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Mittwoch, 13.09.2017

Ist Reizdarm heilbar?

Fünf Millionen Deutsche leiden an der Krankheit. Ab heute beraten Ärzte in Dresden über neue Therapien.

Von Stephanie Wesely

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Reizdarm: Vor allem Frauen sind davon betroffen.
Reizdarm: Vor allem Frauen sind davon betroffen.

© ddp images

Christine Emming verlässt nicht das Haus, ohne sich zu vergewissern, dass Toiletten in der Nähe sind. Die Rentnerin leidet seit anderthalb Jahren an Reizdarm. Eine Infektion mit Yersinien – einer speziellen Bakterienart – ging dem Ganzen voraus. Wochenlang nahm sie Antibiotika. Die Bakterien waren weg, die Beschwerden aber blieben.

„Das ist kein Einzelfall. Bei etwa jeder dritten infektiösen Magen-Darm-Erkrankung bleiben die Symptome bestehen. Sie werden als Reizdarm bezeichnet“, sagt Miriam Goebel-Stengel, Internistin und Reizdarmspezialistin aus Sachsen-Anhalt. Sie ist Vorsitzende des Patientenforums für Magen-DarmErkrankungen und eine der Referentinnen auf dem heute in Dresden beginnenden Kongress zur Viszeralmedizin. Mehr als 5000 Ärzte diskutieren über neue diagnostische Möglichkeiten und Therapien bei Leber-, Magen-Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrankheiten.

Darmprobleme sind weit verbreitet. Unverstanden und deshalb oft falsch oder gar nicht behandelt wird Miriam Goebel-Stengel zufolge die Reizdarmerkrankung. Betroffene haben Durchfall, Verstopfung oder beides, starke Bauchschmerzen mit Krämpfen, Völlegefühl oder Blähungen. Sie isolieren sich deshalb und sind in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt. Die Patienten erlebten oft eine Odyssee von Arzt zu Arzt und würden schnell als Simulanten abgestempelt, wie Erkrankte ihr immer wieder berichten. Die Ärztin begrüßt es deshalb sehr, dass sich dieser Volkskrankheit auf dem Kongress gewidmet wird.

Auch Christine Emming wird den Kongress verfolgen – nicht persönlich wegen der Einschränkungen durch ihre Erkrankung, jedoch von zu Hause aus. Sie beginnt jetzt einen Therapieversuch mit einem speziellen Antidepressivum, das auch in der Schmerztherapie eingesetzt wird. Ein neuer Ansatz. Hinzu kommen Entspannungsverfahren und Ernährungsberatung. Mehrere Magen- und Darmspiegelungen, Blutuntersuchungen, Atemtestungen wegen Laktose-, Fruktose- und Histaminunverträglichkeit hat sie bereits hinter sich. Auch der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel blieb ergebnis- oder erfolglos. „Jede Behandlung musste ich mir erkämpfen. Mein Internist sagte im Frühjahr zu mir, dass ich austherapiert bin und es nun keine Möglichkeiten mehr gibt“, sagt sie. „Das hat mich umgeworfen und entmutigt, denn so wie jetzt wollte ich nicht weiterleben.“ Doch in einer psychosomatischen Sprechstunde, die sie auch auf eigene Initiative aufsuchte, erfuhr sie von der Behandlungsmöglichkeit mit den Antidepressiva, und bei ihr keimte wieder Hoffnung.

Auch Miriam Goebel-Stengel weiß, dass die Behandlung des Reizdarmsyndroms
für viele ihrer Berufskollegen nicht attraktiv genug ist. Manche betrachten es eher als Befindlichkeit, nicht als Krankheit. Denn die Patienten hätten viel Gesprächsbedarf, die Diagnostik sei aufwendig und langwierig, zusätzlich gebe es wenig
gesicherte Therapien. „Die sprechende
Medizin wird heute leider nicht genug gewürdigt und ist deshalb unterbezahlt“, sagt die Ärztin.

Hinsichtlich der Ursachen sei man in der Forschung schon weiter. So weiß man, dass Stress im Alltag die Erkrankungsschübe zwar begünstigen, aber nicht auslösen könne. Frühkindlicher Stress hingegen habe eine größere Bedeutung. Neben schweren traumatischen Erlebnissen wie Gewalterfahrungen werden im Tiermodell auch Verlassensängste untersucht. Es gibt viele Hinweise darauf, dass eine Aktivierung des Immunsystems sowie Imbalance der Darmbakterien eine Rolle spielen.

Reizdarmsymptome treten der Ärztin zufolge auch oft im Zusammenhang mit Allergien, Intoleranzen und Sensitivitäten gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln auf. Laut AOK Plus haben Lebensmittelunverträglichkeiten seit dem Jahr 2010 um fast 60 Prozent zugenommen. Besonders auffällig seien die Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) und die
Zöliakie (Glutenunverträglichkeit). Hier habe sich die Zahl der Erkrankten seitdem fast verdoppelt. Daher ist es wichtig, diese Erkrankungen auszuschließen, bevor man die Diagnose Reizdarmsyndrom stellt. Frauen seien überdurchschnittlich häufig vertreten.

