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Mittwoch, 11.10.2017

Die Wahrheit über Bio

Immer mehr wollen auf Chemie verzichten – vertrauen aber nicht allen Angeboten und finden sie oft zu teuer.

Von Martina Hahn

Schmeckt besser, findet jeder Dritte: Jenny Seidel, Marktleiterin im Biomarkt Vorwerk Podemus in Dresden, präsentiert Lebensmittel ohne Chemie
Schmeckt besser, findet jeder Dritte: Jenny Seidel, Marktleiterin im Biomarkt Vorwerk Podemus in Dresden, präsentiert Lebensmittel ohne Chemie

© kairospress

Bio wird immer beliebter. 2016 stieg der Umsatz in Deutschland gegenüber dem Vorjahr um rund zehn Prozent auf knapp 9,5 Milliarden Euro. Heißt das aber auch, dass das Vertrauen der Konsumenten in Bio gestiegen ist? Seit nunmehr neun Jahren befragt Dialego, der Marktforscher für die digitale Welt, die Bundesbürger über ihre Meinung zu Bio – im September erneut 1 000 Menschen, repräsentativ für den Bundesdurchschnitt. Gab anfangs noch jeder vierte Befragte an, mindestens bei der Hälfte seiner Einkäufe auf Bio zu achten, so ist es heute jeder Dritte. Statt sechs, achten inzwischen neun Prozent darauf, dass im Einkaufskorb nur Lebensmittel mit Öko-Siegel landen. Das trifft vor allem auf junge Menschen unter 30 zu.

Essen, das nach ökologischen Kriterien angebaut und hergestellt wird, hat dennoch auch ein Imageproblem: es gilt als teuer. Und – auch das zeigt die Umfrage – nicht jeder vertraut den Bio-Siegeln.

Wo wird Bio gekauft?

Zwei Drittel des Bio-Umsatzes wird zum Missfallen des klassischen Naturkosthandels in Supermärkten gemacht – und zwar in konventionellen. Dort versorgen sich acht von zehn Befragten mit Lebensmitteln. Auch im Discounter wird Bio-Kost gekauft – und zwar von 61 Prozent der Befragten. Nur jeder Dritte kauft Bio ausschließlich auf dem Wochenmarkt oder im Fachhandel, dem Bio-Supermarkt – Frauen häufiger als Männer. Das wundert Wolfgang Adlwarth, Handelsexperte bei der Konsumforschungsgesellschaft GfK, nicht: „Wenn Verbraucher in ihrem Supermarkt immer mehr Bioprodukte vorfinden, ist es eine Frage der Bequemlichkeit, sich gleich dort mit Biolebensmitteln einzudecken“.

Warum wird Bio gekauft?

Jeder Zweite greift laut Umfrage zu Öko-Lebensmitteln, weil sie – da ohne Chemie hergestellt – für sich und ihre Kinder gesünder sind. Bio wird auch gekauft, weil es besser schmecke, findet jeder Dritte. Für viele ist Bio darüber hinaus eine Frage der Haltung: Jeder Dritte erklärte in der Umfrage, Bio entspreche der eigenen Lebenseinstellung. Man wolle weder der Natur schaden, noch Tiere quälen. Bei den unter 29-Jährigen erklärten sogar 41 Prozent den Bio-Einkauf als eine Frage der Haltung – Frauen häufiger als Männer.

Woran orientieren sich Kunden?

Im Handel finden Kunden Bio-Lebensmittel mit dem EU-Bio-Siegel sowie mehrere Öko-Siegel wie die Gütezeichen von strengeren Ökoverbänden wir Demeter, Naturland oder Bioland. Hinzu kommen die Bio-Siegel der Einzelhandelsketten, wie etwa BioBio bei Netto, Biotrend bei Lidl oder GutBio bei Aldi Nord. Doch welches Öko-Siegel das Produkt trägt, ist laut Studie zwei von drei Konsumenten egal. Zu einem anderen Ergebnis kommt hingegen die zweijährliche Erhebung des Bioverlags: Dort findet sich das Demeter-Siegel als bekannteste Marke im Bio-Handel wieder.

