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Mittwoch, 14.02.2018 Kolumne „Kinder, Kinder!“

Trost von den Großeltern

Von Prof. Veit Rößner

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Traurig nach der Trennung - leider eine Realität für viele Kinder.
Traurig nach der Trennung - leider eine Realität für viele Kinder.

© dpa-tmn

Prof. Dr. med. Veit Rößner
Prof. Dr. med. Veit Rößner

© Robert Michael

„Nach der Trennung haben sich unsere Tochter und ihr Ex-Mann auf ein Nestmodell für unsere Enkel (5/9) geeinigt. Der Vater hat sie drei, die Mutter fünf Tage im Eigenheim der Familie. Doch wir erleben die Kinder traurig und hoffen, dass die Eltern wieder zusammenkommen. Unsere Tochter droht mit Kontaktabbruch zu uns, falls wir das Thema Trennung nicht ruhen lassen.“

Zunächst einmal verdienen Ihre Tochter und Ihr Schwiegersohn Anerkennung, da sie den für die Kinder optimalen, für getrennte Eltern jedoch äußerst herausfordernden Weg des „Nestmodells“ gewählt haben. Auch wenn es für Trennungskinder die stabilste Lösung zu sein scheint, in ihrem gewohnten Zuhause zu bleiben, meistern die allerwenigsten Eltern diese Herausforderung, die einstige Familienwohnung zu erhalten – insbesondere dann nicht, wenn neue Partner vorhanden sind.

Eine Möglichkeit, allgemeine Spannungen zu reduzieren, wäre zunächst, die Reduktion der Wechsel der Eltern, um die Umgewöhnungen und Übergaben seltener zu machen (beispielsweise im Wochentakt). Allerdings ist es nicht Ihre „Rolle“, dies vorzuschlagen. Der Einfluss der Großeltern auf die Erziehung der Enkel hat in den letzten Jahren sehr abgenommen. Insbesondere weil Erwachsene heute – oft im Zusammenhang mit eigenen, dominant-autoritären Erziehungserfahrungen – den Wunsch nach Selbstbestimmung und Autonomie, im Hinblick auf die Erziehung der eigenen Kinder hegen. Überschreiten Sie nun diese, durch Ihre Tochter deutlich formulierte Grenze wiederholt, wird sie sich abwenden. Dies hilft weder Ihnen noch Ihren Enkeln, da Sie gerade jetzt als stabile Bezugsperson dringend gebraucht werden. Es ist wunderbar, dass Sie sich für Ihre Familie engagieren. Aber Sie müssen diesen Kompromiss eingehen, wenn er auch nicht optimal scheint und Ihnen oft Kraft kostet.

Bieten Sie an, auch mehr als einen Kontakt im Monat zu ermöglichen, um als Tröster und Zuhörer zur Verfügung zu stehen. Eine Trennung ist oft etwas Grausames und Destabilisierendes für Kinder. Sie gestaltet sich ähnlich eines Trauerprozesses mit den jeweiligen Phasen. Akzeptieren Sie die Tränen Ihrer Enkelin und halten Sie diese aus. Nehmen Sie sie in den Arm, wenn sie weint. Erklären Sie immer und immer wieder, dass Eltern trotzdem ihre liebenden Eltern bleiben und die Kinder keine Schuld trifft. Eine Wiedervereinigung der Eltern ist nicht wahrscheinlich, kommunizieren Sie dies klar, sachlich und direkt. Ihre Enkel brauchen Sie als ehrliche, authentische und möglichst neutrale Bezugsperson.

Sie müssen mit der Zeit lernen, diese Rolle zu akzeptieren, dürfen aber natürlich traurig sein. Verwöhnen Sie Ihre Enkel mit Zuwendung. Kochen Sie Lieblingsessen, spielen Sie Spiele, gehen Sie raus und bleiben Sie hartnäckig. Akzeptieren Sie auch eine kurzfristige Ablehnung und Trotz. Lesen Sie gemeinsam Bücher zum Thema Trennung, die es für unterschiedliche Altersgruppen gibt wie „Und was wird jetzt mit mir? Scheidung – Die besten Antworten auf wichtige Kinderfragen“ für ältere Kinder oder „Wir sind immer für Dich da! Wenn Mama und Papa sich trennen“ für Jüngere. Wunderbar eignen sich unterstützend auch Gruppen für Trennungskinder, in denen ein Austausch mithilfe erfahrener Therapeuten über typische Sorgen und Erfahrungen stattfindet.

Gewalt gegen den jüngeren Bruder sollten Sie aber nicht akzeptieren. Deuten Sie es zunächst als „einfachen“ Aggressionsabbau und als Provokation einer erwartbaren Enttäuschung. Es handelt sich um „normale“ Aggressionen, die sich eigentlich gegen die Eltern richten, aber in der geschilderten Belastungssituation nicht gegen diese ausgeübt werden können. Denn Kinder verhalten sich ihren Eltern gegenüber grundsätzlich loyal. Schaffen Sie ein Alternativventil wie einen Boxsack, ein Kissen, gegen das geboxt werden kann, einen Wutsack, den Sie mit Sand, Luftballons und einem Trichter basteln können, ein Malangebot oder am besten ein körperliches Angebot, Wettrennen mit dem Opa.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die SZ, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an expertentipp@redaktion-nutzwerk.de

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