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Donnerstag, 19.10.2017

Alte Väter

Väter jenseits der 50 oder 60 sind längst keine Seltenheit mehr. Was bedeutet so eine Konstellation für die Familie?

Von Teresa Nauber

Reiner Kuhn mit seiner sechsjährigen Tochter Katharina – der jüngsten von insgesamt vier Kindern.
Reiner Kuhn mit seiner sechsjährigen Tochter Katharina – der jüngsten von insgesamt vier Kindern.

© Uwe Zucchi/dpa

Als Tochter Nummer vier geboren wurde, machte sich Reiner Kuhn schon Sorgen: Würden seine Nerven das mitmachen? Ein Baby, das kaum schläft und viel schreit – in seinem Alter? Kuhn war 55, als die heute Sechsjährige zur Welt kam. Ein alter Vater, ohne Frage, aber in zunehmend guter Gesellschaft. Zwar bekommt das Gros der Männer immer noch zwischen Mitte 20 und Mitte 40 Kinder, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Doch die Zahl der Männer, die jenseits der 50 Vater werden, steigt.

Kuhns Sorgen bestätigten sich nicht. Die Entbehrungen der ersten Monate fielen ihm nicht schwerer als bei seinen anderen Töchtern. Die erste wurde geboren, als er Anfang 30 war, bei den anderen beiden war er Mitte 40. „Alle 10 Jahre krabbelte ein Baby durch mein Haus, und für mich gibt es nichts Schöneres“, sagt er. Vater sein, das ist für Kuhn ein großes Geschenk. Deswegen hat er auch den Anspruch, für die Kleinste genauso da zu sein wie für die anderen drei. Ruhestand, Reisen, sein Ding machen – das kommt für ihn vorerst nicht infrage. „Natürlich schränkt mich das ein Stück weit ein, aber die Präsenz meiner Töchter macht das absolut wett.“

Ist es egoistisch, auch in höherem Alter noch Kinder in die Welt zu setzen? Vater zu werden, wenn andere Opa werden? „Es kommt darauf an“, sagt Familientherapeut Björn Enno Hermans, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie. Grundsätzlich kann jeder ein guter Vater sein, unabhängig vom Alter. „Häufig bringen ältere Väter viel Lebenserfahrung mit und sind gelassener im Umgang mit ihren Kindern.“ Aber: Es sei wichtig, nicht die Rolle eines Großvaters einzunehmen. „Der Vater sollte nicht derjenige sein, bei dem mehr durchgeht oder bei dem das Kind mehr verwöhnt wird.“ Die väterliche Autorität sei wichtig für die Entwicklung des Kindes.

Auf der anderen Seite sind Kinder keine kleinen Erwachsenen. Dana Mundt von der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung hat die Erfahrung gemacht, dass ältere Väter manchmal zu viel von einem Kleinkind erwarten. „Kinder sollte man behandeln wie Kinder“, sagt sie. Sie zu fördern, braucht manchmal viel Geduld. Ob man die immer aufbringt, hänge aber natürlich nicht nur vom Alter, sondern auch vom Typ ab.

Reiner Kuhn hat nicht das Gefühl, dass er seiner kleinen Tochter mehr oder weniger durchgehen lässt als der ältesten. Natürlich sei er erfahrener, vielleicht auch etwas ruhiger. Er sei aber immer schon ein sehr gelassener Vater gewesen. „Ich versuche, meine Kinder nicht einzuschränken, sondern ihnen Rückhalt zu geben, damit sie sich frei entfalten können.“

Sorgen bereitet ihm etwas ganz anderes: „Man rechnet schon nach, wenn man mit Mitte 50 noch mal Vater wird.“ Ist die Kleine jugendlich, wird er bereits 70 sein. „Wie fit bin ich dann noch?“

Laut Hermans muss die Tatsache, dass der Vater vielleicht nicht mehr auf Bäume klettern kann, nicht zwingend ein Nachteil sein. Entscheidend ist, dass man es im
Blick hat und im Zweifelsfall kompensiert. „Fußballspielen kann ja vielleicht auch ein
Onkel oder Freund der Familie mit den Kleinen.“ Eins müsse man sich ihm zufolge allerdings klarmachen: Die Zeit, die ein
älterer Vater mit dem Kind hat, sei zumindest statistisch gesehen begrenzt. Möglicherweise muss das Kind früher mit
dem Verlust des Vaters umgehen als
andere.

Die Kinder selbst denken über solche Dinge natürlich nicht nach – zumindest solange sie klein sind. Ihnen wird die ungewöhnliche Konstellation häufig erst bewusst, wenn komische Kommentare aus dem Umfeld kommen. Bis dahin, das ist auch die Erfahrung von Erziehungsberaterin Mundt, ist der ältere Vater für das Kind ganz normal. Reiner Kuhns Tochter war kürzlich zum ersten Mal damit konfrontiert, als ihr auf dem Spielplatz jemand zurief: „Guck mal, da kommt dein Opa.“ Die Sechsjährige sei ganz cool geblieben und habe einfach geantwortet: „Nein, das ist mein Papa.“ Fertig. Genau die richtige Reaktion, sagt Mundt.

In solchen Situationen heißt es, „gelassen zu reagieren und „cool“ zu bleiben“. Auf keinen Fall sollte der Vater das persönlich nehmen. „Kinder sagen, was ihnen gerade in den Kopf kommt.“ Tätowierte Väter bekämen auf dem Spielplatz auch oft zu hören, sie hätten sich bemalt.

Hermans plädiert dafür, offen mit der Situation umzugehen. „Kinder vergleichen sich mit anderen.“ Sie stellen ganz schnell fest, dass andere Väter jünger sind als der eigene. Mundt rät, das Ganze dann möglichst altersgerecht zu verpacken und vor allem positiv zu formulieren: Tatsächlich ist es ja häufig so, dass einem die Familie sehr viel bedeutet und man sich ganz bewusst ein Kind gewünscht hat.

Reiner Kuhn etwa hat seit 30 Jahren
einen Buggy in der Garage stehen. Manche seiner Freunde können das gar nicht nachvollziehen. Er hingegen kann es sich gar nicht anders vorstellen. (dpa)

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