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Samstag, 11.11.2017

Letzte Station Hospiz

Nur 112 Plätze gibt es in Sachsen für Sterbende. Marianne Deißenbeck ist erst 50, als sie ihren letzten Weg antritt.

Von Gabriele Fleischer

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Allein laufen kann Marianne Deißenbeck nicht mehr, als sie im September in die Schustervilla in Oederan einzieht. Es wird ihr Wohnort für die letzten Lebenswochen. Ihr Mann Manfred und Hospizmitarbeiter wie Silvia Oehme kümmern sich liebevoll um die Sterbenskranke. Am 17. Oktober ist sie dort im Kreis der Familie gestorben.
Allein laufen kann Marianne Deißenbeck nicht mehr, als sie im September in die Schustervilla in Oederan einzieht. Es wird ihr Wohnort für die letzten Lebenswochen. Ihr Mann Manfred und Hospizmitarbeiter wie Silvia Oehme kümmern sich liebevoll um die Sterbenskranke. Am 17. Oktober ist sie dort im Kreis der Familie gestorben.

© Hendrik Jattke

Eigentlich will Marianne Deißenbeck mit ihrem Mann nach Berlin zu einer Hochzeit. Aber die 50-Jährige ist zu schwach. Sie hat Brustkrebs im Endstadium. Die weite Reise würde sie nicht mehr schaffen. Die WhatsApp-Gruppe der Familie hält sie mit Fotos und Informationen auf dem Laufenden. Als sich immer mehr Metastasen im Körper der Schwerkranken ausbreiten, braucht sie ständig Hilfe. Ihr Mann Manfred kümmert sich um sie – bis er es allein nicht mehr schafft. Anfang September kommt Marianne Deißenbeck ins Hospiz „Ellen Gorlow“ in Oederan – eine stationäre Einrichtung, die sich auf Sterbebegleitung spezialisiert hat. Acht weitere solcher Häuser gibt es in Sachsen. 112 Betten stehen laut Sozialministerium insgesamt bereit. Dass das Hospiz der letzte Wohnort von Marianne Deißenbeck werden würde, ist der Familie bewusst. Nun will sie ihr mit den Betreuern den letzten Lebensabschnitt so lebenswert wie möglich gestalten.

Bezahlen müssen Hospiz-Bewohner wie Marianne Deißenbeck nichts. 95 Prozent der Kosten für sie übernehmen die Krankenkassen. Das sind etwa 275 Euro pro Tag und Bewohner. Vier Wochen lang wird das Geld zunächst gezahlt. Dann müsse es neu beantragt werden, sagt AOK-Plus-Sprecherin Hannelore Strobel. Allerdings sei das ein ständiger Kampf, so Petra Kröner, Vorsitzende des Vereins Begleitende Hände, der das Hospiz und einen ambulanten Hospizdienst führt. Immer wieder müssten Antragsformulare neu ausgefüllt und bei Ablehnung in Widerspruch gegangen werden. „Unwürdig für die Schwerkranken und ihre Angehörigen“, findet Kröner. Auch den Mitarbeitern im Heim würde so Zeit für die Bewohner verloren gehen. Zudem sei es für den Verein nicht leicht, die fehlenden fünf Prozent an Kosten aufzubringen. In Oederan sind es 14 Euro pro Tag und Bewohner, die durch Spenden gedeckt werden müssen. Ein Zettel im Eingangsbereich zeigt, dass Hilfe nottut. Toiletten- und Küchenpapier, Kosmetikartikel werden als Sachspenden angenommen.

Marianne Deißenbeck spürt davon zum Glück nichts. Täglich kommt ihr Ehemann Manfred zu Besuch, so oft es geht Söhne, Tochter, Schwiegerkinder und die fünfjährige Enkeltochter. Manchmal fahren sie die Mutter im Rollstuhl in die benachbarte Miniaturausstellung „Klein Erzgebirge“. 20 Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer unterstützen die Sterbenskranken dabei, ihren Rhythmus zu finden, helfen, den Alltag zu meistern und Wünsche zu erfüllen: ein Eis, ein Auftritt mit der Feuerwehrkapelle, eine Geburtstagsparty. Dabei, aber auch bei Gesprächen, Spaziergängen und einer Sitzwache am Sterbebett seien Ehrenamtliche eine Stütze, sagt Silva Oehme vom Verein.

Zehn Zimmer gibt es in Oederan. Mehr als 16 hat kein Hospiz, damit es familiär bleibt. Zweimal in der Woche ist Visite. Palliativärzte schauen, wo sie Schmerzen lindern können. Für Notfälle ist der 24-Stunden-Dienst des Palliativnetzes in Freiberg da. Besucher können jederzeit kommen und in den Zimmern ihrer Lieben mit übernachten. Im Haus werden die Türen weit geöffnet, wenn der Chor donnerstags probt. Wer mag, darf mitsingen, sich ein Lied wünschen oder auch die Tür schließen. Wer in die Küche kommt, hilft mit oder schaut zu, was gekocht wird – vielleicht eine Lieblingsspeise. So wie die der aus Oberbayern stammenden Marianne Deißenbeck: Bayrischer Kartoffelsalat oder Schweinebraten mit Semmelknödel.

Wie in Oederan ist es in allen Hospizen: „Die Bewohner bestimmen, wie ihr Tag verläuft“, sagt Oehme. Es ist ein Wohnort auf Zeit – manchmal nur für einen Tag oder auch für eineinhalb Jahre. Ab 18 Jahre alt sind die Bewohner.

