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Dienstag, 14.11.2017

Den Tisch teilen oder nicht?

Eine Psychologin erklärt, warum Gäste das Dazusetzen erlauben, obwohl sie lieber allein im Restaurant sitzen.

Von Alexander Buchmann

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Um immer die passenden Tische zu haben, bräuchten Gastwirte eine Säge. Die hat Bernd Schade aus Görlitz aber nur für das Foto in der Hand. Stattdessen setzt er in seinen beiden Restaurants auf Kommunikation.
Um immer die passenden Tische zu haben, bräuchten Gastwirte eine Säge. Die hat Bernd Schade aus Görlitz aber nur für das Foto in der Hand. Stattdessen setzt er in seinen beiden Restaurants auf Kommunikation.

© kairospress

„Können wir uns dazusetzen?“ Sind in einem Restaurant alle Tische belegt, an manchen aber noch Plätze frei, hört man diese Frage oft. Meist ist das kein Problem. Nicht aber in der „Elbtalschmiede“ in Meißen. Dort gilt die Regel: Dazusetzen ist nicht erwünscht. Denn Gäste stimmen oft nur aus Höflichkeit der Bitte zu, sich dazusetzen zu dürfen. Tatsächlich würden sie lieber unter sich bleiben.

„Das Dazusetzen ist ein schönes Beispiel dafür, dass Menschen nicht immer so handeln wie sie wollen“, erklärt Prof. Dr. Veronika Job, Professorin für Sozialpsychologie an der TU Dresden. Das menschliche Verhalten sei sehr stark von Normen und dem sozialen Kontext abhängig. Und in Deutschland sei es nun mal die Norm, dass man sich in einem Restaurant dazusetzen könne. „Menschen orientieren sich an solchen Normen, weil sie alles richtig machen und nicht negativ auffallen wollen“, erklärt Veronika Job. Und das würden sie in einem voll besetzten Restaurant – und damit in der Öffentlichkeit – unweigerlich. Außerdem hätten die meisten von sich das Bild, dass sie freundlich und sozial integriert sind, so die Psychologin. Das können sie sich selbst und anderen beweisen, wenn sie das Dazusetzen erlauben.

In anderen Ländern beziehungsweise Kulturen sieht das anders aus. Ein kanadischer Praktikant habe sich beispielsweise über das Dazusetzen gewundert, weil er so etwas in seiner Heimat noch nie erlebt habe, erzählt die Professorin. Im Ausland sei es außerdem häufig so, dass die Plätze in einem Restaurant vom Kellner zugewiesen werden. „Dort kommt niemand auf die Idee zu fragen, ob man sich dazusetzen könne“, sagt Veronika Job.

Eine Umfrage unter sächsischen Wirten zeigt allerdings, dass die „Elbtalschmiede“ mit ihrer Regelung eher die Ausnahme ist. Um Gästen die Entscheidung und sich selbst mögliche Diskussionen zu ersparen, setzen viele Wirte lieber auf Kommunikation. „In den meisten Fällen, in denen Gäste für sich sein wollen, sagen sie das bei der Reservierung“, sagt Bodo Siegert, Geschäftsführer des „Mönchshofs“ in Bautzen. „Dann setze ich natürlich niemanden dazu.“ So handhabt es auch Frank Muschert vom „Cortina“ in Chemnitz. „Wenn ein Paar seinen Jahrestag in Ruhe begehen will, kann es das auch“, sagt er. Ansonsten fragt der Wirt die Gäste, ob sie einverstanden sind, wenn sich jemand dazusetzt. Viele, vor allem ältere Gäste, würden auch das Gespräch suchen, sagt Frank Muschert. In jedem Fall werde individuell entschieden.

Wie passend oder unpassend das Dazusetzen ist, hängt auch von der Art des Restaurants ab, meint Bernd Schade, der in Görlitz das Restaurant „Lucie Schulte“ mit feinere Küche und das Wirtshaus „Bürger-stübl“ führt. In Letzterem gebe es große Tische, an denen bis zu zehn Personen sitzen können. In einem solchen Wirtshaus sei es üblich, gemeinsam mit anderen Gästen am Tisch zu sitzen. „Ich sage den Gäste vorher, dass sich gegebenenfalls noch Leute dazusetzen“, erklärt Schade. Hierbei komme es auf das Fingerspitzengefühl des Personals an. Eine Regelung wie in Meißen schließt der Görlitzer Wirt für seine beiden Betriebe aus. In der Gastronomie könne man nicht alles steuern und habe auch nur selten genau die Tische frei, die gerade gebraucht werden. „Dann setzt man auch mal zwei Gäste alleine an einen Sechsertisch“, sagt der Wirt. Und gegebenenfalls später noch weitere dazu. Denn eines ist klar: Gäste – und damit Umsatz – wegschicken will eigentlich kein Wirt.

