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Samstag, 05.08.2017

„Ich möchte nicht allein sterben“

Die Landeschefin für Hospizarbeit und Palliativmedizin über die letzten Lebenswochen, Schmerzlinderung und geteiltes Leid.

Von Gabriele Fleischer

Trösten, zuhören: Palliativmedizinerin Dr. Sylvia Schneider-Schönherr mit Patientin Rosemarie Krüger in der Klinik für Schmerztherapie und Palliativmedizin Chemnitz-Rabenstein. +
Trösten, zuhören: Palliativmedizinerin Dr. Sylvia Schneider-Schönherr mit Patientin Rosemarie Krüger in der Klinik für Schmerztherapie und Palliativmedizin Chemnitz-Rabenstein. +

© Toni Söll

Fragen nach dem letzten Lebensabschnitt stellen sich die meisten Menschen erst dann, wenn sie ihn antreten müssen. Viele wissen nicht, welche Möglichkeiten es in Sachsen gibt, Schwerstkranke und Sterbende zu begleiten. Dabei sind in den vergangenen zehn Jahren immer mehr Angebote dazugekommen. Welche das sind und wo es noch Lücken gibt, darüber sprach die Sächsische Zeitung mit Palliativmedizinerin Dr. Sylvia Schneider-Schönherr, Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes für Hospizarbeit und Palliativmedizin Sachsen.

Frau Dr. Schneider-Schönherr, Sie sind Palliativmedizinerin. Was heißt das?

Als Palliativärztin helfe ich Schwerkranken, Leid zu lindern, gebe dort, wo es notwendig ist, Schmerzmittel und lege Sonden, um die Ernährung zu ermöglichen. Ich bin bereit, mich auf die Ausweglosigkeit, die Angst der Betroffenen einzulassen und ihnen in genau dieser Situation beizustehen. Als Palliativärztin muss ich wissen, welchen Fachkollegen oder Therapeuten ich an welcher Stelle noch hinzuziehen kann, um die Gesamtsituation tragen zu können. Egal wie sich Medizin weiterentwickelt, letztlich ist Leben endlich. Das ist auch gut so. Aber aushalten können wir das Wissen darum nur gemeinsam. Als junge Assistenzärztin erlebte ich, wie hilflos sich Ärzte nach einem Suizidversuch einer schwersterkrankten jungen Frau zeigten – und wie ihr ein Palliativmediziner half. Das Ereignis hat mich zutiefst beeindruckt und in meinem Berufswunsch bestärkt.

Vor 20 Jahren hat kaum einer über Hospizarbeit und Palliativmedizin gesprochen. Wie ist das heute?

Heute gibt es in Sachsen fast flächendeckend ein Netz stationärer und ambulanter Angebote für Betroffene und Angehörige. Neben acht stationären Hospizen, davon einem Kinderhospiz, gibt es 55 ambulante Hospizdienste, davon sechs für Kinder, 31 Palliativstationen in Krankenhäusern, 18 Teams spezialisierter ambulanter Palliativversorgung, davon eines für Kinder und Jugendliche. Nur in der Region Weißwasser und in Nordsachsen gibt es weiße Flecke.

Wie wird entschieden, wer wann und wo betreut wird?

Das ist abhängig von der Familiensituation, vom Krankheitsverlauf und der nötigen Versorgung. Es ist möglich, Menschen bis zum Tod zu Hause zu betreuen. Ambulante Palliativteams mit Ärzten, Pflegern, Sozialarbeitern und Physiotherapeuten sind im 24-Stunden-Bereitschaftsdienst darauf vorbereitet. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich in ambulanten Hospizdiensten. Hier geht es um eine sozial-psychologische Betreuung bis zur Trauerhilfe, nicht um eine diagnostische und medizinische Arbeit. Hospizhelfer hören zu, reden mit Betroffenen, um mit ihnen Krisen zu meistern. Wo eine Betreuung daheim nicht möglich ist, werden schwerstkranke und sterbende Menschen auf Palliativstationen von Krankenhäusern betreut oder in Hospizen auf dem letzten Lebensabschnitt begleitet. Auch dort werden die Patienten medizinisch versorgt und gepflegt – und es gibt Raum für Gespräche, gemeinsame Unternehmungen, für Lachen, Weinen, Trost und Abschiednehmen.

Worin unterscheiden sich Hospiz und Palliativstation?

Im Hospiz werden Menschen in ihren letzten Lebenswochen in der Regel bis zum Lebensende begleitet. Auf Palliativstationen dagegen werden Schwerkranke mit dem Ziel behandelt, belastende Symptome wie Atemnot und starke Schmerzen zu lindern. Danach werden die meisten zur weiteren Betreuung nach Hause, in eine Pflegeeinrichtung oder in ein Hospiz entlassen. Nur etwa 40 Prozent der Patienten versterben auf der Palliativstation.

Viele Menschen sterben in Pflegeheimen – allein und ohne Betreuung.

