• Einstellungen
Mittwoch, 15.11.2017

Arm durch Pflege

Wer Angehörige rund um die Uhr betreut, bekommt kaum Hilfe. Das muss sich ändern, haben Pflegende auf einer Fachtagung in Dresden gefordert.

Laut Statistischem Landesamt Sachsen gab es nach der letzten Erhebung 2015 im Freistaat knapp 166800 Pflegebedürftige, die Pflegeleistungen erhalten – 17300 mehr als 2013.
Laut Statistischem Landesamt Sachsen gab es nach der letzten Erhebung 2015 im Freistaat knapp 166 800 Pflegebedürftige, die Pflegeleistungen erhalten – 17 300 mehr als 2013.

© dpa

Die Gesetzgebung in der Pflege geht an den realen Gegebenheiten in Deutschland vorbei. Das ist das Fazit des 1. Fachtages Pflegende Angehörige in Sachsen. Laut Statistischem Landesamt Sachsen gab es nach der letzten Erhebung 2015 im Freistaat knapp 166 800 Pflegebedürftige, die Pflegeleistungen erhalten – 17 300 mehr als 2013. Etwa zwei Drittel von ihnen werden durch Angehörige versorgt – oft über Jahre. Eine Lobby haben sie nicht. Annelie Wagner möchte das ändern. Die Zwickauerin, die selbst elf Jahre lang ihre Mutter gepflegt hat, engagiert sich im deutschlandweiten Verein „Wir pflegen“. Sie ist Ansprechpartnerin für pflegende Angehörige in Sachsen. Für einen Landesverband möchte sie Gleichgesinnte gewinnen. Auf der Tagung warb sie für mehr Anerkennung.

Frau Wagner, warum ist dieser Fachtag für pflegende Angehörige so wichtig?

Weil es überfällig ist, dass sie auch in Sachsen eine Interessenvertretung bekommen. Sie sind die tragende Säule in der deutschen Pflegelandschaft. In Sachsen sind die Pflegenetze in den drei kreisfreien Städten und den Landkreisen höchst unterschiedlich entwickelt. Durch immer neue Reformen wächst eher die Unsicherheit.

Warum?

Weil die Pflegereform die Situation pflegender Angehöriger bisher nur unwesentlich verbessert. Obwohl Angehörige mehr als zwei Drittel der Pflegearbeit leisten, fließen finanzielle Mittel vorwiegend in professionelle Angebote. Die Pflegegesetzgebung ist von Reförmchen geprägt. So reichen die zehn Tage Auszeit für die Pflege, für die es maximal einen Lohnausgleich gibt, nicht aus. Auch eine Arbeitszeitreduzierung löst das Problem nicht. Die per Gesetz mögliche unbezahlte Familienpflegezeit, für die Darlehen aufgenommen werden können, bieten viele Betriebe nicht an. Und die meisten Menschen haben Angst, sich wegen der Pflege zu verschulden.

Was müsste sich ändern?

In erster Linie der politische Wille, Ressourcen bereitzustellen und pflegende Angehörige finanziell abzusichern. So, wie das in skandinavischen Ländern schon üblich ist. Pflege ist ein Vollzeitjob. Das heißt, es ist Arbeit, die entlohnt werden muss. Sachsen hat die Chance, in der Landespolitik einiges zu verändern. Im Landtag wurde die Enquete-Kommission „Sicherstellung der Versorgung und Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege älterer Menschen im Freistaat Sachsen“ eingesetzt. Auch das Anliegen des Vereins „Wir pflegen“ durfte ich dort vortragen. Aber das reicht nicht. Pflegende Angehörige müssen auch stimmberechtigt in die Entscheidungsgremien. Und sie brauchen professionelle Hilfe. Denn wer pflegt, für Ärzte, Ämter, Kassen und Betreuungsgericht Ansprechpartner ist, hat Pflichten und Termine zu erfüllen. In 14 von 16 Bundesländern gibt es Pflegestützpunkte, also eine Auskunfts- und Beratungsstelle zum Thema Pflege. In Sachsen gibt es das noch nicht. Dabei soll per Bundesgesetz die Beratung kostenlos, qualifiziert und trägerunabhängig sein. Da hat Sachsen also Nachholebedarf.

Professionelle Hilfe ist das eine. Doch wie sind pflegende Angehörige finanziell abgesichert?

Bekommen sie das Pflegegeld, reicht das für Pflegende nicht zum Leben. So erhielt ich für die Rundumbetreuung meiner demenzkranken Mutter nur wenige Cent pro Stunde. Es kommt darauf an, ob weitere Familienmitglieder helfen können und wie die finanzielle Ausstattung ist. Solange der Hilfebedarf des zu Pflegenden nicht sehr hoch ist, kann es Situationen geben, bei
denen die Zuschüsse reichen. Gibt es einen guten Pflegedienst vor Ort, kann alles klappen. Doch wer die Arbeit aufgeben muss, bekommt bestenfalls Arbeitslosengeld. Eine Altersvorsorge ist dann nicht drin und Altersarmut vorprogrammiert. Mit welchem Recht aber können andere ihre Pflegebedürftigen in ein Heim geben, gehen auf Arbeit, haben Freizeit, bekommen gute Rente, und ich pflege ohne Pause über ein Jahrzehnt, verliere meine sozialen Bezüge und bleibe arm durch Pflege? Pflege ist keine Vollkaskoversicherung. Wer wenig Geld hat, kann wenig Hilfe kaufen.

Das heißt, das ganze System müsste auf den Prüfstand?

Ja. Einzelne Verbesserungen enden derzeit immer wieder im Konkurrenzgerangel der Pflegeselbstverwaltung, solange wir eine überwiegend gewinnorientierte Pflegewirtschaft haben. Es wird auch viel zu wenig die Qualität der Angebote überprüft.

Sie haben selbst elf Jahre Ihre Mutter gepflegt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Vorbild war meine Mutter, die ihre Eltern zehn Jahre lang gepflegt hat. Doch Pflege ist psychisch und physisch anstrengend. Und die Pflegewirtschaft ist mit hilflosen Menschen oft überfordert. Das habe ich bei der Kurzzeitpflege erlebt. Schon einen Platz zu bekommen, ist wie ein Lottogewinn. Einen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht. Doch was ist, wenn ein pflegender Angehöriger plötzlich erkrankt? Ich hatte das Problem. Von Amtsseiten bekam ich nur die Empfehlung, Nachbarn zu bitten, die demente Mutter zu versorgen. Nach jahrelanger Pflege erlebe ich neben finanzieller Verarmung soziale Ausgrenzung.

Das Interview führte Gabriele Fleischer.

Kontakt: sachsen@wir-pflegen.net

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.