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Samstag, 14.04.2018

Mehr Grippetote als gemeldet

Eine Expertin des Robert-Koch-Instituts spricht über Krankheitszahlen, Impfstoffe und den Einfluss des Wetters.

Oft blieb die Grippeschutz-Impfung in diesem Jahr wirkungslos.
Oft blieb die Grippeschutz-Impfung in diesem Jahr wirkungslos.

© Fredrik von Erichsen / dpa

Die Grippesaison forderte in Sachsen bereits 131 Tote. 45 000 Menschen sind seit Oktober erkrankt. Die Sächsische Zeitung sprach dazu mit Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts.

War die Grippewelle diesmal

schwerer als die im Jahr davor?

Das lässt sich erst in ein paar Monaten beurteilen, wenn wir alle Daten auswerten konnten. Was wir wissen, ist, dass es diesmal ungewöhnlich viele influenzabedingte Arztbesuche gab, auch mehr labordiagnostisch bestätigte Todesfälle durch Grippe. Doch das reicht nicht, um die Schwere einer Erkrankungswelle zu bewerten.

Wie wird denn die Zahl

der Grippekranken ermittelt?

Ein Netzwerk von rund 700 Haus- und Kinderarztpraxen meldet uns wöchentlich die Zahl der akuten Atemwegserkrankungen. Durch den Vergleich mit einem Zeitraum, in dem es ebenfalls viele Infekte, aber keine Grippe gab, können wir die Zahl der grippebedingten Arztbesuche und Erkrankten berechnen.

Warum gab es diesmal so viele Arztbesuche mehr?

Es dominierte ein Influenzavirus, das in den vergangenen Jahren kaum vorkam. Deshalb ist die Immunität geringer.

In dieser Saison erkrankten vorwiegend Erwachsene zwischen 40 und 60 Jahren, im letzten Jahr mehr sehr alte Menschen. Liegt das am Virustyp?

Alle saisonalen Grippeviren können relativ leichte und auch schwere Krankheitsverläufe bis hin zu Todesfällen verursachen. Jeder Virustyp hat aber Eigenarten. Der, der in dieser Saison dominiert, verursacht zum Beispiel eher Erkrankungen bei Personen im mittleren Erwachsenenalter, also etwa ab 35 Jahren. Diese Altersgruppe ist von der Grundkonstitution aber meistens gesünder als Über-60-Jährige. Daher ist die Zahl der Todesfälle meist nicht so hoch wie in Saisons mit Virustypen, die vor allem sehr alte Menschen betreffen. Das war zum Beispiel im Winter 2016/17 so.

Bis jetzt wurden aber mehr Todesfälle gemeldet als im letzten Winter – bundesweit fast 1 300. In der Vorsaison waren um diese Zeit knapp 680 Menschen an Grippe gestorben. Sind die Zahlen realistisch?

Es werden bei Weitem nicht alle mit Influenza in Zusammenhang stehenden Todesfälle als solche erkannt oder gar labordiagnostisch bestätigt. Die gemeldeten Daten sind daher nur ein Bruchteil. Die influenzabedingte Sterblichkeit wird durch statistische Verfahren geschätzt. Verglichen wird, vereinfacht gesagt, die Zahl der Sterbefälle in Monaten mit und ohne Grippeviren. Die Zahl der Toten kann bei den einzelnen Grippewellen stark schwanken. Die meisten gab es mit geschätzt 21 300 in der Saison 2014/15. Die Werte für 2016/2017 gibt es noch nicht, für die aktuelle Saison ist das frühestens Ende 2019 möglich.




Welchen Einfluss hat das Wetter auf die Erkrankungszahlen? Im Sommer gibt es ja kaum Grippekranke.
Influenzaviren sind bei niedrigen Temperaturen und in trockener Luft stabiler. Hinzu kommt, dass bei trockener Heizungsluft im Winter die Schleimhaut der oberen Atemwege anfälliger für eine Infektion ist. Ein weiterer Faktor könnte sein, dass man sich im Winter längere Zeit zusammen mit anderen Menschen in weniger gut belüfteten Räumen aufhält. Auch das Immunsystem ist im Winter weniger schlagkräftig als im Sommer. Auf die Schwere und den Verlauf einer Grippewelle hat das Wetter aber keinen Einfluss.

Die aktuelle Grippesaison war vom Streit um den richtigen Impfstoff geprägt. Wie wird die Zusammensetzung ermittelt?
Referenzlaboratorien auf der ganzen Welt – in Deutschland das am Robert-Koch-Institut angesiedelte Nationale Referenzzentrum für Influenza – untersuchen das ganze Jahr über die zirkulierenden Influenzaviren und übermitteln ihre Ergebnisse an die Weltgesundheitsorganisation. Die veröffentlicht jeweils Ende Februar die Zusammensetzung des nächsten Grippeimpfstoffs, damit die Impfstoffhersteller genug Zeit für die Produktion haben. Grippeviren sind aber sehr wandelbar. Es ist möglich, dass sich in der Zwischenzeit andere Varianten durchsetzen, sodass empfohlene Impfstämme nicht mehr optimal passen.

Lässt sich der Impfstoff treffsicherer machen?
Die Schutzwirkung der Influenzaimpfung ist wegen der hohen Wandelbarkeit der Viren geringer als bei anderen Impfungen. Hinzu kommt, dass ältere Menschen oft eine reduzierte Immunantwort haben, sodass die Impfung bei ihnen weniger zuverlässig wirkt. Sie können ihr Influenzarisiko durch die Impfung im Mittel etwa halbieren. Das bedeutet, dass jeder zweite Geimpfte vor Erkrankung geschützt ist. Auch wenn die Wirksamkeit nicht optimal ist, können viele Erkrankungsfälle verhindert werden. In Deutschland sind das selbst bei den aktuell mäßigen Impfquoten etwa 400.000 Influenzaerkrankungen pro Jahr bei Personen über 60 Jahre. Zudem wurde in zahlreichen Studien gezeigt, dass die Grippe bei geimpften Personen oft milder, also mit weniger Komplikationen und damit auch weniger Todesfällen, verläuft.

Interview: Stephanie Wesely

Informationen, Karten und Berichte über die Virusgrippe und grippale Infekte in Deutschland und Sachsen findet man im Internet unter https://influenza.rki.de Die Wochenberichte der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen gibt es unter www.lua.sachsen.de

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