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Mittwoch, 03.01.2018 Kinder, Kinder!

Unsere Tochter ist eine Diebin

Von Prof. Veit Rößner

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© Symbolbild/Monika Skolimowska/dpa

Prof. Dr. med. Veit Rößner
Prof. Dr. med. Veit Rößner

Unsere Tochter (5) ist ein ausgeglichenes und aufgewecktes Mädchen. Allerdings steckt sie seit einiger Zeit Sachen im Kindergarten, aber auch in Geschäften ein. Sie behauptet, dass sie die Dinge geschenkt bekommen habe. Wir machen uns Sorgen, dass ihr etwas fehlt. Was können wir tun?

Wenn Kinder durch Stehlen auffallen, ist es in der Tat ratsam, zeitnah auf die Suche nach Motiven für dieses Verhalten zu gehen. Insbesondere Kindergartenkindern scheint es ab und an schlichtweg unmöglich zu sein, auf ein Spielzeug oder eine Süßigkeit zu warten, wenn sich der Wunsch danach einmal bemerkbar gemacht hat. Zudem können jüngere Kinder noch nicht so ganz die Tragweite und gesellschaftliche Inakzeptanz des Stehlens mit allen Konsequenzen erfassen. Ist Diebstahl also ein einmaliger Ausrutscher, sollten Eltern entspannt bleiben, dies aber dennoch als Startschuss sehen, auch mit jüngeren Kindern die Unterschiede zwischen Schenken, Stehlen, Leihen, Bezahlen wiederholt und bestimmt zu besprechen.

Es war richtig, dass Sie Ihre Tochter auf die eingesteckten Dinge angesprochen haben. Fragen Sie sie auch, warum sie gestohlen hat, um erste Anhalte zu bekommen, ob sie selbst einen Grund kennt oder sich gar keine großen Gedanken gemacht hat. Sehen Sie auch in Zukunft von Vorwürfen erst einmal ab, damit Ihr Kind sich sicher fühlt, weiterhin die Wahrheit zu sagen und Sorgen anzusprechen. Erklären Sie ihr dennoch die Folgen ihres Verhaltens, insbesondere, dass Stehlen auch dazu führt, dass das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern verloren gehen kann. Ein vertrauensvolles Verhältnis innerhalb der Familie ist ein hohes Gut – und Ihre noch junge Tochter sollte bereits jetzt schon wissen und erleben, wie sehr Ihnen dies am Herzen liegt.

Grundsätzlich zeigen sich die meisten Kinder nach der ernsten Thematisierung des Stehlens eher einsichtig und haben intuitiv ein Gespür dafür, dass ihr Verhalten falsch war. Gleichzeitig sollten jedoch auch unangenehme Rituale der Wiedergutmachung, wie das Zurückbringen des Diebesgutes in das Geschäft oder eine Entschuldigung an das Kind bei der Rückgabe konsequent eingehalten werden.

Sie schreiben, dass Ihre Tochter wiederholt gestohlen hat. Die Sorge, dass ihr etwas fehlen könnte, ist daher nicht unberechtigt. Beobachten Sie Ihre Tochter im Alltag. Gibt es Belastungssituationen, Veränderungen oder entwicklungsbedingte Herausforderungen, die ihr Unbehagen ausgelöst haben könnten?

Stehlen Kinder wiederholt, kann das vielfältige Ursachen haben. Wenn Gleichaltrige anscheinend mehr besitzen, versuchen einige Kinder durch Stehlen nachzueifern. Andere erhoffen sich, durch das Verschenken des Diebesgutes Anerkennung zu bekommen oder möchten durch eine Belohnung mit Gestohlenem eine emotionale Bedürftigkeit ausgleichen.

Überlegen Sie, ob es in den letzten Wochen gravierende Veränderungen im Leben Ihres Kindes gegeben hat. Ist es noch immer das fröhliche und lebhafte Mädchen, das Sie kennen? Wie erleben andere Bezugspersonen Ihre Tochter? Sprechen Sie auch mit den Erziehern im Kindergarten. Nicht selten betrifft Stehlen mehrere Kinder einer Gruppe, und die Betreuer sind dankbar für eine thematische Anregung wie für eine Gruppenarbeit. Zusätzlich kann die Gruppe auch festlegen, dass zunächst nichts unter den Kindern im Alltag verschenkt wird. Dies schafft Klarheit und Verbindlichkeit und hilft den Kindern, schrittweise einen schärferen Unterschied zwischen Stehlen und Schenken zu erlernen.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an expertentipp@redaktion-nutzwerk.de

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