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Dienstag, 15.05.2018

Gesundheitskurs auf Kassenkosten

Die AOK Plus gibt so viel Geld wie nie für Prävention aus. Ein Blick hinter die Zahlen und zu den anderen Kassen.

Von Steffen Klameth

Krankenkassen beteiligen sich großzügig an den Kosten von Gesundheitskursen. Rücken- und Bewegungskurse sind dabei besonders gefragt.
Krankenkassen beteiligen sich großzügig an den Kosten von Gesundheitskursen. Rücken- und Bewegungskurse sind dabei besonders gefragt.

© dpa/Frederik von Erichsen

Als er noch zur Schule ging, so erinnert sich Stefan Knupfer, habe es höchstens ein oder zwei dicke Kinder in seiner Klasse gegeben. Heute ist Knupfer 56 Jahre alt und Vorstand der AOK Plus – und das Übergewicht bereits bei Schülern weit verbreitet: „Etwa jedes siebte Kind in Deutschland ist zu dick oder fettleibig“, sagte Knupfer am Montag in Dresden bei der Vorstellung des Präventionsberichtes 2017.

Früher oder später wird der dicke Nachwuchs auch für die Kassen zum Problem. „Ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel sind Hauptursache vieler Zivilisationskrankheiten.“ Und damit wachsen auch die Ausgaben der Krankenversicherungen. Aus diesem Grund investieren sie zunehmend in die Prävention und Gesundheitsförderung. Bei der AOK Plus stiegen diese Ausgaben im vergangenen Jahr auf 39,8 Millionen Euro. Das sind 12,61 Euro pro Versicherten und ist deutlich mehr als der gesetzlich vorgeschriebene Betrag von sieben Euro, wie aus dem neuen Präventionsbericht hervorgeht – und auch mehr als bei den anderen großen Krankenkassen.

Lesen Sie, wofür das Geld konkret ausgegeben wurde und was andere Kassen für die Gesundheitsvorsorge ihrer Versicherten tun.

Gesundheitskurse

Autogenes Training, Aqua Fitness, Yoga für Schwangere: Wer selbst etwas für seine Gesundheit tun will, wird von Krankenkassen auch finanziell unterstützt. Versicherte der AOK Plus können jedes Jahr an zwei Kursen teilnehmen. Anders als noch vor einigen Jahren darf es sich dabei auch um den gleichen Kurs handeln. Allein im vorigen Jahr nutzten 188 000 AOK-Versicherte in Sachsen dieses Angebot. Das Interesse steigt vor allem ab dem 30. Lebensjahr, am größten ist es bei den 50- bis 69-Jährigen. Besonders gefragt sind Rücken-, Bewegungs- und Entspannungskurse, mit Abstand folgen Ernährungs- und Nichtraucherkurse. Nach Angaben der TK haben im vergangenen Jahr 17 620 Versicherte in Sachsen an Präventionskursen teilgenommen; auch hier stehen Bewegungskurse an erster Stelle.

AOK-Versicherte erhalten Gutscheine, mit denen sie die Kurse kostenfrei besuchen können. Bei den anderen Kassen ist der Zuschuss in der Regel begrenzt. Die IKK classic zahlt für zwei Kurse pro Jahr jeweils bis zu 90 Euro, bei der Barmer, der TK und der DAK-Gesundheit sind es maximal 75 Euro. Bei allen Kursen gilt die Voraussetzung, dass der Anbieter über eine Zertifizierung verfügen muss.

Insgesamt 22 Millionen Euro gab die AOK Plus für individuelle Gesundheitskurse aus. Sehr bescheiden (7 000 Teilnehmer) nimmt sich dagegen die Nachfrage nach sogenannten sekundären Präventionsangeboten aus. Sie richten sich an Versicherte, die bereits unter Rücken- und Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Übergewicht leiden und bei denen es darum geht, eine chronische Krankheit zu vermeiden. Knupfer kündigte an, diese Angebote stärker auf den Bedarf auszurichten.

Kitas und Schulen

Mindestens zwei Euro pro Versicherten sollen Angeboten in Kitas und Schulen zugutekommen. Die AOK Plus fördert unter anderem das Programm „JolinchenKids“; Kinder lernen hier spielerisch, wie wichtig Ernährung und Bewegung für ihre Entwicklung sind. „Die Nachfrage überrollt uns“, sagte Knupfer. 100 Kitas in Sachsen und Thüringen beteiligen sich inzwischen an dem Programm. In diesem Jahr startet die AOK Plus das Projekt „GemüseAckerdemie“, das sich an Schulen richtet.

Ähnliche Angebote gibt es auch von anderen Kassen. So hat die Barmer gute Erfahrungen mit der Initiative „Ich kann kochen“ gemacht. Gemeinsam mit der Sarah-Wiener-Stiftung wurden sachsenweit bislang mehr als 650 Pädagogen zu sogenannten Genussbotschaftern ausgebildet, die zum Beispiel Koch-AGs leiten oder Projektwochen durchführen. „Unser Ziel ist es, dauerhaft etwas zu verändern“, sagt Sachsens Barmer-Chef Fabian Magerl. Bei der IKK classic heißen die Projekte „Die Kleinen stark machen“ bzw. „Die Rakuns – Das gesunde Klassenzimmer“, bei der DAK-Gesundheit „Wir bewegen Kitas“ und „fit4future“.

Betriebe

Die einen müssen körperlich hart arbeiten, die anderen stehen unter Stress: Damit Beschäftigte den Belastungen im Job standhalten können, engagieren sich Krankenkassen auch bei der Gesundheitsförderung in Betrieben. Die AOK Plus betreute 2017 allein in Sachsen rund 850 Betriebe mit 160 000 Beschäftigten. Zu den Angeboten gehören Gesundheitstage, Kurse und Vorträge. Besonderen Wert lege man auf Nachhaltigkeit, betonte Knupfer. Das heißt: Veränderungen sollen auf Dauer in den Arbeitsalltag übergehen. Die Barmer erreichte nach eigenen Angaben rund 400 sächsische Unternehmen mit etwa 10 000 Mitarbeitern.

In Zukunft werden die Kassen die betriebliche Gesundheitsförderung noch stärker auf kleine und mittlere Unternehmen konzentrieren. Denen gehe es nicht allein um den Krankenstand, sagte Knupfer. Vielmehr seien entsprechende Angebote auch hilfreich bei der Suche nach Fachkräften.

Die Effekte

Wie sich die Ausgaben für die Prävention am Ende auszahlen, ist offen. „Prävention ist nichts für schnelle Erfolge“, sagt auch Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU). Im Vergleich zu den Gesamtausgaben entsprechen etwa die 40 Millionen Euro der AOK Plus einem einstelligen Promillebetrag. Doch AOK-Chef Knupfer ist überzeugt, dass sich diese Relation verändern wird: Mehr Geld für die Prävention und weniger Steigerung bei Behandlungen und Rehabilitation.

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