Miriam Goebel-Stengel hat neben diesen Patienten auch viele mit Fruktose- und Histaminunverträglichkeiten. Will man solche Lebensmittel meiden, müsse man auf sehr viel verzichten. Auslassversuche zu Diagnostikzwecken sollten deshalb immer unter ärztlicher Kontrolle und einer Begleitung durch Ernährungsberater stattfinden.

„Viele Patienten greifen nach jedem Strohhalm. Sie geben viel Geld für Diagnostik, zum Beispiel spezielle Stuhlanalysen, aus, deren Nutzen sehr zweifelhaft ist“, sagt die Ärztin. So sei zwar bekannt, dass Darmbakterien eine große Rolle für Gesundheit und Krankheit spielen, doch
welche Bakterien genau welche Bedeutung haben, sei noch nicht ausreichend erforscht. Auch vor nicht abgesicherten
Behandlungen durch Heilpraktiker möchte die Medizinerin warnen. Gerade für die häufig empfohlenen Probiotika sei die
Studienlage 50:50. Sie rät Betroffenen,
die dennoch auf eigene Kosten bestimmte Therapien versuchen wollen, alles,
was nach drei bis vier Wochen keine spürbare Wirkung gezeigt habe, wieder wegzulassen.

Empfehlenswert und kostenlos sei hingegen das Führen eines Tagebuches, in dem nicht nur die Nahrungsmittel notiert werden, sondern auch bestimmte Aktivitäten und Stresssituation sowie die festgestellten Beschwerden. „Auf diese Weise lassen sich viele Auslöser finden und mit etwas Mühe vermeiden“, sagt Miriam Goebel-Stengel. „Mit meinen Patienten versuche ich herauszufinden, welches Symptom am belastendsten für sie ist. Das gehen wir dann gezielt an.“

Viele nehmen dann zum Beispiel entkrampfende Mittel und Präparate gegen Durchfall. Pflanzliche Mittel zeigten hier oft eine gute Wirkung. Auch die besagten Antidepressiva zeigten gute Ergebnisse. Hoffnung macht sie auch Patienten, die die Reizdarmsymptomatik nach entzündlichen Magen-Darm-Erkrankungen bekommen haben. „Bei etwa einem Drittel der Betroffenen verschwindet die Krankheit von alleine, die anderen sind zumindest behandelbar.“

Christine Emming hofft, auch zu dem Drittel zu gehören. „Wenn nicht, kämpfe ich weiter. Ich war früher nie krank und will meine Gesundheit wiederhaben. Wir Patienten müssen uns unsere Zuversicht eben selber verordnen.“

Arzt-Patienten-Seminare

Am Samstag, dem 16. September, finden zum Abschluss des Kongresses zur Viszeralmedizin in der Messe Dresden, Messering 6, folgende Arzt-Patienten-Seminare statt:

  • Thema Lebererkrankungen, zum Beispiel akute und chronische Leberentzündungen; Ort: Gartensaal; Zeit: 10 bis 13 Uhr.
  • Thema Chronisch-Entzündliche-Darmerkrankungen, zum Beispiel Morbus Crohn und Colitis ulcerosa; Ort: Festsaal; Zeit: 9 bis 13.30 Uhr.
  • Thema Reizdarm, zum Beispiel Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Diagnostik und Therapie; Ort: Palais-Zimmer; Zeit: 10 bis 13 Uhr.
  • Thema Bauchspeicheldrüse, zum Beispiel erblich bedingte Erkrankungen des Pankreas, Entzündungen, Blutzuckerentgleisung; Ort: Musikzimmer; Zeit: 10 bis 13.30 Uhr.

Die Teilnahme ist kostenfrei.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Ana Munier

    vielen Dank für den sehr informativen Artikel über diese Form der Erkrankung. Mehr als überflüssig ist es allerdings vor einer Behandlung beim Heilpraktiker zu warnen. Sind es doch gerade bei dieser Erkrankung die Heilpraktiker, die sich die Zeit nehmen, auch labortechnisch Ursachenforschung zu betreiben und einen Lebensstil mit den Patienten herauszuarbeiten, der für diese gangbar ist und wieder Lebensqualität bietet. Wann endlich wird eine sinnvolle Zusammenarbeit von Ärzten und Heilpraktikern zum Wohle des Patienten, der im Mittelpunkt stehen sollte ohne sich darin aufzureiben, möglich sein. Alle würden davon profitieren.

  2. C.G.

    @1 - Heilpraktiker darf sich jeder nach dem Besuch eines Crashkurses nennen. Wer da hingeht, ist selbst schuld.

  3. Ana Munier

    zu 2. Eine Zulassung, um als Heilpraktiker arbeiten zu können, ist an deutlich mehr Voraussetzungen geknüpft als an einen einfachen Crashkurs. Es wäre doch gut, so etwas nicht zutreffendes hier als Schlagwort zu behaupten. Es könnte ja jemand Ihnen glauben und es bestände die Möglichkeit, das damit würde eine qualitative medizinische Behandlung eines Patienten verhindert würde. Über Zugangsvoraussetzungen und rechtliche Einbindung zum Beruf kann man sich im Internet bei RA Rene Sasse informieren: http://www.heilpraktikerrecht.com/wp-content/uploads/2017/08/20170821-Kurzgutachten-HP-Recht-signed.pdf

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