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Mittwoch, 09.08.2017

Alles auf eine Karte

Die elektronische Gesundheitskarte sollte längst ihre Vorteile ausspielen. Warum klappt das nicht?

Von Steffen Klameth

Jana-Cordelia Petzold ist Sprecherin der Managementgesellschaft des Gesundheitszentrums des Kreises Görlitz. Sie zeigt das Kartenterminal, welches die Daten auf der Gesundheitskarte liest. Kostenpunkt: 435 Euro. Die elektronische Gesundheitskarte speichert zurzeit nur die Stammdaten des Versicherten.
Jana-Cordelia Petzold ist Sprecherin der Managementgesellschaft des Gesundheitszentrums des Kreises Görlitz. Sie zeigt das Kartenterminal, welches die Daten auf der Gesundheitskarte liest. Kostenpunkt: 435 Euro. Die elektronische Gesundheitskarte speichert zurzeit nur die Stammdaten des Versicherten.

© ronaldbonss.com

Karte rein, ein paar Sekunden warten, bis das grüne Symbol erscheint, fertig. „Ziemlich unspektakulär“, sagt Romain Seibt, Leiter der IT-Abteilung am Klinikum Oberlausitzer Bergland.

Dem Technik-Experten mag das Prozedere profan erscheinen – für andere ist es eine Revolution. Oder zumindest der Anfang davon. Denn Zittau zeigt, dass sie auch online funktioniert – die elektronische Gesundheitskarte (eGK). Das Krankenhaus am Rande der Republik gehört zu den wenigen ausgewählten Einrichtungen, die die Karte bereits unter realen Bedingungen testen. Dazu ist eine besondere technische Ausstattung nötig, über die die meisten Kliniken und Praxen heute noch nicht verfügen.

Wenn Patienten das Krankenhaus in Zittau aufsuchen, kann die Schwester in der Aufnahme mithilfe der Karte sofort prüfen, ob der- oder diejenige tatsächlich versichert ist. Das Kartenlesegerät ist direkt mit einem sogenannten Konnektor verbunden, der etwa hundert Meter Luftlinie entfernt in einem mehrfach gesicherten Serverschrank steht, welcher sich wiederum in einem mehrfach gesicherten Raum befindet. Der kleine Kasten verschlüsselt die Daten und sendet sie zur jeweiligen Krankenkasse. Dort wird automatisch geprüft, ob ein Versicherungsverhältnis besteht. Falls nicht, taucht bei der Schwester in der Aufnahme ein rotes Symbol auf. „Passiert sehr, sehr selten“, sagt Seibt.

Fünf Sekunden – im Durchschnitt

Fachleute sprechen vom Stammdatenmanagement. Es soll den Betrug mit Kassenleistungen verhindern. Und es ist die erste Funktion, die mit der eGK voraussichtlich überall im Land genutzt werden kann. Am Anfang, so berichten Beteiligte, dauerte der Datenabgleich eine gefühlte Ewigkeit; heute seien es im Schnitt nur noch fünf Sekunden. Die Pläne für eine elektronische Gesundheitskarte sind bereits mehr als 15 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen einer ordnenden Hand bedarf. Kassen, Ärzte- und Apothekerverbände gründeten die Gematik. Die Gesellschaft ist für die Einführung der Gesundheitskarte und den Aufbau der Telematikinfrastruktur verantwortlich. Mithilfe des digitalen Netzes sollen Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Psychotherapeuten medizinische Daten schnell und sicher austauschen können.

„Die elektronische Gesundheitskarte ist der Schlüssel, mit dem auch die Versicherten auf ihre Daten Zugriff haben“, erläutert Benno Herrmann, Leiter der Unternehmenskommunikation bei der Gematik. Schließlich gehe es um persönliche Daten, die hierzulande besonderen Schutz genießen. Deshalb sollen Versicherte künftig auch selbst bestimmen dürfen, welche Daten gespeichert werden und wer darauf zugreifen darf: Notfallinformationen wie Blutgruppe und Allergien, eine Liste mit den aktuell verordneten Arzneien, Befunde, Röntgenbilder und Arztbriefe.

