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Mittwoch, 03.01.2018

Die Dose, die Sprayer riechen kann

Illegale Graffitis verursachen Millionenschäden. Sensoren und eine neue Netztechnologie sollen das verhindern.

Von Andreas Rentsch

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Der Ort, an dem dieses Foto aufgenommen wurde, gehört zu den wenigen Plätzen in Dresden, an denen es legale Graffiti-Wände gibt.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Der Ort, an dem dieses Foto aufgenommen wurde, gehört zu den wenigen Plätzen in Dresden, an denen es legale Graffiti-Wände gibt.

© Jürgen Lösel

Eine Nacht im Herbst 2019, in der Rangierzone eines sächsischen Bahnhofs. Eine Gestalt springt über die Gleise, holt eine Farbdose aus einem Rucksack, schüttelt sie und beginnt, einen Waggon zu bemalen. Was der illegale Sprayer nicht bemerkt: Im Moment, da er sein Werk beginnt, löst er einen stillen Alarm aus. Minuten später sind Mitarbeiter eines Wachdienstes vor Ort.

So oder ähnlich stellt sich der Mobilfunkkonzern Vodafone die Zukunft von Graffiti-Prävention vor. Die Idee für „eine Wand, die Sprayer riechen kann“, sei bei Kreativrunden im firmeneigenen Innovationslabor geboren worden, berichtet Unternehmenssprecher Tobias Krzossa. Die dort beschäftigten Teams tüfteln an Lösungen für das „Internet der Dinge“, in dem Geräte drahtlos miteinander kommunizieren. Eine der Basistechnologien dafür wird von Fachleuten als Narrowband IoT bezeichnet. Übersetzt heißt das so viel wie „Schmalband – Internet der Dinge“.

Noch ist die vermeintliche Wunderwaffe gegen Sprayer nicht marktreif. Auch was das Gerät kosten wird, steht noch nicht fest. Was Krzossa bisher vorzeigen kann, ist ein Prototyp. In dem weißen Plastikzylinder von der Größe einer Blumenvase stecken eine spezielle SIM-Karte, ein Funkmodul und drei verschiedene Sensoren: ein Bewegungsmelder, ein Detektor für Farbpartikel, wie sie in gängiger Spraydosenfarbe enthalten sind, und ein Sensor, der auf freigesetzte Treibgase reagiert. „Wenn alle drei Sensoren ausschlagen, geht der Alarm los“, erklärt Tobias Krzossa das Funktionsprinzip.

Die Datenübertragung beim Narrowband IoT (NB-IoT) läuft über ein schmalbandiges Netz, das für die Kommunikation zwischen Maschinen optimiert ist. Ausgelegt ist es für Transferraten im Kilobitbereich. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was heutzutage ein gängiger DSL-Anschluss schafft. Dazu kommt, dass für die Datenübertragung tiefe Frequenzen – bei Vodafone ist es der 800-Megahertz-Bereich – genutzt werden. Damit wird es möglich, auch Orte unter der Erde oder hinter dicken Wänden zu erreichen. Strom für die Sensoren kommt aus Akkus, die aufgrund der geringen Beanspruchung bis zu zehn Jahre durchhalten sollen.

Wie das Pilotprojekt zur Sprayer-Abwehr funktioniert, kann Vodafone derzeit nur in Düsseldorf vorführen. Dort ist das Maschinennetz Mitte Dezember in Betrieb gegangen. Bis Anfang April 2018 sollen ein reichliches Dutzend weitere Städte, darunter Berlin, Hamburg und München, hinzukommen, hat Konzernchef Hannes Ametsreiter angekündigt.

Beim weiteren Ausbau der Infrastruktur richte man sich nach den Bedürfnissen der Großkunden, sagt Tobias Krzossa. Es sei „sehr gut möglich, dass auch Dresden, Leipzig und Chemnitz noch 2018 dabei sein werden.“ Grundsätzlich handelt es sich bei der neuen Netztechnologie um eine optimierte LTE-Variante.

Vermutlich wird die Deutsche Bahn hierzulande zu den ersten Unternehmen gehören, das die Anti-Graffiti-Box einsetzt. Immerhin beklagt der Konzern hohe Schäden durch unerwünschte Tags (Signaturen) und Pieces (Schriftzüge, Bilder) an Zügen, Gebäuden und Brücken. Allein im vergangenen Jahr seien bundesweit rund 8,6 Millionen Euro für die Graffiti-Beseitigung ausgegeben worden, sagt Konzernsprecher Holger Bajohra. Besonders aktiv ist die Szene demnach in Berlin, Baden-Württemberg, NRW und Sachsen.

Allerdings bedeutet es einen erheblichen Aufwand, komplette Züge mit den vernetzten Geräten auszurüsten. Wegen der begrenzten Reichweite der Sensoren benötigt jeder Waggon eine eigene Box. Und es gibt noch ein Problem: Die Hightech-Zylinder sind zu klobig, um unauffällig oder gar versteckt installiert werden zu können. Bis zum Verkaufsstart wolle man die Miniaturisierung weiter vorantreiben, versichert Krzossa. Der Prototyp der Sensoreinheit misst 20 Zentimeter in der Höhe und knapp zehn im Durchmesser.

Fragt sich nur: Lohnt der ganze Aufwand? Ein Kenner der sächsischen Graffiti-Szene, der unerkannt bleiben will, äußert sich skeptisch: „Hardcore-Sprayer werden sich dadurch nicht in die Schranken weisen lassen. Das wird manche eher noch anstacheln.“ Fakt ist: Illegales „Taggen“ von Wänden ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und Sicherheitsdiensten, bei dem es oft nur um Sekunden, allenfalls aber wenige Minuten geht.

Denkbar wäre auch, dass technisch versierte Täter versuchen, anders Gegenwehr zu leisten. Etwa durch Einsatz eines Jammers: Das ist ein Gerät, mit dem bestimmte Frequenzen gestört werden. So ließe sich theoretisch verhindern, dass der Sensor sein Alarmsignal an eine Sicherheitszentrale oder den Gebäudeeigner übertragen kann. Ob dieses Problem von den Entwicklern mit bedacht wurde? Auf diese Frage gibt es keine klare Antwort von Vodafone.

Tobias Krzossa möchte dagegen gern noch von anderen Anwendungsszenarien berichten. Etwa dem öffentlichen Mülleimer, der per Narrowband IoT meldet, wenn er voll ist. Oder smarten Wasserzählern, die sich aus der Ferne auslesen lassen. Oder Spinden in Umkleidekabinen, die bei unerlaubter Dauerbelegung Alarm auslösen. Zu den Partnern aus der freien Wirtschaft, mit denen Vodafone derzeit weitere Pilotprodukte entwickelt, gehören neben der Deutschen Bahn auch DHL, Panasonic oder der Energiedienstleister Techem.

Parallel dazu drücken Mitbewerber aufs Tempo. Die Telekom will Narrowband IoT bis Ende 2018 bundesweit flächendeckend ausrollen. Momentan sei die Netztechnologie bereits in rund 300 Orten verfügbar, sagt eine Unternehmenssprecherin. Eine 100-prozentige Abdeckung bestehe bereits im Großraum Dresden und in Weißenberg bei Bautzen. Auch an Prototypen lässt der Konzern tüfteln. Um hier voranzukommen, hat die Telekom gemeinsam mit Forschern eines Fraunhofer-Instituts ein Labor in Dortmund eröffnet. Die dort erarbeiteten Lösungen sind unter anderem für Firmen in der Fertigungsindustrie, im Logistik- und Luftfahrtsektor gedacht.

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