• Einstellungen
Freitag, 13.04.2018

20 Wochen Wartezeit auf eine Psychotherapie

Trotz Reform hat sich wenig geändert, belegt eine neue Studie. Nach der Amokfahrt von Münster wächst die Kritik.

Von Stephanie Wesely

1

Anspruch auf ein schnelles Erstgespräch.
Anspruch auf ein schnelles Erstgespräch.

© dpa

Der psychisch kranke Amokfahrer von Münster soll sich vergeblich um einen Therapieplatz bemüht haben. Viele fragen sich jetzt: Sind er und seine Opfer auch ein Ergebnis der immer noch unzureichenden psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland?

In Sachsen mussten Patienten vor einem Jahr noch rund fünf Monate auf einen Therapieplatz beim Psychotherapeuten warten, bundesweit sogar fast sechs Monate. Eine Reform im April 2017 sollte das ändern. Doch eine neue Studie der Bundespsychotherapeutenkammer kommt nun zu einem ernüchternden Ergebnis: „Psychisch kranke Menschen warten heute immer noch viel zu lange auf eine Behandlung“, sagt Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. „Von der ersten Anfrage bis zum Beginn der Psychotherapie vergehen rund 20 Wochen.“ Sachsen liegt mit 19 Wochen knapp unter dem Bundesdurchschnitt.

7 000 zusätzliche Praxissitze nötig

Munz fordert deshalb bundesweit mindestens 7 000 Praxissitze zusätzlich, vor allem außerhalb der Großstädte, wo die Wartezeiten besonders lang seien. Denn der Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungen ist laut Studie deutlich gestiegen. Wurden 2011 noch 1,1 Millionen Menschen behandelt, waren es im vergangenen Jahr bereits 1,4 Millionen. Die Bundespsychotherapeutenkammer führt das darauf zurück, dass die Stigmatisierung psychisch Kranker abgenommen hat. Denn psychische Leiden seien heute nicht wesentlich häufiger als früher. Erkrankten 2017 etwa 30 Prozent innerhalb eines Jahres psychisch, waren es nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts 2013 27,7 Prozent. Die Hälfte der Betroffenen hat mehrere psychische Krankheiten gleichzeitig.

In Sachsen sind derzeit rund 1 100 niedergelassene Psychotherapeuten tätig. Trotz des gestiegenen Bedarfs hat sich an der Zahl der Behandler seit Jahren nichts geändert. Und das, obwohl fast 400 ausgebildete Psychotherapeuten im Freistaat sofort beginnen könnten. Sie bekommen keine Kassenzulassung. Denn die ist limitiert. „Es gibt bundesweite Vorgaben, für wie viele Einwohner ein Arzt oder Psychotherapeut auf Kassenkosten tätig werden darf. Und diese Zahl ist in Sachsen erreicht“, erklärt Katharina Bachmann-Bux, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen.

Die Reform der Psychotherapie hat aber auch etwas Positives gebracht, belegt die Untersuchung der Bundespsychotherapeutenkammer. Eine neu geschaffene psychotherapeutische Sprechstunde soll dem Patienten ein erstes Gespräch mit dem Therapeuten ermöglichen. Dabei wird eingeschätzt, ob eine psychotherapeutische Behandlung nötig ist oder eine Vermittlung von Beratungsangeboten oder in eine Selbsthilfegruppe reicht. „Diese Sprechstunde wird sehr gut angenommen“, sagt Dietrich Munz. Mussten Patienten 2011 noch 12,5 Wochen auf ein erstes Gespräch warten, dauere es heute knapp sechs Wochen. Sachsen liegt mit fünf Wochen auch hier unter dem Bundesdurchschnitt. „In die Sprechstunden kommen aber nicht wie gedacht nur Menschen mit Lebensproblemen, sondern überwiegend chronisch Kranke mit Mehrfachdiagnosen, beispielsweise Traumen, Suchtproblemen und psychischen Erkrankungen gleichzeitig“, sagt Antje Orgass, Sprecherin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer. „Es hat sich ein riesiger Behandlungsbedarf aufgetan.“