Dr. Gottfried Hanzl gehört zu jenen Medizinern, die bereits bei den ersten Tests dabei waren. Der Allgemeinmediziner aus Oderwitz betreut rund tausend Patienten. Die elektronische Gesundheitskarte fand er sofort spannend: „Ich bin jemand, der gern was Neues probiert – erst recht, wenn es Bürokratie und Papierkram vermeidet.“ Gemeinsam mit zwei Dutzend anderen Praxen, Apotheken und den Krankenhäusern in Löbau und Zittau beteiligten sich an der ersten Testphase für die eGK. Der damalige Landkreis Löbau-Zittau war eine von sieben Testregionen in Deutschland.

„Die Technik funktionierte im Wesentlichen einwandfrei“, erinnert sich Hanzl. Ende 2006, ein Jahr später als erhofft, wurden die neuen Gesundheitskarten verschickt. Fortan kamen die Patienten mit zwei Karten in die Praxis oder ins Krankenhaus – die alte für die Abrechnung und die neue für den Test. Hanzls Mitarbeiter konnten damit praktisch in Echtzeit prüfen, ob die auf der Karte gespeicherten Angaben mit denen der Kasse übereinstimmten – so wie es jetzt das Zittauer Krankenhaus im Praxistest tut.

2007 sollte die nächste Teststufe starten, nun mit elektronischen Rezepten und Notfalldaten. Doch die Sache wurde abgeblasen, und es begann eine Zeit, in der sich nur wenig oder gar nichts bewegte. Immer wieder wurden neue Termine verkündet, die immer wieder nicht eingehalten wurden. Die Gematik-Gesellschafter stritten über Technikanforderungen und Datenschutz, die Industrie kam mit der Entwicklung und Produktion von Software und Geräten nicht hinterher, und jeder schob die Schuld dem anderen in die Schuhe. AOK-Plus-Chef Rainer Striebel spricht von einem „kollektiven Versagen“. Vor allem die Krankenkassen sind sauer über die Verzögerung, denn sie finanzieren das Projekt mit Beitragsgeldern. Laut Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen flossen bisher rund 1,4 Milliarden Euro in die Entwicklung der Karte und der Telematikinfrastruktur – und dabei wird es nicht bleiben. Für die Ausstattung der Praxen mit Konnektoren und Lesegeräten sind allein in Sachsen 35 Millionen Euro veranschlagt.

Kassenärztechef rät zum Abwarten

Auch die Ärzte halten mit ihrem Unmut nicht hinterm Berg. „Die Karte bietet einige Vorteile“, sagt Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS). Aber dass man ausgerechnet mit dem unnützen Stammdatenabgleich begonnen hat, sei einfach irrsinnig: „Betrüger finden andere Wege.“ Der Chef der Kassenärzte sagt massiven Ärger voraus, sobald die Praxen online gehen – etwa wegen langsamer Datenleitungen und weil viele Versicherte noch nicht die neuen Gesundheitskarten mit dem Vermerk „G2“ besitzen. G1-Karten können die Lesegeräte nämlich nicht erkennen. Aus diesem Grund rät die KVS erst mal zum Abwarten. Heckemann: „Wer schon jetzt die Technik bestellt, muss eine masochistische Ader haben.“

Verkäufer sind jedenfalls schon fleißig unterwegs, erzählen Ärzte. Dabei kann die Firma T-Systems nach eigener Planung frühestens im November die Konnektoren liefern. Die Telekom-Tochter hatte gemeinsam mit einem Konsortium um die Firma Compugroup Medical den Auftrag den Test des Stammdatenabgleichs erhalten. Insider vermuten, dass der Elan der Hersteller auch wegen der übersichtlichen Anzahl an Geräten nicht sonderlich ausgeprägt ist. So steht wieder mal in den Sternen, wie es mit der eGK weitergeht. Selbst Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) hält es mittlerweile für schwierig, die mit dem E-Health-Gesetz gestellten Fristen zu halten. Wer die nicht einhält, soll eigentlich finanziell bestraft werden.

Dr. Gottfried Hanzl in der Oberlausitz ist mittlerweile 67 Jahre alt. Die Hoffnung hat er aber noch nicht aufgegeben: „Es ist allerhöchste Zeit – wenigstens für die nächste Generation.“

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