen zweiten Persönlichkeitsteil nennt Freud Über-Ich. Es ist der antrainierte Wertespeicher der Gesellschaft, der das Es kontrolliert. Landläufig könnte man das Über-Ich auch als das Gewissen bezeichnen. Beide Teile haben gemein, dass sie unbewusst agieren, aber dafür wesentlich öfter im Konflikt miteinander stehen: Während das Es das tun will, was sich gut anfühlt, besteht das Über-Ich darauf, das zu tun, was richtig ist. Um zu entscheiden, kommt ein vermittelnder Persönlichkeitsteil ins Spiel.

Komplettiert wird das kognitive Dreigestirn durch das Ich. Jenes ist der bewusste Part, der den Zwist zwischen den Impulsen des Es und Glaubenssätzen des Über-Ichs schlichtet. Das Ich wird vom Realitätsprinzip regiert und ist daher stets daran interessiert, Entscheidungen zu treffen, die den Es-Impuls befriedigen, ohne unerwünschte Konsequenzen nach sich zu ziehen. Am Beispiel der Schokoladentorte könnte das bedeuten, dass man diese zwar verzehrt, aber vorab noch Sport treibt. Eine andere Lösung wäre, nur ein kleines Stück zu nehmen und den restlichen Hunger durch eine gesündere Mahlzeit zu stillen.

Spannend ist, dass Es und Über-Ich als Bestandteile des Unterbewusstseins täglich anhand der Körpersprache sichtbar sind – ob wir das wollen oder nicht. Sie sind zum Beispiel erkennbar als flüchtige mimische Regungen, sogenannte Mikroexpressionen. Diese Gesichtsausdrücke werden im limbischen System des Gehirns, dem emotionalen Zentrum, ausgelöst. Jenes Areal ist für den Verstand, also das Ich, nicht kontrollierbar und reagiert vor ihm in den ersten 40 bis 500 Millisekunden. Die unmittelbare Reaktion des Gesichtes wird durch den jeweils dominanten unbewussten Persönlichkeitsteil ausgelöst.

Ist beim Anblick der Schokotorte Ihr Es-Anteil übelagernd, dann könnte ein flüchtiger Ausdruck der Freude oder Überraschung kurz sichtbar sein. Im Falle des Über-Ichs fiele die Reaktion wahrscheinlich eher negativ aus: Ein trauriger Blick, Anzeichen von Schmerzen, Angst oder leichtem Ärger würden aufblitzen. Ein geschärfter Blick spendet somit Einblick ins Unbewusste. Genauer hinschauen lohnt sich, denn die Fratzen von Engel und Teufel blitzen nur kurz auf.

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