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Mittwoch, 22.03.2017

Warmer Pazifik, anomale Wellen: Peru kämpft mit „Küsten-Niño“

„Küsten-Niño“ hört sich niedlich an, ist aber für hunderttausende Peruaner das Synonym für Zerstörung und Angst. Angst, dass sich das Klimaphänomen weiter verstärkt und der Ozean immer mehr verrückt spielt.

Von Georg Ismar und Juan Garff

Verlassene Wohngegend in Chosica (Lima, Peru). Zu reißenden Strömen gewordene Flüsse ließen Ortschaften verschwinden und rissen Autos mit sich.
Verlassene Wohngegend in Chosica (Lima, Peru). Zu reißenden Strömen gewordene Flüsse ließen Ortschaften verschwinden und rissen Autos mit sich.

© dpa

Lima. Es ist fast etwas gespenstisch, was die Schiffahrtsbehörde Perus im täglichen Wetter-Bulletin veröffentlicht. An der Nordküste liegt die Wassertemperatur im Pazifischen Ozean aktuell 5,5 Grad Celsius über den Durchschnittswerten, bei 28 bis 30 Grad. Es kommt zu Ausschlägen, die Wissenschaftler vor Rätsel stellen, bis hin zu ungewöhnlichem Wellengang, der zur Schließung von gleich 23 Häfen entlang der rund 3000 Kilometer langen Küste führte.

Die hohe Meerestemperatur führe dazu, „dass die Atmosphäre instabiler ist“, erklärt der Meteorologe Nelson Quispe. „Es kommt zu starker Verdunstung von Meerwasser, dadurch entsteht starke Wolkenbildung, die zu Tropenregen in den Städten führt.“

Vor allem am Bergmassiv der Anden regnen sich die Wolken ab. Kleine Flüsse werden zur reißenden Fluten, bahnen sich über starkes Gefälle den Weg hinunter zum Ozean und reißen alles auf dem Weg mit. Durch lange Trockenphasen zuvor ist der Boden vielerorts so hart, dass Wasser kaum versickern kann. Die Wassermenge der Flüsse ist teilweise fünf Mal höher als üblich.

„Normal führt das sonst kalte Küstenwasser zur Abschwächung oder Auflösung von vom Pazifik kommenden Niederschlagsgebieten“, betont der Deutsche Wetterdienst in einer Kurzanalyse. Ob sich aus diesem bisher begrenzten Phänomen („Küsten-Niño“) die normalerweise als El Niño bezeichnete großräumige Erwärmung des Pazifiks entwickelt, ist derzeit unklar. Dann drohen Wetterextreme auch in anderen Regionen.

Der Name „El Niño“ ist das spanische Wort für „das Christkind“ - weil das Phänomen wie auch jetzt wieder um die Weihnachtszeit beginnt. Fischer merken es oft als erste, da die Fischfänge plötzlich deutlich niedriger ausfallen. In Südostasien, aber auch in Mittelamerika, Südafrika und Ostaustralien häufen sich durch das Phänomen Dürren und Waldbrände. Im zentralen und östlichen Afrika sowie in weiten Teilen Südamerikas wird dagegen künftig mit mehr Überschwemmungen gerechnet.

Noch bis Anfang April wird mit Anomalitäten gerechnet. Vereinzelt wurden sogar zehn Grad mehr als üblich gemessen. Präsident Pedro Pablo Kuczynski ist seit Tagen in Hubschraubern unterwegs, um die Überschwemmungsgebiete zu überfliegen, spricht in Gummistiefeln den Bürgern, die alles verloren haben, Mut zu. Vor allem von Lima die ganze Nordküste hinauf ist die Lage teils dramatisch. Das Zentrum der drittgrößten Stadt Trujillo wurde zeitweise überspült. Zur Rettung von Menschen kam auch Kuczynskis Präsidentenflugzeug zum Einsatz.

Die traurige Bilanz bisher: 78 Tote und mehr als 643 000 Betroffene, mehr als 100 000 davon haben ihre Häuser verloren. International läuft eine große Hilfswelle an. Präsident Kuczynski hat versprochen, dass Fluss für Fluss eine bessere Kanalisierung angegangen werden soll. Doch die Möglichkeiten sich gegen diese Unwuchten zu wappnen, sind begrenzt. Zeitweise konnten Kläranlagen und Anlagen zur Trinkwassergewinnung rund um Lima wegen der Geröllmassen nicht mehr arbeiten. Vor Wasserwagen bildeten sich lange Warteschlangen.

Schon jetzt ist klar, dass die Katastrophe das Wirtschaftswachstum der aufstrebenden, den Freihandel mit der Welt suchenden peruanischen Volkswirtschaft bremsen wird. Nach Angaben des Portals „El Comercio“ ist das Wachstumsziel von fünf Prozent im März passé. Die Landwirtschaft, Fischerei und Bergbau sind schwer getroffen. Zudem sind wichtige Transportrouten wie die Panamericana derzeit unterbrochen.

Gebannt blicken die Peruaner dieser Tage auf die weiteren Bulletins zum Wetter und zur Wassertemperatur vor der Küste. Und da gibt es am Mittwoch zarte Zeichen der Hoffnungen. Wie Julio Villafuerte Osambela vom Katastrophenzentrum der Zeitung „La República“ sagte, können die aufkommenden Herbstwinde bald schon eine Wende bringen. „Der Wind kühlt derzeit den warmen Teil des Ozeans im Norden des Landes ab.“ (dpa)

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