Ja, solche Fälle gibt es leider noch. Oft fehlen Personal und eine spezielle Ausbildung. Inzwischen arbeitet in Annaberg die sachsenweit erste Koordinatorin für Palliativversorgung in einem Heim. Zu ihren Aufgaben gehört die Organisation der Begleitung Sterbender. Obwohl der Einsatz ambulanter Hospizdienste in Heimen keine gesetzliche Pflicht ist, ist er wichtig für Betroffene. Die Pflegekräfte müssen qualifiziert sein, um die besonderen Anforderungen bei der Betreuung Sterbender meistern zu können. Denn es geht nicht nur um Grundversorgung, sondern um eine an Krankheiten angepasste Pflege. Das erfordert neben Qualifizierung viel Zeit – beispielsweise wenn Bewohner unruhig werden, um Schmerzen zu lindern, für eine besondere Pflegemaßnahme wie Aromatherapie oder eine beruhigende Waschung. In den wenigsten Fällen ist das Praxis. Noch gibt es auch keine Finanzierung für Sterbebegleitung in Heimen. Das muss sich ändern.

Wo sehen Sie noch Probleme bei der Betreuung Sterbender?

Das Budget für die Einrichtungen müsste flexibler einsetzbar sein. Wenn wir beispielsweise auf der Palliativstation Patienten länger betreuen müssen, weil in Pflegeheimen und Hospizen keine Betten frei sind, müsste das finanziell ausgeglichen werden. Ambulante und stationäre Dienste sollten besser miteinander verbunden werden, um Lücken schließen zu können. Zudem müsste ein Modus gefunden werden, um die Qualität der Hospiz- und Palliativversorgung kontrollieren zu können.

Wie wird das derzeit kontrolliert?

Entweder durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen oder die Heimaufsicht. Allerdings wird da nur die Qualität der Struktur, nicht der Pflegeleistungen gemessen. Das heißt, wie viele Betten belegt sind und wie viel Personal beschäftigt ist. Als Landesverband wollen wir aber erreichen, dass auch die Arbeit mit den Patienten nach einheitlichen Kriterien bewertet und so auch für Betroffene und ihre Angehörigen transparent wird.

Wer finanziert die Hospiz- und Palliativarbeit?

In erster Linie die Krankenkassen über die Beiträge. Mit der Umsetzung des 2015 verabschiedeten Hospiz- und Palliativgesetzes hat sich der Zuschuss der Krankenkassen für stationäre Hospize erhöht. Der Tagessatz ist von 198 auf 261 Euro gestiegen. Die Krankenkassen übernehmen jetzt 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten, fünf Prozent fließen über Spenden. Bei der ambulanten Hospizarbeit werden zwar nicht die Einsätze über die Krankenkassen gefördert, aber die entstehenden Kosten. Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung wird über Pauschalen nach Einzelgenehmigung vergütet. Aber auch hier fehlen einheitlichen Kriterien. Auf Palliativstationen gilt zudem die Zuzahlungsregelung wie für jeden Krankenhausaufenthalt.

Die Betreuung Sterbender ist die eine Seite. Respektieren Sie aber auch den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe, wenn die Situation ausweglos erscheint?

Unabhängig von jeder gesetzlichen Regelung würde ich persönlich als Ärztin nie gezielt eine Todesspritze setzen. Als Palliativärztin kann ich den Patienten aber viele Beschwerden erträglicher machen. Auch durch die Patientenverfügung gibt es Möglichkeiten, Leiden zu verkürzen, indem den Wünschen nach Aussetzen lebensverlängernder Maßnahmen wie Flüssigkeitszufuhr oder Anlegen von Ernährungssonden entsprochen wird. Viele Beschwerden am Lebensende können aber behandelt und oft gelindert werden. Und bevor über gesellschaftlich unterstützten Suizid im schweren Krankheitsfall und bei nahendem Tod diskutiert wird, sollten Hilfsmöglichkeiten für alle erreichbar sein und bekannter gemacht werden.

Wie sollte das passieren?

Ärzte, Vereine, Hospiz- und Palliativdienste müssen den Patienten Hilfsangebote aufzeigen, ihnen erklären, wo sie sich hinwenden können. So finden sich auf der Internetseite des Landesverbandes für Hospiz- und Palliativarbeit viele Hinweise.

Wie gehen Sie selbst mit dem Tod um?

Es wäre vermessen zu sagen, ich hätte davor keine Angst. Nur muss man sich seinen Todes- und Lebensängsten stellen. Das war vor 20 Jahren noch anders. Aber ich habe mich intensiv mit unterschiedlichen Facetten von Tod und Sterben auseinandergesetzt, als Ärztin in der Ausbildung, als Palliativmedizinerin und durch persönliche Erfahrungen. Ich selbst bekam als junge Frau mit zwei kleinen Kindern eine Diagnose, die mein Leben verkürzen sollte. Die Diagnose erwies sich später als falsch. Aber es waren schlimme Momente, als ich alles regeln musste für die Zeit, die meine Kinder ohne mich leben würden. Je älter man wird, umso mehr ändern sich auch Einstellungen und Ängste. Ich hoffe für mich, dass ich den Mut habe, mich der Situation des Sterbens zu stellen und Hilfe annehme. So wie ich das tagtäglich meinen Patienten nahebringe. Ich wünsche mir, beim Sterben nicht allein zu sein und möchte von meinen Lieben dabei gehalten werden.

Alle bisher erschienenen Teile der Serie „In Würde sterben“ finden Sie hier.




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