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Mittwoch, 15.11.2017

So müssen Sie nichts mehr für Arznei dazuzahlen

Für 2018 gelten neue Belastungsgrenzen. Schon jetzt können Anträge gestellt werden.

Von Stephanie Wesely

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© dpa

Die gesetzliche Krankenversicherung ist kein Rundum-Sorglos-Paket. Denn für die Mehrzahl der ärztlich verordneten Leistungen müssen Eigenanteile bezahlt werden – zum Beispiel für Physiotherapie, für verordnete Arzneimittel oder für den Krankenhausaufenthalt. Da kann übers Jahr ein hoher Betrag zusammenkommen.

„Damit Versicherte nicht aus Kostengründen wichtige Behandlungen ablehnen müssen, können sie sich von Zuzahlungen befreien lassen“, sagt Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus. Zum Beispiel dann, wenn sie eine bestimmte Belastungsgrenze erreicht haben. Diese liegt bei höchstens zwei Prozent des Bruttoeinkommens. Chronisch Kranke, die eine dauerhafte Behandlung benötigen, müssen nur ein Prozent ihres Jahresbruttos als Eigenleistung aufbringen. In Sachsen ist der AOK Plus zufolge fast jeder siebente gesetzlich Versicherte von Zuzahlungen befreit. Mehr als zehn Prozent sind chronisch krank.

Wer übers Jahr ein gleichbleibendes Einkommen bezieht, etwa Rentner oder Gehaltsempfänger ist, kann sich mit dem Zeitpunkt des Erreichens seiner Belastungsgrenze für das restliche Jahr von Zuzahlungen freistellen lassen. Bei schwankenden Einkünften kann die Abrechnung erst am Jahresende erfolgen. Folgende Schritte sind dazu nötig.

1. Schritt: Belastungsgrenze ermitteln.

Ausgangswert sind die Bruttoeinnahmen aller im Haushalt lebenden Familienangehörigen – einschließlich Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Für 2017 können Verheiratete vom gemeinsamen Jahresbrutto einen Freibetrag in Höhe von 5355 Euro abziehen. Für jedes familienversicherte Kind dürfen weitere 7356 Euro abgezogen werden. Ist ein Familienmitglied chronisch krank, liegt die Belastungsgrenze für alle bei einem Prozent der Jahresbruttoeinnahmen.

Chronisch krank ist, wer ein Jahr und länger mindestens einmal im Quartal ärztlich behandelt wurde. Das ist zum Beispiel bei Diabetikern der Fall. Außerdem muss eine kontinuierliche medizinische Versorgung erforderlich sein – etwa mit Medikamenten oder Physiotherapie. Auch ein Pflegegrad oder eine Behinderung können den Status „chronisch krank“ rechtfertigen. Diese Versicherten brauchen eine ärztliche Bescheinigung, in der die Art der Krankheit angegeben und dem Patienten ein therapiegerechtes Verhalten bestätigt wird.

Beispiel: Die Bruttoeinnahmen der Familie betragen für 2017 voraussichtlich 30.000 Euro. Für den Ehepartner dürfen davon 5355 Euro und für das familienversicherte Kind 7356 Euro abgezogen werden. Es bleiben 17.289 Euro. Die Belastungsgrenze der Familie liegt damit bei knapp 346 Euro. Ist ein Familienangehöriger chronisch krank, müssen für 2017 nur Eigenanteile von knapp 173 Euro gezahlt werden.

2. Schritt: Zuzahlungen abziehen.

„Nicht alles, was Versicherte für medizinische Behandlungen selbst bezahlt haben, können wir berücksichtigen“, sagt die AOK Plus-Sprecherin. Nicht angerechnet würden zum Beispiel Eigenanteile für Zahnersatz und für orthopädische Schuhe, Leistungen ohne ärztliche Verordnung, Kosten für individuelle Gesundheitsleistungen (IGel) und Kosten für Arzneimittel, die die Kasse nicht übernehmen darf oder die nicht auf Rezept verordnet wurden. Wer sich unsicher ist, sollte besser alle Quittungen über Zuzahlungen aufbewahren und von der Kasse prüfen lassen.

Berücksichtigt werden Zuzahlungen für ärztlich verordnete Arznei- und Verbandsmittel, Fahrkosten, Soziotherapie für psychisch Kranke, Hilfsmittel, Haushalthilfe, Heilmittel, Zuzahlungen fürs Krankenhaus und für die Reha. Die geleisteten Zuzahlungen sind per Quittung nachzuweisen. Der Name des Patienten muss auf der Quittung angegeben sein, sonst erkennen die Kassen den Beleg nicht an.

