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Donnerstag, 14.09.2017

Wohnungsnot geht zulasten der Armen

Vor allem in Großstädten reißt die Miete ein immer größeres Loch in die Haushaltskasse.

In Großstädten leiden viele Menschen unter einer kaum noch tragbaren Belastung durch hohe Mieten.
In Großstädten leiden viele Menschen unter einer kaum noch tragbaren Belastung durch hohe Mieten.

© dpa

Die Wohnungsnot in deutschen Großstädten belastet arme Menschen überdurchschnittlich. Während besser verdienende Haushalte im Schnitt gut 17 Prozent ihres Einkommens für die Bruttokaltmiete ausgeben müssen, „sind es bei den Haushalten an der Armutsgrenze 39,7 Prozent“, heißt es in einer Studie der Humboldt-Universität, die auf Basis der vergangenen Haushaltsbefragung (Mikrozensus) die Wohnungsbedingungen im Jahr 2014 ermittelt hat. „Haushalte mit geringeren Einkommen leben in schlechterer Qualität, auf kleinerer Fläche und haben eine deutlich höhere Mietbelastung zu tragen.“

Untersucht wurden die Mietkosten in 77 Großstädten. Rund 40 Prozent der Haushalte in diesen Städten, das entspricht etwa 5,6 Millionen Haushalten mit 8,6 Millionen Menschen, müssen mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens ausgeben, um die Kaltmiete zu bezahlen. In den Sozialwissenschaften gelten 30 Prozent als kritische Grenze, weil dann nur noch „relativ wenig Geld für sonstige Lebensführung zur Verfügung bleibt, insbesondere bei Menschen mit kleineren Einkommen“, teilte die Böckler-Stiftung des DGB mit, die die Studie finanziert hat. Gut eine Million Haushalte mit rund 1,6 Millionen Personen zahlt den Angaben zufolge mehr als die Hälfte des Einkommens für die Miete. Und etwa 1,3 Millionen Haushalten in den untersuchten Großstädten verbleibt nach Abzug der Miete nur noch ein Resteinkommen, das unterhalb der Hartz-IV-Regelsätze liegt.

So viel geht vom Einkommen für die Miete ab

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Im bundesweiten Durchschnitt liege die Mietbelastung bei 26,8 Prozent, bei einer Bruttokaltmiete von durchschnittlich 7,69 Euro/Quadratmeter.

Zu den bundesweiten Spitzenreitern bei der Mietbelastung zählten etwa Bonn (30,3 Prozent), Neuss (30,1 Prozent) sowie Köln (29,3 Prozent) und Düsseldorf (29,2 Prozent). Unter den zehn Städten mit der höchsten Quote an Mietbelastung finden sich jedoch neben wohlhabenden Metropolen und mittelgroßen Städten auch eher wirtschaftlich schwache Standorte wie Bremerhaven (29 Prozent) oder Offenbach (28,7 Prozent).

Und in Sachsen? In Dresden liegt die durchschnittliche Mietbelastung laut Studie bei 22,8 Prozent, in Chemnitz bei 20,9 Prozent und in Leipzig bei 22,6 Prozent.

„Die Ungleichheit der Wohnverhältnisse entspricht in etwa den Einkommensunterschieden“, schreiben die Autoren, zu denen auch der kurzzeitige Berliner Wohnungsbaustaatssekretär Andrej Holm (Linke) gehört. Und „die sozialpolitische Dimension der Wohnversorgungssysteme, Einkommensunterschiede zu mildern und einen Beitrag zur sozialen Kohäsion zu leisten, haben sich weitgehend aufgelöst“.

Vor allem in den Großstädten mit steigender Einwohnerzahl, an der Spitze steht hier Berlin, gibt es einen großen Mangel an bezahlbaren, vor allem kleineren Wohnungen. Den Daten zufolge haben Personen mit geringem Einkommen generell kleinere und schlechter ausgestattete Wohnungen. Trotzdem tragen sie im Schnitt eine weitaus höhere Mietbelastung als einkommensstärkere Haushalte, „weil oftmals auch für Wohnungen mit geringem Standard relativ hohe Mieten zu zahlen sind“.

In den 77 untersuchten Großstädten mit mehr als 100 000 Einwohnern könne in 54 Kommunen angesichts eines Trends zu wachsenden Bevölkerungszahlen von einem „angespannten Wohnungsmarkt“ ausgegangen werden, so die Forscher. Es fehlen vor allem kleinere Wohnungen.

Einen anderen Blick auf den Mietwohnungsmarkt wirft das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Rund 15 Millionen Wohnungen werden hierzulande von sogenannten Kleinvermietern angeboten, von denen wiederum mehr als die Hälfte weniger als 5 000 Euro Nettomieteinnahmen pro Jahr erzielten. „Das Bild des reichen Vermieters, der armen Mietern gegenübersteht, ist also eher eine Ausnahme als die Regel“, schreibt das IW in einer Studie und warnt davor, den Vermietern „nicht zu viel aufzubürden“ an Vorgaben und Mietpreisbremsen.

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