Eine weitere Neuerung ist die Akutbehandlung. Sie ist für Menschen in plötzlichen psychischen Krisen vorgesehen und soll zum Beispiel eine Selbst- und Fremdgefährdung abwenden. Die Akutbehandlung kann sich unmittelbar an die Sprechstunde anschließen und umfasst maximal 24 kurze Behandlungen. Im Schnitt wartet man allerdings drei Wochen auf den Beginn, zeigt die Studie. „Bei Patienten mit suizidalen Absichten wird schneller gehandelt. Sie dürfen nicht weggeschickt werden“, sagt Antje Orgass. Inwieweit der Amokfahrer bei seiner Therapeutensuche solche Absichten geäußert hat, sei nicht bekannt. Aber selbst vor der Reform hätte er eine schnelle Behandlung erhalten müssen. „Denn Suizidabsicht oder Fremdgefährdung waren immer schon ein Notfall“, sagt sie. „Einen solchen Patienten wegzuschicken, ist unterlassene Hilfeleistung.“

Für den Umgang mit suizidgefährdeten Patienten gibt es Orgass zufolge strenge Regelungen. Der Therapeut muss zuerst ein sogenanntes Kriseninterventionsgespräch führen, in dem der Gefährdungsgrad eingeschätzt wird. „In der Regel erfolgt dann eine Klinikeinweisung“, sagt die Kammersprecherin. Doch die stationäre Aufnahme dürfe nicht gegen den Willen des Patienten erfolgen. „Der Patientenwille ist ein hohes Gut.“ Stimmt er nicht zu, wird in Sachsen der sozialpsychiatrische Dienst alarmiert. Er darf auch gegen den Willen des Patienten eine Einweisung anordnen. In anderen Bundesländern macht das die Polizei.

Auch bei anderen Neuerungen, die die Reform gebracht hat, gibt es noch Handlungsbedarf. Zum Beispiel bei der Kurzzeitbehandlung. Sie umfasst maximal 25 Therapiestunden. Doch die gibt es nicht am Stück, sondern in zwei Abschnitten. Jeder Abschnitt muss einzeln bei der Krankenkasse beantragt werden. Außerdem erhält neuerdings nur noch der Patient die Benachrichtigung, ob die Therapie genehmigt wurde. „Das führt zu zeitlichen Verzögerungen und zu vermeidbaren Therapieunterbrechungen“, sagt Munz. In der bundesweiten Studie gaben über 90 Prozent der Psychotherapeuten an, dass sich der bürokratische Aufwand durch die Zweiteilung der Kurzzeittherapie vergrößert hat.

Hohe Rückfallgefahr

Behandlungen über 25 Stunden werden Langzeitbehandlungen genannt und müssen von einem Gutachter genehmigt werden. Dieser Aufwand und die geringe Therapeutendichte sind der Studie zufolge die Ursache für die langen Wartezeiten. Mit der Wartezeit steigt das Risiko, dass sich psychische Erkrankungen verschlimmern, besonders bei Depressionen. Sie bergen zudem eine hohe Rückfallgefahr.

Deshalb wurde mit der Reform eine Rückfallprophylaxe eingeführt. Doch sie habe ihr wichtiges Ziel verfehlt, sagt Munz. Denn der Therapeut müsse bereits zu Beginn einer Langzeitbehandlung einschätzen, ob so eine Wiederbestellung notwendig ist. Die dafür erforderlichen Stunden würden jedoch von der Langzeitbehandlung abgezogen.

Im Ergebnis der Studie fordert die Kammer mehr Therapeuten, um die Wartezeiten auf eine Psychotherapie auf vier Wochen zu verkürzen. Bis dahin sollten Terminservicestellen auch an Privatpraxen vermitteln dürfen, wenn eine Therapie dringend notwendig ist und innerhalb von vier Wochen kein freier Platz bei einem Kassen-Therapeuten verfügbar ist.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. Cunfor

    Mit 20 Wochen Wartezeit, ist man doch sehr zügig drangekommen! Vor zwei Jahren hieß es bei mir: "Die Wartezeit beträgt mindestens ein Jahr!" (Landkreis Görlitz)

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.