3. Schritt: Antrag auf Zuzahlungsbefreiung stellen.

Von der Internetseite der gesetzlichen Krankenkasse kann ein Antragsformular heruntergeladen werden. Versicherte erhalten die Vordrucke aber auch in den Geschäftsstellen der Kassen. Abgefragt werden hier persönliche Angaben zum Familienstand, zur Krankenversicherung, zur Bankverbindung und zur Familiengröße. Ferner die Art und die Höhe der Einkünfte. Dem unterschriebenen Antrag werden Kopien der Einkommensnachweise sowie die Originale der Quittungen über die Zuzahlungen beigefügt. Versicherte, die sich im laufenden Jahr von Zuzahlungen freistellen lassen, bekommen von der Kasse einen Ausweis, den sie bei jeder zuzahlungspflichtigen Leistung vorlegen.

4. Schritt: Zuzahlungsbefreiung für 2018 beantragen.

Gegen einen Einmalbeitrag in Höhe der persönlichen Belastungsgrenze können sich Versicherte mit voraussichtlich gleichbleibenden Einkünften bereits für das nächste Jahr von Zuzahlungen freistellen lassen. Das lohnt sich besonders für chronisch Kranke, die ständig Medikamente, Therapien oder stationäre Behandlungen brauchen. Die Belastungsgrenze wird jedes Jahr neu errechnet, für 2018 liegt sie etwas höher als derzeit. Verheiratete können vom gemeinsamen Jahresbrutto 5481 Euro und für jedes familienversicherte Kind, das mit im Haushalt lebt, 7428 Euro abziehen. Die Beispielfamilie aus Schritt 1 hätte also folgende Belastungsgrenzen: 30.000 Euro Jahresbrutto minus Freibeträge für Ehegatte und Kind ergeben ein anrechenbares Einkommen von 17.091 Euro. Ist ein Familienmitglied chronisch krank, müssten nur knapp 171 Euro, sonst knapp 342 Euro vorausgezahlt werden, um für das Jahr 2018 zuzahlungsbefreit zu sein.

Das zahlen gesetzlich Versicherte zu

  • Für verschreibungspflichtige Arznei- und Verbandsmittel: zehn Prozent des Preises, mindestens jedoch fünf und höchstens zehn Euro pro Packung, aber nie mehr als die tatsächlichen Kosten des Mittels. Bestimmte, besonders kostengünstige verschreibungspflichtige Arzneimittel gibt es auch ohne Zuzahlung.
  • Für Fahrkosten zur stationären Behandlung oder Rettungsfahrten: zehn Prozent der Kosten pro Fahrt, mindestens fünf und höchstens zehn Euro, aber nicht mehr als die tatsächlichen Kosten der Fahrt. Auch Kinder zahlen zu. Kosten für die Fahrt zur ambulanten Behandlung zahlt die Kasse nur in medizinisch zwingenden Ausnahmefällen, etwa zur Chemotherapie oder Dialyse.
  • Für eine Haushaltshilfe: zehn Prozent der täglichen Kosten, mindestens fünf und höchstens zehn Euro pro Tag.
  • Für häusliche Krankenpflege: zehn Prozent der Kosten für maximal 28 Tage sowie zusätzlich zehn Euro pro Verordnung.
  • Für Heilmittel wie Massagen: zehn Prozent der Kosten sowie zehn Euro pro Rezept, zum Beispiel für sechs Massagen.
  • Für Hilfsmittel wie Kompressionsstrümpfe oder Gehhilfen: zehn Prozent der Kosten pro Hilfsmittel, mindestens fünf Euro und höchstens zehn Euro, aber nicht mehr als die tatsächlichen Kosten des Hilfsmittels.
  • Für die stationäre Behandlung im Krankenhaus: zehn Euro für maximal 28 Tage Krankenhausaufenthalt im Jahr.
  • Für die Rehabilitation – ambulant und stationär: Zehn Euro pro Tag für die gesamte Dauer der Reha. Bei Anschlussheilbehandlungen aber begrenzt auf 28 Tage.
  • Für die Soziotherapie: Zehn Prozent der täglichen Kosten, mindestens fünf, höchstens zehn Euro je Behandlungstag, aber nicht mehr als die Kosten der Therapie.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. eine Frage

    hierzu hätte ich mal noch eine Frage: Muss ein volljähriges Familienmitglied (Sohn), welches eigenes Einkommen (Ausbildungsvergütung) hat, nicht familienversichert ist und noch im Haushalt der Eltern lebt einen eigenen Zuzahlungsbefreiungsantrag stellen wo auch nur seine eigenen Einkünfte berücksichtig werden?

  2. uwe

    @1: ...einfach die Krankenkasse direkt befragen.

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