Für den Präsidenten des Dehoga Hotel- und Gaststättenverbands Sachsen, Axel Hüpkes, ist das Thema Dazusetzen ein Luxusproblem. „Viele Wirte wären froh, wenn es bei ihnen so voll wäre“, sagt er. Auch deshalb werde darüber in der Branche nicht weiter diskutiert. Stattdessen gehe es um Probleme wie Öffnungszeiten, Fachkräftemangel, Nachfolgeregelungen und das Aussterben der Gastronomie im ländlichen Raum. Gästen rät er zu sagen, wenn sie allein sitzen möchten. „Wir leben in einer Demokratie, in der jeder seine Meinung sagen kann. Ich glaube auch, dass andere Gäste Verständnis haben, wenn die Bitte verneint wird, weil man beispielsweise Hochzeitstag hat“, so der Präsident.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 8 Kommentare

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  1. Bodo

    Die Recherche, in welchen Ländern oder Kulturen man sich gern dazusetzt und kommuniziert hätte mich auch interessiert. Und natürlich kommt es darauf an, ob man abends mit der Frau/Freundin ein Glas Wein trinkt. Da sollte es intim bleiben. Oder ob man im Urlaub mit Kind und Kegel zu Mittag einkehrt. Da sollte man nicht zu verklemmt sein. Andere Menschen haben auch Hunger. Verklemmung: Im Urlaub wollten 2 Touristen (Schweizer?) möglichst zu zweit in eine 8-er Seilbahn-Kabine, obwohl sich schon Schlangen bildeten. Das wird man wohl mal 10 Min. überleben unter fremden Menschen zu sein.

  2. Veit Schagow

    Der gute alte Freiherr von Knigge hatte einst einen Verhaltenskodex als Empfehlung ausgesprochen. Dieser entwickelte sich stets weiter. Gegenwärtig setzt sich aber Ignoranz und sturer Egoismus durch. Etwas mehr gesunder Menschenverstand, aber auch Empathie wäre öfter vonnöten.

  3. entejens

    Sicherlich gibt es Situationen, in denen man "begründet" unter sich bleiben möchte. Auf der anderen Seite sehe ich darin auch (latent) eine Auswirkung unserer Gesellschaft - jeder für sich allein. Nein, das soll natürlich keine Pauschalisierung sein, aber es kommt auch so vor - das sind Leute, die auch sonst eher nicht mit Fremden kommunizieren, nur wenn es sein muß. Man erlebt das nicht selten im Urlaub im Hotel, ich habe es auch schon (selten) erlebt, daß Eltern ihre Kinder zurückrufen, wenn diese mit anderen spielen. Etwas mehr Offenheit, egal zu welcher Gelegenheit, würde so manchem Zeitgenossen gut tun.

  4. Randdresdnerin

    Nimmt diese unsinnige Diskussion auch mal ein Ende? Sachsen scheint keine Probleme zu haben, dass man sich an solchen Unfug hochziehen muß.

  5. Xy

    Endlich wieder ein Artikel zu dem Thema, ich hatte schon Entzugserscheinungen...

  6. Andreas Schrock

    Ich habe lange Zeit in Schottland gelebt. Da sagte mir einst ein Gast im Pub - "bei uns setzt man sich nicht dahin wo freie Plätze sind, sondern wo schon jemand sitzt" - das habe ich mir zu Herzen genommen, auch wenn es manchmal schwer fiel - aber ja, so kam ich schneller mit den Menschen ins Gespräch. - und na klar, ich spreche hier nicht von feinen Restaurants - sondern von Kneipen/Gaststätten. Mit der "Sie werden plaziert"-Kultur komme ich hingegen nicht klar, ich möchte mir selbst nen Platz aussuchen und nicht dorthin geschoben werden wo es der Kellner gern hätte.

  7. Roba

    Die zwischenmenschlichen Probleme "der" Sachsen quittieren nicht nur Badener amüsiert zu Recht mit einem "herablassenden" Lächeln; vor dem Lachen "schrecken" sie noch zurück.

  8. JoAhlen

    @4 Randdresderin u.@5 Xy. Viel erstaunlicher ist, dass der Abgeordnete Hütter noch keine kleine Anfrage gestellt hat: "Gilt die in der Sächsischen Zeitung berichtete Hausordnung der „Elbtalschmiede“ in Meißen auch für öffentliche Bänke und Sitzgelegenheit. Beabsichtigt die Staatsregierung den Erlass einer entsprechenden Verordnung und wenn ja mit welcher Regelung. Was unternimmt die sächsische Staatsregierung dagegen, dass sich sogenannte Flüchtlinge ungefragt auf die Bänke im Maxim Gorki Park dazu setzen."

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