Wie wichtig sind Kunden Marken?

Zum Leidwesen vieler Markenproduzenten spielen Marken bei den meisten Bio-Käufern gar keine Rolle mehr. Nur zwölf Prozent der Befragten achten überhaupt auf die Marke. Das spiegelt einen allgemeinen Kauftrend auch bei konventioneller Ware wider: Markennamen sind nicht mehr so kaufentscheidend wie noch vor zehn, zwanzig Jahren. Auch deswegen kommen Handelsmarken – auch Bio-Eigenmarken – bei Käufern immer besser an.

Wie groß ist das Vertrauen in Bio?

Das Vertrauen ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Laut Umfrage glauben nur 27 Prozent, dass die im konventionellen Supermarkt angebotenen Bio-Waren auch wirklich öko sind. Aber auch die, die sich dessen nicht sicher sind, greifen zu Bio. Bei Bio-Kost aus dem Discounter sinkt das Vertrauen sogar auf nur 15 Prozent.

Das größte Vertrauen genießen mit rund 60 Prozent hingegen die Erzeuger selbst sowie die Bio-Supermärkte: Hier ist jeder Zweite überzeugt, dass im Regal auch echte Bio-Kost liegt. An der Sicherheit von Bio wird auch gezweifelt, weil viele Bio-Produkte aus dem Ausland importiert werden müssen. Der Grund hierfür: Deutschland ist zwar der zweitgrößte Markt für Bio-Lebensmittel der Welt. Doch hinkt hierzulande die Produktion von Bio der großen Nachfrage hinterher – mangels Förderung, wie der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft kritisiert. Bio wächst hierzulande nur auf 7,5 Prozent aller Äcker (in Sachsen auf 5,3 Prozent). Nur jeder zehnte Landwirtschaftsbetrieb bundesweit wirtschaftet nach Bio-Richtlinien, und lediglich fünf Prozent des gesamten Viehbestands wird nach Angaben des Statistischen Bundesamts ökologisch und damit artgerecht gehalten.

Wie sicher ist Bio tatsächlich?

Wenige Lebensmittel werden so gründlich kontrolliert wie Bio-Lebensmittel. Neben der normalen amtlichen Kontrolle wird Bio zusätzlich auf Kriterien wie Chemie- und Antibiotikaeinsatz oder Tierhaltung geprüft. Entsprechend kommt es auch seltener zu Skandalen. Dennoch: Dass es auch bei Bio Skandale, Etikettenschwindel oder Missstände gibt, glauben drei von vier Befragten, 20 Prozent mehr als noch vor sechs Jahren. Egal, ob im Discounter oder Bio-Supermarkt: Alle mit dem EU-Bio-Siegel gekennzeichneten Lebensmittel müssen nach denselben ökologischen Kriterien angebaut und weiterverarbeitet beziehungsweise Tiere nach denselben Standards gehalten und gefüttert werden. Für Öko-Verbandsware wie Demeter, Naturland & Co. gelten noch strengere Regeln.

Wie teuer ist Bio?

Teuer – aber angemessen teuer. Das finden 78 Prozent der Befragten. Sie finden es richtig, dass Bio-Produkte wegen des damit verbundenen Aufwands in Anbau, wegen der Verarbeitung hochwertigerer Rohstoffe und wegen des mitunter geringeren Ernteertrags mehr kosten. In diesem Punkt ist aber vor allem die ältere Generation jenseits der 50 anderer Meinung: Hier findet jeder Vierte, dass Bio zu teuer und ein höherer Preis nicht gerechtfertigt ist.

www.oekolandbau.de/bio-siegel, www.boelw.de/, www.label-online.de/

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