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Dienstag, 09.01.2018

Partikel, die unsere Zellen stören

Wie gefährlich ist Mikroplastik? Zwischenergebnisse einer Trinkwasser-Studie im Vogtland lassen aufhorchen.

Von Katrin Mädler

Sylvia Renz (l.) und Tamara Grummt untersuchen im Umweltbundesamt in Bad Elster die Auswirkungen von Mikroplastik am Lebendzellenmikroskop.
Sylvia Renz (l.) und Tamara Grummt untersuchen im Umweltbundesamt in Bad Elster die Auswirkungen von Mikroplastik am Lebendzellenmikroskop.

© dpa/Katrin Mädler

Auf dem Computerbildschirm erscheinen die kleinen Zellen. Vor dem Computer sitzen die Trinkwasserforscher und begutachten die Bilder, die aus einem Lebendzellen-Mikroskop stammen. In der Dienststelle des Umweltbundesamts (UBA) im vogtländischen Bad Elster schaffen Leiterin Tamara Grummt und ihre Kollegen die Bedingungen dafür, dass die Zellen über einen längeren Zeitraum überleben – und füttern sie zusätzlich mit Mikroplastikpartikeln. Sie wollen sehen, was dabei passiert.

„Wir arbeiten mit Zellkulturen, die den menschlichen sehr nahe sind. Dadurch bekommen wir verwertbare Ergebnisse“, erläutert die Wissenschaftlerin. Seit 2016 läuft das Forschungsprojekt zu Mikroplastik im Wasserkreislauf. Es endet im Februar 2019. Ein Zwischenergebnis lässt jetzt schon aufhorchen: Mikroplastik kann Störungen in menschlichen Zellen verursachen. „Wir konnten nachweisen, dass die Partikel von den Zellen aufgenommen werden, sich dazwischen anreichern und die Kommunikation stören“, sagt die Abteilungsleiterin.

Am Ende will das sechsköpfige Team um Tamara Grummt eine fundierte Einschätzung liefern, ob Mikroplastik eine Gesundheitsgefahr ist. Die gestörte Kommunikation zwischen den Zellen und Entzündungsreaktionen könnten darauf hindeuten, sagt Grummt.

Sie leitet in Bad Elster die Abteilung „Toxikologie des Trink- und Badebeckenwassers“ und forscht seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet. Als studierte und promovierte Biologin erstellt sie Richtlinien für Trink- und Schwimmbeckenwasser, hält Vorträge darüber und Seminare.

Sie warnt aber vor Hysterie: „Das Trinkwasser hat sich im Laufe der Jahre nicht verschlechtert. Aber es kommen neue Spurenstoffe dazu wie Arzneimittelreste oder auch Mikroplastik, die wir bewerten müssen.“ Dazu sei das aktuelle Verbundprojekt „Mikroplastik im Wasserkreislauf (Miwa) – Probennahme, Probenbehandlung, Analytik, Vorkommen, Entfernung und Bewertung“ mit Partnern aus ganz Deutschland ein wichtiger Schritt. Hochschulen, Wasserbetriebe und andere Forschungseinrichtungen beteiligen sich daran. Gefördert wird es vom Bundesforschungsministerium.

Plastikabfälle sind ein weltweites Problem. Tüten und Flaschen verschmutzen die Kontinente und schwimmen in den Meeren. Zersetzen sie sich mit der Zeit, entsteht Mikroplastik. Die Kleinstteile gelangen aber auch durch Haushaltsprodukte wie Kosmetika in den Wasserkreislauf. Sind sie inzwischen im deutschen Trinkwasser nachweisbar? „Bei unseren ersten Untersuchungen vor drei Jahren haben wir nichts gefunden. Damals standen wir aber am Anfang“, sagt Ulrike Braun von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin, die sich ebenfalls an der aktuellen Mikroplastikstudie beteiligt.

In den kommenden Monaten sollen weitere Trinkwasserproben folgen. Denn inzwischen gebe es neuere und schnellere Messverfahren, ergänzt Ulrike Braun als Leiterin der analytischen Untersuchungen. Erste Proben aus deutschen Gewässern, aus Kläranlagen und vom Oberflächenwasser, zeigten bereits Spuren. „Da ist etwas. Aber es ist zu früh, um zu beurteilen, wie aussagekräftig die Funde sind“, sagt die Wissenschaftlerin.

Ungefähr zehn Millionen Tonnen Kunststoffe in unterschiedlichster Form kommen jedes Jahr in Deutschland neu auf den Markt, heißt es in der Beschreibung des Mikroplastik-Verbundprojektes. Durch den langsamen Abbauprozess könnten diese für mehrere Hundert Jahre in den Ökosystemen Spuren hinterlassen. Dass sie auf Mensch und Umwelt einwirkten, werde sich nicht mehr völlig vermeiden lassen. Vermutlich könnten Kunststoffe als Marker unseres Zeitalters noch in ferner Zukunft nachweisbar sein.

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