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Mittwoch, 13.09.2017 Psychotalk

Die Kunst des Neinsagens

Sie müssen nicht jede Aktion Ihrer Freunde mitmachen. Aber Sie müssen wissen, warum nicht.

Von Ilona Bürgel

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Die Familie oder Freunde laden Sie spontan ein, mit Ihnen wandern zu gehen. Wie sollen Sie sich entscheiden?
Die Familie oder Freunde laden Sie spontan ein, mit Ihnen wandern zu gehen. Wie sollen Sie sich entscheiden?

© Symbolfoto dpa

Diplom-Psychologin Dr. Ilona Bürgel
Diplom-Psychologin Dr. Ilona Bürgel

Es ist Sonntag, das Wetter ist viel schöner als erwartet, und die Familie oder Freunde laden Sie spontan ein, mit Ihnen wandern zu gehen. Wie sollen Sie sich entscheiden? Die Abwägungen könnten lauten: „Ich will kein Spielverderber sein.“ Oder: „Wir haben lange nichts zusammen unternommen, und ich sollte mich ohnehin aufraffen.“ Auf der anderen Seite könnte stehen, dass genau diese Freunde so anspruchsvoll wandern, dass Sie nach solchen Aktionen immer völlig kaputt sind. Vor allem aber, dass Sie einfach mal einen Tag ohne Termin und Vorhaben brauchen. Sie hatten anstrengende Wochen, in denen Sie von Aufgabe zu Aufgabe gehetzt sind. Die ganze Zeit hat Sie die Vorstellung motiviert, wie Sie am Sonntag endlich einmal die Beine hochlegen und beim Lieblingstee den Vögeln im Garten zuschauen.

Hin- und hergerissen entscheiden sich viele Menschen in derartigen Situationen für eine Zusage zum Wandern oder eben zu anderen Aktivitäten. Warum? Weil wir es gewohnt sind, unsere Bedürfnisse,
vor allem die nach Erholung, hintenanzustellen. Schämen wir uns nicht manchmal sogar zu sagen, dass wir müde sind oder uns etwas zu viel wird? Natürlich könnte es ein zauberhafter Tag werden. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist jedoch ein Wachsen der Erschöpfung und des Defizits, an dem wir länger zu knabbern haben. Geschieht dies öfter und über längere Zeit, rutschen wir tatsächlich in einen Zustand der Erschöpfung.

Dies liegt dann nicht an der sich ständig ändernden Welt und den wachsenden Anforderungen, sondern an den falschen Entscheidungen, die wir selbst treffen. Hier wäre ein „Nein“ im Interesse aller besser. Auch Ihre Freunde oder die Familie haben mehr von Ihnen, wenn Sie erholt und gut drauf sind und sich nicht zu irgendetwas zwingen.

Fazit: Sehen Sie die eigene Erholung und Regeneration als hohe Priorität in Ihrem Leben, für die nur Sie selbst verantwortlich sind. Hier kann ein „Nein“ manchmal viel bewirken.

Im Coaching fällt mir immer wieder auf, wie schwer es Menschen fällt, zu formulieren, was sie wollen. In der Regel können wir besser beschreiben, was wir nicht wollen. Wir wollen nicht mehr so träge sein, nicht mehr so viele Gummibärchen essen, uns vom Partner oder Chef nicht mehr unterbuttern lassen, nicht mehr so viel grübeln. In solchen Fällen ist die Verneinung eher hinderlich, denn unser Gehirn befasst sich dann zunächst mit dem Zustand, den wir grad nicht mehr haben wollen. Da Energie nicht verloren gehen kann, muss statt des nicht erwünschten Zustands klar sein, was wir an dessen Stelle setzen wollen. Deshalb ist eine meiner Lieblingsfragen: „Was stattdessen?“ Es ist eben nicht klar, was die Gummibärchen oder das Grübeln ersetzen sollen. Lösungen sind von Mensch zu Mensch verschieden. Ist es besser, Nüsse oder Möhren zu knabbern oder ganz auf das Naschen zwischendurch zu verzichten? Soll statt zu grübeln überhaupt weniger nachgedacht werden oder optimistischer oder vertrauensvoller?

Nur, wenn Sie genau wissen, wohin Sie wollen, können Sie den passenden Weg dafür suchen und finden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir Zeit und Kraft für Fehlversuche verlieren. Fazit: Wenn es um Ziele geht, ist ein „Ja“ zu etwas erfolgversprechender als ein „Nein“.

Diplom-Psychologin Dr. Ilona Bürgel lädt am 5. Oktober, 18.30 Uhr, zum Leserforum ins Haus der Presse Dresden. Ihr Thema: „Frauen in der Lebensmitte“. Verbindliche Anmeldung nur per Mail an: leben@redaktion-nutzwerk.de Eintritt an der Abendkasse mit SZ-Card 10, ohne 13 Euro.

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