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Mittwoch, 14.02.2018

Wühlen im Verkohlten

Brandursachenermittler Rico Oehme musste im vorigen Jahr mehr als zwei Dutzend Mal im Kreis Meißen ausrücken.

Von Peter Redlich

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So wie hier am abgebrannten Vereinsheim in Neusörnewitz sieht das Arbeitsgebiet der Brandermittler zumeist aus.
So wie hier am abgebrannten Vereinsheim in Neusörnewitz sieht das Arbeitsgebiet der Brandermittler zumeist aus.

© Norbert Millauer

Mit diesem Gerät kann der Brandermittler messen, ob Benzin oder Diesel mit benutzt wurde.
Mit diesem Gerät kann der Brandermittler messen, ob Benzin oder Diesel mit benutzt wurde.

© Peter Redlich

Der kleine Elektrostecker liefert den Hinweis auf die Entstehung des Feuers.
Der kleine Elektrostecker liefert den Hinweis auf die Entstehung des Feuers.

© Peter Redlich

Das kleine Gerät in der Mitte warnt den Fachmann bei der Untersuchung des Brandortes vor giftigen Gasen.
Das kleine Gerät in der Mitte warnt den Fachmann bei der Untersuchung des Brandortes vor giftigen Gasen.

© Peter Redlich

Landkreis Meißen. Gerald Schidlo setzt es gleich vor das Gespräch: „Die Brände in Coswig und Neusörnewitz sind keine Serie. Wir haben es hier offenbar nicht mit einem Feuerteufel zu tun. Die Ermittlungen brachten keinen Zusammenhang.“ Gerald Schidlo ist Kriminaloberrat und der Chef der Kriminalaußenstelle in Meißen. Sein bester Mann, auch sein einziger in Sachen Brandursachenermittlung, heißt Rico Oehme. Oehme, 44 Jahre, ist im Dienstgrad Kriminalhauptkommissar und im Fach Kriminaltechniker. Sein Geschick, Spuren zu sichern und einen Täter zu überführen, ist genauso bei Hauseinbrüchen oder Handtaschendiebstählen gefragt. Bei den Bränden zum Jahresbeginn 2017 in Riesa war er vor Ort. Genauso Ende 2016, als der Fischhandel im Neusörnewitzer Gewerbegebiet niederbrannte und auch beim Feuer in der Sonnenschutzfirma Otto an der Meißner Straße in Radebeul.

„Beim Brand ist falsch“, betont Oehme. „Wir sind da, wenn die Brandstelle kalt ist.“ Wenn die Feuerwehrleute gelöscht haben. Gewaltig stinkt es dann immer noch. Einsturzgefahr? Das müsse vorher kurz geprüft werden, sagt der Ermittler. Woran die wenigsten denken: Im Brandherd steigen weiter giftige Dämpfe auf. Bis zu 5 000 Giftstoffe stecken da drin.

Im Koffer von Rico Oehme ist zu sehen, was er dabei hat, um nicht nach einer Minute bewusstlos umzukippen. Ein kleines Messgerät, das zumindest Sauerstoffmangel und die nicht riechbare Konzentration von Kohlenmonoxid anzeigt. Schwer entflammbare Kleidung und sehr festes Schuhwerk verstehen sich von selbst.

Brandursachenermittler sollen für den Staatsanwalt herausfinden, ob einer gezündelt hat, ob es ein technischer Defekt war oder gar Selbstentzündung. „Ich werde nicht zu jeder Papiermülltonne gerufen, die zu einem Klumpen verbranntem Plastik zusammengeschmolzen ist. Als das im Coswiger Wohngebiet passierte, war es eindeutig Brandstiftung und die Spurenlage ist meist dürftig“, sagt der Ermittler.

Er geht nach solchen Bränden wie beim Fischhandel oder dem Sportlerheim in Neusörnewitz in den verkohlten Schutt. Seine Kollegen von der Streife, die zumeist kurz nach der Feuerwehr am Ort sind, bewachen die Brandstätte, bis sie kalt ist.

Zum Werkzeug des dann angerückten Ermittlers gehören auch Schaufel, Hacke, eine kleine Gartenschaufel und der Fotoapparat. Und: Ein Gerät, das den komplizierten Namen Photoionisationsdetektor trägt. Damit können chemische Verbindungen, wie beispielsweise aromatische Kohlenwasserstoffe, festgestellt werden. Solche Verbindungen sind in Benzin und Diesel. Noch im Millionstelbereich erkennt das Gerät solche Rückstände, selbst nach hohen Temperaturen.

Aber wo ansetzen in einem verkohlten Trümmerhaufen wie am Neusörnewitzer Vereinsheim? In solchen Situationen darf der Brandermittler Hilfe anfordern – einen dafür ausgebildeten Spürhund etwa, bei großen Flächenbränden eine Drohne oder einen Hubschrauber für die Draufsicht von oben.

Rico Oehme: „Der Spürhund ist mitunter noch besser als der Photoionisationsdetektor. Auf jeden Fall können wir mit ihm den Bereich eingrenzen, in dem wir gezielter suchen müssen.“ Der Spezialist schaut mit anderen Augen auf die für den Laien nur verwüstete Fläche. Je nachdem was die Feuerwehrleute nicht mit Wasser wegspülen oder mit Stemmeisen wegbrechen mussten, ist die Spurenlage mies bis gut. Selbst Fingerspuren und DNA lassen sich manchmal noch feststellen.

Der Meißner Kripo-Mann erinnert sich an einen Fall, in dem die Brandräume beinahe besenrein von der Feuerwehr übergeben worden sind, er aber dennoch den kleinen Elektrostecker als Ursache für die Entzündung gefunden hat. Oehme holt den Stecker in der Plastiksicherungstüte heraus. Der Laie würde darauf gar nichts, außer verkohlter Plaste erkennen. Doch der Stecker in der Größe einer kleinen Holzschraube würde aufgrund seines Materials erst bei höheren Temperaturen verglühen, als sie am Brandherd herrschten. Rico Oehme ist sich sicher, dass es hier die Erhitzung und die ersten Flammen gegeben haben muss.

Mehr als zwei Dutzend Male ist der Fachmann von der Kripo im letzten Jahr zu solchen besonderen Einsätzen gerufen worden. Im Jahr 2016 waren es sogar 30 Einsätze zur Brandursachenermittlung. Kurz vor dem Jahreswechsel musste Rico Oehme zum Brandherd ans Möbelhaus Hülsbusch in Weinböhla. Auch hier deutet alles auf Brandstiftung hin.

Die meisten Brände aus Fahrlässigkeit passieren in der Weihnachtszeit. Etwa die Hälfte der untersuchten Reste nach einem Feuer ist auf Brandstiftung zurückzuführen. Auch die in Neusörnewitz und zu Jahresbeginn 2017 in Riesa. Aber während in Riesa Ende April, Anfang Mai 2017 die Täter als Serienzündler ermittelt werden konnten, ist die Serie im Coswiger Gebiet nicht festzustellen.

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