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Mittwoch, 19.04.2017 Kolumne: Des Pudels Kern

Hundeliebe

Sie machen alles dreckig, jagen uns bei Regen raus und nerven mit ihrem Winseln: Was haben Hunde, dass wir sie trotz allem so sehr mögen?

Von Nadine Wolf

Bei Wind und Wetter muss der Vierbeiner ausgeführt werden.
Bei Wind und Wetter muss der Vierbeiner ausgeführt werden.

© Symbolfoto: dpa

Warum halten sich Menschen einen Hund? Wieso holt man sich ein domestiziertes Raubtier ins Haus, das keinen sichtbaren Nutzen zu haben scheint? Hunde werden doch eigentlich nicht mehr gebraucht. Kaum jemand ist heute mehr auf einen Hütehund, Wachhund oder Jagdhund angewiesen. Dennoch leben knapp acht Millionen Hunde in Deutschland.

Für jene, die die Beziehung zwischen Hund und Mensch nicht kennen, mag sie einseitig oder gar überflüssig erscheinen. Wer heute einen Hund hält, muss bestimmte Motive verfolgen: Bestimmt sucht er einen Kinder- oder Partnerersatz oder ist generell unfähig, mit seiner eigenen Art freundschaftliche oder familiäre Beziehungen zu pflegen.

Anders ist nicht zu erklären, wieso ein Mensch all die Nachteile auf sich nehmen sollte, die mit der Hundehaltung einhergehen. Als Hundebesitzer hat man niemals eine wirklich saubere Wohnung. Ein blitzblankes Auto schon gar nicht. An jedem Kleidungsstück kleben Hundehaare. Bei Wind und Wetter muss der Vierbeiner ausgeführt werden, auch wenn der Regen peitscht und die Temperaturen eisig sind. Die Garderobe quillt über mit schmutziger Allwetterkleidung, im Hausflur stehen hässliche Gummistiefel, und eine verschlammte Leinensammlung ziert die Wand. Angekaute Schuhe, zerkratztes Parkett, besabberte Möbel. Lautes Gebell, nervtötendes Winseln und dann der Hundegeruch. Allergiker können nicht mehr zu Besuch kommen. Spontane Urlaube sind passé. Immense Futterkosten, hohe Tierarztrechnungen, Hundesteuer und Haftpflichtversicherung. In Summe: das reinste Grauen.

Es ist offensichtlich, hier jagt eine Entbehrung die nächste. Man muss verrückt sein, um das freiwillig auf sich zunehmen. Man muss närrisch sein, um daran auch noch Gefallen zu finden. Nur ein Hundemensch kann jene Seite dieser einzigartigen Beziehung sehen, die sie so unglaublich wertvoll macht. Die dafür sorgt, dass Unannehmlichkeiten in den Hintergrund rücken, ja, gar nicht mehr auffallen, überhaupt nicht zu existieren scheinen.

Hundehaltung kompensiert nichts, sie steht für sich selbst. Sie bedeutet Rückzug in die Natürlichkeit des Seins. Ein Anker zur verbliebenen Freiheit, die uns heute zwischen Alltag und Arbeit vergönnt ist. Sie ist Geben und Nehmen zugleich. Sie belustigt und verärgert. Sie erdet und richtet auf. Sie ist ein Ruhepol und Rastlosigkeit, ist Aufregung und Ausgleich. Sie berührt und verbindet. Das Leben mit einem Hund zu teilen, bedeutet, maßlose Freude genießen zu dürfen und letzten Endes unerträgliche Trauer ertragen zu müssen.

Einen Hund zu haben, heißt lieben und geliebt zu werden. Ja, es ist Liebe. Echte Liebe. Natürlich keine romantische Liebe, sondern eher Geschwisterliebe. Eine Liebe, vergleichbar mit der zum jüngeren Bruder, der noch zu klein ist, um ganz allein zurechtzukommen und der glaubt, schon alles besser zu wissen. Diese Liebe verzeiht, sie macht blind. Sie lässt Ärgernisse nichtig erscheinen und Wut verpuffen. Sie erfordert Gelassenheit und Geduld. Sie bringt Lachen und Weinen. Aus Schwarz macht sie Weiß, Grau verwandelt sie in ein Farbenmeer. Sie ist von einer Unschuld gekennzeichnet, die ihresgleichen sucht. Sie wird ohne Umschweife und unübersehbar erwidert. Sie endet nie, nicht einmal mit dem letzten Herzschlag.

Nadine Wolf ist Autorin, Bloggerin und Ernährungsberaterin für Hunde. http://mashanga-burhani.blogspot.de/

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