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Freitag, 28.10.2016 Aus dem Gerichtssaal

Zähneputzen nach der Sanduhr

Ein Radeburger erzieht seinen Stiefsohn sehr streng. Doch dann übertreibt er es. Das bringt ihn vor Gericht.

Von Jürgen Müller

Strenge Regeln hat der Angeklagte bei der Erziehung seines Stiefsohns aufgestellt. Sogar das Zähneputzen läuft nach einer Sanduhr ab.
Strenge Regeln hat der Angeklagte bei der Erziehung seines Stiefsohns aufgestellt. Sogar das Zähneputzen läuft nach einer Sanduhr ab.

© AKG Pressebild

Meißen/Radeburg. Es kommt in den besten Familien vor, dass es Meinungsverschiedenheiten bei der Erziehung der Kinder gibt. Oft sind die Mütter zu nachgiebig, die Väter zu streng. Kinder merken das schnell und spielen die Eltern dann gegenseitig aus.

Doch in der Beziehung des Radeburgers zu seiner Lebensgefährtin, mit der er seit sechs Jahren zusammen ist, und deren heute achtjährigen Sohn scheint noch mehr nicht zu stimmen. Ein Streit bringt den 35-Jährigen jetzt vor Gericht. Angeklagt ist er wegen Körperverletzung. Er soll seinen Sohn geschlagen haben.

Es ist an einem Novemberabend vorigen Jahres. Nach Ansicht des Angeklagten bummelt sein Stiefsohn mal wieder viel zu lange im Bad herum. Dabei hat der Mann, der zwar nicht der leibliche Vater des Kindes ist, aber praktisch dessen Part übernommen hat, strenge Regeln aufgestellt. Selbst das Zähneputzen läuft nach einer Sanduhr ab. Erst wenn die abgelaufen ist, darf der Sohn aufhören. „Er braucht strenge Erziehung“, sagt der Mann, seine Lebensgefährtin sei zu inkonsequent.

Wegen der Bummelei habe er dem Kind an jenem Tag lediglich einen Klaps auf den Hinterkopf geben wollen. Doch seine Lebensgefährtin habe sich vor ihn gestellt, das Kind beschützt. Bei dem Schlag trifft er die Frau mit dem Ellenbogen, den Jungen mit der Hand im Gesicht. „Das wollte ich nicht, er sollte nur einen Ordnungsklaps kriegen“, sagt er. Doch so harmlos, wie es der Angeklagte schildert, ist die Situation wohl doch nicht gewesen. Sonst hätte die Frau wohl nicht die Polizei geholt, die den Mann schließlich anzeigt.

In normalen, funktionierenden Familien klärt man solche Angelegenheiten unter sich, da braucht man keine Polizei und erst recht kein Gericht. Das ist auch gut so. Wenn alle derartigen Vorfälle angezeigt würden, kämen die Gerichte wahrscheinlich zu nichts Anderem mehr. Mehrfach widerspricht sich der Angeklagten, der sich selbst als impulsiv und aufbrausend einschätzt. Er zeichnet von dem Jungen ein schizophrenes Bild. Er sei sehr ruhig und gut erzogen, sagt er einerseits. Zu Hause spure er, aber bei anderen wie der Oma könne er sich nicht benehmen. Auch das ist ja kein völlig unbekanntes Phänomen, dass Großeltern mit ihren Enkeln oft sehr nachsichtig sind, ihnen alles erlauben. Und der eine oder die andere nutzten das dann auch.

Der Stiefsohn sei ein liebes Kind, sagt der Angeklagte, außer wenn er mal wieder geklaut habe oder sich weigere, in der Schule am Unterricht teilzunehmen, sagt er. Tatsächlich ist das Kind in psychologischer Behandlung, weil es sich nicht richtig konzentrieren kann. Und vor allem die Vorstellungen seines Stiefvaters nicht erfüllt. Dessen Motto ist „Zack, zack, hintereinander weg“, wie er sagt. Da passt ein bummeliges, unkonzentrierteres Kind nicht rein. Doch die Tat, das Schlagen eines Kindes, rechtfertigt das natürlich nicht.

Bestraft wird der Angeklagte allerdings nicht. Richterin Ute Wehner, die auch mal Familienrichterin war, versucht sich ein bisschen als Hobby-Psychologin, macht in der Verhandlung Familienberatung. Und schätzt offenbar selbst ein, dass das in diesem Fall nicht reicht. Denn sie verdonnert den Mann, mindestens dreimal zu einer professionellen Familienberatung zu gehen, ganz ohne Sanduhr. Die Teilnahme muss er dem Gericht nachweisen. Erfüllt der Radeburger diese Auflage, wird das Verfahren endgültig eingestellt. Ein peinliches Verfahren, das sich die Lebensgemeinschaft hätte ersparen können. Die Drei leben inzwischen wieder zusammen. Weitere derartige Vorfälle soll es seitdem nicht mehr gegeben haben.

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