Wichtig für den Verein Begleitende Hände ist die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. Schon beim Umbau der einstigen Fabrikantenvilla zum Hospiz sei die Hilfe groß gewesen. Petra Kröner wünscht sich aber mehr Unterstützung durch Landes- und Bundespolitik. Das Geld sollte für die Betreuung reichen. Oederans Bürgermeister Steffen Schneider (Freie Wähler): „Finanzielle Risiken bei der Betreuung Sterbenskranker müssten vom Staat übernommen werden.“ Selbstverständlich ist es also nicht, einen Hospizplatz zu bekommen. Und der Weg dahin ist vielen nicht bekannt. Auch Manfred Deißenbeck erfuhr es nur, weil der Sohn ein Bekannter von Petra Kröner ist. Behandelnde Ärzte in der Ambulanz und im Krankenhaus sollten ihren Patienten diese Möglichkeiten eröffnen. Sie müssen die Notwendigkeit einer stationären Hospizversorgung bestätigen, damit der Antrag bei der Kasse eingereicht werden kann. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung prüft und gibt eine Empfehlung. Mit 27 Betten auf eine Million Einwohner liegt Sachsen bei den Hospizen im Bundesdurchschnitt. Weitere solche Einrichtungen mit mehr als 40 Betten sind in Werdau, Torgau, Leisnig und Dresden geplant. In Dresden entsteht laut Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin bis 2020 ein Hospiz. „Das ist für diese Stadt dringend nötig“, sagt Dr. Barbara Schubert, Chefärztin der Fachabteilung für Onkologie, Geriatrie und Palliativmedizin der Klinik für Inneres am St. Joseph-Stift Dresden. Manchmal müssten Patienten zu lange auf Palliativstationen bleiben, weil kein Platz in einem Hospiz frei oder in der Nähe ist.

Familie Deißenbeck hatte Glück. Auch wenn der Mutter der Auszug aus ihrem Haus im nahe gelegenen Langenau schwergefallen war, fühlt sie sich gut aufgehoben. Denn ihr Mann, der bei einer Sicherheitsfirma arbeitet, ist oft nicht da. Auch die drei erwachsenen Kinder können nicht ständig freinehmen. „Doch wenn sie da sind, geht es mir gut“, sagt Marianne Deißenbeck mit leiser Stimme. Seit ihre Stimmbänder durch die Krankheit gelähmt sind, kann sie kaum noch sprechen. Sie erträgt ihr Leiden tapfer, ist dankbar für jede Berührung, jedes Gespräch. Sie löst gern Kreuzworträtsel, auch wenn sie immer mehr Mühe hat, den Stift zu halten. Und sie mag es, wenn die Familie zum gemeinsamen Mittagessen kommt. So wie diesmal, als Sohn Christoph und seine Freundin Stefanie neben der Mutter, den Bewohnern und dem Personal Platz nehmen und eine Portion Nudeln bekommen. Nur Ehemann Manfred will nichts essen. Er erzählt, über seine Ehe, den Umzug von Oberbayern vor zwölf Jahren und die neue Heimat. „Obwohl wir umsorgt werden, fehlt mir Marianne zu Hause“, sagt er.

Dabei glaubte die Familie nach der Diagnose Brustkrebs 2007 und der Behandlung, dass die Krankheit besiegt ist. Aber sie kam wieder, mit aller Wucht, nach über sieben Jahren. „Ihren Wunsch zum 50. Geburtstag, ein Besuch des Musicals König der Löwen in Hamburg, haben wir ihr erfüllt“, erzählt ihr Mann. „Zum 31. Hochzeitstag waren wir noch zusammen essen.“

Er lässt seinen Tränen freien Lauf. „Es ist wichtig, trauern zu können, egal wie“, sagt Petra Kröner, die sich auch als Trauerbegleiterin um die Angehörigen kümmert, um Erwachsene und Kinder. Der 23-jährige Christoph Deißenbeck mag nicht reden. Er verabschiede sich auf seine Weise von der Mutter. Er weiß seine Freundin Stefanie an seiner Seite. Wie selbstverständlich geht sie mit ihm ins Hospiz. Als die Schwerkranke sie bittet, ihr einen Augenbrauenstift mitzubringen, erfüllt sie den Wunsch. Obwohl sich Marianne nie geschminkt hätte, will sie in ihren letzten Lebenswochen „nicht so krank aussehen“, sagt Stefanie. Mit ihrer Familie und den Pflegern ringt Marianne Deißenbeck um jeden Tag.

Bis zum 17. Oktober. An diesem Abend verliert sie den Kampf gegen die Krankheit – mit 50 Jahren. Ihre Familie ist bei ihr. Den letzten Wunsch kann ihr Mann nicht mehr erfüllen. Seine Marianne war Fan von Bülent Ceylan. Für 16. November hatte er für sie eine VIP-Karte organisiert. An dem Tag tritt der Comedian in Chemnitz auf.

Alle bisher erschienenen Teile der Serie „In Würde sterben“ finden Sie hier.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Kerstin

    Ich ziehe den Hut vor denen, die Sterbende begleiten, sie leisten unglaubliches, was in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig gewürdigt wird. Es ist schon schlimm, wie im öffentlichen Leben überhaupt mit dem Tod umgegangen wird. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass man, wenn gerade ein Angehöriger an Krebs verstorben ist, von anderen gemieden wird, als hätte man eine ansteckende Krankheit. Da wechseln Leute die Straßenseite und können nicht mal sagen, dass es ihnen leid tut.

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