• Einstellungen
Dienstag, 14.11.2017

Die unterschätzte Diabetesgefahr

Zum heutigen Weltdiabetestag warnen Wissenschaftler vor den unerkannten Vorstufen.

Von Teresa Nauber

Blutzucker messen
Blutzucker messen

© dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Dick und Diabetes – diese Gleichung stimmt oft, und doch kann das Klischee in die Irre führen. „Nicht jeder Dicke wird zuckerkrank und nicht jeder Schlanke ist davor geschützt“, sagt Norbert Stefan, Diabetesforscher am Uni-Klinikum Tübingen. Stereotype führen für ihn dazu, dass die Krankheit oft unentdeckt bleibt.

Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der die Regulierung des Blutzuckerspiegels gestört ist. Nur bei rund 300 000 Menschen in Deutschland ist eine angeborene Autoimmunkrankheit (Typ 1) Ursache. Bei mehr als sechs Millionen Menschen ist dagegen ein Wechselspiel aus Fehlernährung, Bewegungsmangel und genetischen Anlagen der Grund für erkannte Erkrankungen (Typ 2). Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 300 000 Typ-2-Diagnosen dazu, inzwischen schon bei Kindern.

Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass weitere zwei Millionen Menschen unter Diabetes leiden, ohne davon zu wissen. Die Zahl der Vorstufen der Krankheit schätzt Forscher und Arzt Stefan auf noch einmal 20 Prozent – das wären rund 16 Millionen Menschen in Deutschland. Belegen kann er das nicht. Es sind Hochrechnungen, die sich an Statistiken in den USA orientieren. „Prädiabetes ist bei uns nicht als Krankheit anerkannt“, sagt Stefan. Und doch erhöhe die Vorstufe innerhalb von etwa fünf Jahren deutlich das Risiko für die Schwelle zum echten Diabetes.

Für Vorstufen gibt es messbare Signale wie zu hohe Blutzucker-, Blutfett- und Blutdruckwerte. „Aber auch Ärzte erliegen dem Diabetes-Klischee“, sagt Stefan. „Bei schlanken Patienten tippen sie meist nicht auf die Zuckerkrankheit.“ Dabei würden erbliche Faktoren und auch die ethnische Zugehörigkeit unterschätzt. „Für Menschen mit dieser genetischen Anlage ist eine Überernährung bereits im Bereich des Normalgewichts ein hohes Diabetes-Risiko“, sagt er. Da reiche schon ein dauerhafter Fastfood-Konsum.

Diabetes bedeutet nicht nur Tabletten oder Insulinspritzen. Zu den Langzeitfolgen können gravierende Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Netzhauterkrankungen bis hin zu Erblindung, Nierenversagen und Amputationen gehören. Wer als Kind erkrankt, kann diese Folgen nicht erst im Seniorenalter zu spüren bekommen, sondern schon mit 40.

„Diabetes wird generell immer noch zu spät erkannt“, sagt Andreas Pfeiffer, Experte an der Berliner Charité. Dabei lasse sich die Vorstufe relativ leicht wieder loswerden. „Fünf Kilo abnehmen, eine halbe Stunde pro Tag körperlich aktiv sein und sich einigermaßen gesund ernähren – damit lässt sich das Risiko um 80 bis 90 Prozent senken“, ergänzt Pfeiffer. „Aber Diabetes merkt man nicht, der tut nicht weh.“

Zu ungesunder Ernährung kommen acht dominant erbliche Diabetesformen, die auch schlanke Menschen mit ganz bestimmten Genmutationen treffen können. „Das kann man auch für Kassenpatienten analysieren lassen“, sagt Pfeiffer. „Die Zukunft werden Marker sein. In fünf bis zehn Jahren machen wir das als Routinediagnostik für das ganze Genom.“ Im Moment kennen Forscher rund 100 Gene, die das Diabetesrisiko erhöhen. Forscher Stefan würde sich für jeden Menschen einmal im Jahr einen Blutzuckertest wünschen. Und wenn es Auffälligkeiten gibt, weitere Checks auf Diabetes oder Vorstufen davon. (dpa)

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.