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Mittwoch, 11.10.2017 Kolumne „Des Pudels Kern“

Achtung, Fußhupe

Kleine Hunde hielt ich früher für kläffende Plüschtiere – und lag damit völlig falsch.

Von Nadine Wolf

Frau mit kleinen Hunden.
Frau mit kleinen Hunden.

© dpa

Man nennt sie Fußhupe, Wadenbeißer oder Kampfhamster: kleine Hunde. An einer Flexi-Leine geführt, in mancher Handtasche verschwindend und oft unter einer Art Napoleon-Komplex leidend, werden sie von Großhundebesitzern bestenfalls belächelt. Zugegeben, noch vor 10 Jahren hätte ein Satz wie „Einen Hund unter 40 Kilogramm kann man doch nicht ernst nehmen!“ auch von mir stammen können.

Nie hätte ich damit gerechnet, dass ein Schoßhündchen mein Herz im Sturm erobern könnte. Denn im Laufe der Jahre hatte sich bei mir die Auffassung etabliert, kleine Hunde wären keine echten Hunde. Ich bin ein absoluter Hundefan, aber die kleinen Ausgaben hielt ich immer für notorisch schwer erziehbare, ununterbrochen kläffende Plüschtiere im Hundekostüm, die ständig beim Hundefriseur sitzen. Ich hätte nicht weiter danebenliegen können. Wie so oft im Leben wurde ich eines Besseren belehrt und, wie so häufig von einem Hund. Gewappnet mit rationalen Argumenten und auf der Suche nach einem kleinen Hundekumpel für meinen „richtigen Hund“, fuhr ich vor neun Jahren zu einer Cavalier-Züchterin. Ein zweiter großer Hund sollte es damals nicht sein, weil schlichtweg mein Auto zu klein gewesen wäre, um beide Tiere zu transportieren.

Als analytisch denkender Mensch bewogen mich also ausschließlich pragmatische Gründe dazu, einen handlichen, acht Kilogramm schweren Vierbeiner zu adoptieren. Gefestigt in meiner Überzeugung, dass ich über kleine Hunde wohl nie so wirklich ins Schwärmen geraten könnte, betrat ich völlig arglos die Wohnung der Züchterin. Was folgte, war überwältigend, denn mein neuer kleiner Hund, Puppenmann, brauchte nur etwa eine Zehntelsekunde, um mich um seine wolligen Pfoten zu wickeln. Absolut chancenlos, diesem Bündel zu widerstehen, hatte er sich augenblicklich tiefer in mein Herz gegraben, als ich es für möglich gehalten hätte.

Es lag nicht daran, dass er ein Welpe war. Es lag an seiner Persönlichkeit: freundlich, intelligent und mutig. Nicht ein Funken Arglist ist in seinem Herzen zu finden, nicht ein Hauch von Skepsis. Seine Sichtweise der Welt scheint überragend positiv zu sein, denn nichts kann seine Laune verderben – nicht mal furchtbare Ereignisse, wie ein schmerzhafter Tierarztbesuch. Einem solchen Gemüt kann kaum jemand widerstehen, und offensichtlich war ich ihm sofort hoffnungslos verfallen. Was jedoch nicht hieß, dass ich versäumt hätte, ihn so zu erziehen wie meine großen Hunde auch: Die üblichen Grundkommandos beherrschte er in kürzester Zeit, und er hatte Spaß am Training. Wer glaubt, ein kleiner Hund sei schwer erziehbar, täuscht sich gewaltig. Die kleinen Vierbeiner werden häufig einfach unterschätzt, vermutlich auch unterfordert und sind wohl deswegen oft schlecht erzogen. Vielleicht, weil die geringe Körpergröße dazu verleitet, sie nicht als das wahrzunehmen, was sie sind, nämlich großartige Hundepersönlichkeiten, deren Bedürfnisse sich von großen Tieren kaum unterscheiden.

Mein kleiner Puppenmann rannte wie der Große zehn Kilometer am Fahrrad, schwamm im See und ging mit auf Wandertour. Nur weil sie klein sind, heißt das nicht, dass sie weniger aktiv wären als ihre großen Artgenossen, weniger Aufmerksamkeit oder Erziehung benötigten. Im Gegenteil – häufig ist es umgekehrt. In ihnen steckt genauso viel geballte Hundepersönlichkeit wie in den großen Exemplaren, nur in einer etwas kleineren Verpackung.

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