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Dienstag, 10.04.2018

Mikroplastik im Kompost

Winzige Kunststoffteilchen kommen aus Haushalt und Gewerbe auch über den Biomüll in die Umwelt.

Von Roland Knauer

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In Bioabfällen, die zum Verrotten gebracht werden, finden sich immer wieder auch Verpackungsreste.
In Bioabfällen, die zum Verrotten gebracht werden, finden sich immer wieder auch Verpackungsreste.

© André Wirsig

Kompostierungsanlagen sind eine tolle Sache: Während früher auf Deponien biologisch abbaubarer Müll aus privaten Haushalten und dem Gewerbe vor sich hin rottete und dabei jede Menge des Klimagases Methan freisetzte, werden solche Lebensmittelabfälle und Pflanzenreste seit 1985 in vielen Regionen getrennt gesammelt und zu Kompost verarbeitet. In privaten Gärten und auf den Feldern der Bauern ersetzt dieser Kompost jede Menge Kunstdünger. Die rund tausend Kompostierungsanlagen in Deutschland sind daher beim nachhaltigen Wirtschaften eine wichtige Komponente, die Nährstoffe und Spurenelemente aus der Küche und dem Supermarkt auf die Äcker zurückbringt. Allerdings stecken in diesem Kompost auch jede Menge winziger Plastikteilchen, die in der Umwelt nichts zu suchen haben, berichten Christian Laforsch und seine Kollegen von der Universität Bayreuth in der Zeitschrift Science Advances.

Geflecht der Zuständigkeiten

Aufgefallen waren solche Plastikabfälle zunächst im Meer: Allein im Jahr 2010 landeten aus den Flüssen 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Kunststoffe als Überreste von Plastiktüten, Einwegflaschen, Lebensmittelfolien und vielen weiteren Kunststoffprodukten in den Ozeanen, kalkulierten Jenna Jambeck von der University of Georgia im US-amerikanischen Athens und ihre Kollegen im Februar 2015 in der Zeitschrift Science.

Die Plastikabfälle an Land finden dagegen viel weniger Beachtung. Dabei scheint dort die Plastikflut deutlich größer zu sein. Anderson Abel de Souza Machado von der Freien Universität (FU) und dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin und seine Kollegen berichten in der Zeitschrift Global Change Biology gerade, dass verglichen mit dem Meer an Land je nach Umgebung vier- bis 23-mal mehr solcher winzigen Plastikteilchen mit einer Größe von weniger als fünf Millimetern im Boden stecken.

Fragt sich nur, wo dieses Mikroplastik herkommt. IGB-Forscher Werner Kloas, der gleichzeitig an der Berliner Humboldt-Universität lehrt, hat unter anderem das Abwasser in Verdacht: „Dort landen zum Beispiel beim Waschen viele Kunstfasern aus Kleidungsstücken. Von diesen Partikeln im Abwasser schaffen es 80 bis 90 Prozent in den Klärschlamm, der später als Dünger in der Landwirtschaft verwendet werden kann“, berichtet der Experte für Hormone.

Eine weitere Quelle für Mikroplastik decken jetzt Christian Laforsch und seine Bayreuther Kollegen auf. Die Forscher haben Kompost aus verschiedenen Anlagen untersucht: Eine davon macht aus einer Mischung von Biomüll aus Haushalten und Grünschnitt aus Gras, Kräutern, Sträuchern und Laub einen Kompost, in dem etwa 20 Mikroplastikteilchen mit einer Größe zwischen einem und fünf Millimetern pro Kilogramm stecken. Dabei werden dort vor der Kompostierung Fremdteilchen inklusive Plastik mit groben Sieben und von Hand ausgelesen. Die zweite untersuchte Anlage vergärt Biomüll aus Haushalten, der mit wenig Grünschnitt gemischt ist, zu Biogas. Übrig bleiben eine feste Masse und Sickerwasser, die beide als Dünger genutzt werden. In jedem Kilogramm dieses festen Düngers finden die Forscher zwischen 70 und 146 Mikroplastikteilchen, in einem Liter Sickerwasser schwimmen 14 Mikroplastikteilchen. In einer weiteren Anlage, die gewerblichen Biomüll zum Beispiel aus Supermärkten, Gastronomie und Kantinen vergärt, entdeckten Christian Laforsch und seine Kollegen sogar 895 Mikroplastikteilchen in jedem Kilogramm des übrig bleibenden Düngers.

Dagegen fanden sie in den Resten aus einer Biogasanlage, die Mais und Grassilage zu Biogas verarbeitet, kein einziges Mikroplastikteilchen. Auch in zehn Biogasanlagen, die Mist und Gülle, Reste aus der Verarbeitung von Früchten oder Sonnenblumen verarbeiten, fanden die Forscher in den übrig bleibenden Resten meist gar keine und in zwei Fällen nur sehr wenige solcher Partikel.

Das lenkt den Verdacht natürlich auf den Biomüll aus Haushalten und Gewerbe. Weitere Indizien liefert die chemische Zusammensetzung des Mikroplastiks: Es handelte sich überwiegend um Polystyrol und Polyethylen. „Das sind genau die Kunststoffe, aus denen häufig Verpackungen und Einwickelpapier für Lebensmittel hergestellt werden“, erklärt Christian Laforsch.

Anscheinend landen im Biomüll von Haushalten und Gewerbe also nicht nur Essens- und Pflanzenreste, sondern eben auch deren Verpackungen. „Wir kennen solche Probleme natürlich auch und arbeiten bereits an Lösungen“, erklärt Volker Weiss, der im Umweltbundesamt UBA in Dessau für die Abfalltechnik zuständig ist. Nur dauert das im Geflecht der Zuständigkeiten zwischen der Europäischen Union, deren Staaten, Bundesländern und Kommunen einige Jahre. Derweil werden in den Kompostanlagen die größeren Reste zwar von Sieben und auch durch Auslesen von Hand entfernt. Die Mikroplastikteilchen erwischen die Anlagen so allerdings nicht und sie gelangen mit dem Kompost in die Böden von Gärten und Äckern. Dort richten diese Mikroteilchen zwar zunächst keine erkennbaren Schäden an und werden zum Beispiel von Pflanzen nicht aufgenommen.

Immer kleinere Partikel

Allerdings zermürben das ultraviolette Licht der Sonne und mechanische Beanspruchungen durch Pflügen, Umgraben des Gartens und auch stärkere Winde, die Teilchen wegtragen und gegeneinanderprallen lassen, dieses Mikroplastik. Im Laufe der Zeit zerbröseln die Millimeter-Teilchen daher zu immer kleineren Partikeln. Irgendwann tauchen dann Teilchen auf, die weniger als einen Tausendstelmillimeter groß sind. „Solche Nanoteilchen aber können von den Zellen von Pflanzen und Tieren und damit auch von Zellen im Körper eines Menschen aufgenommen werden“, erklärt IGB-Forscher Werner Kloas. Was dort passiert und ob die Winzlinge dort Schäden anrichten, ist bisher allerdings noch kaum untersucht. Erste Ergebnisse aber stimmen nachdenklich: Bei Fischen können die Nanoplastikteilchen zum Beispiel eine natürliche Barriere zwischen Blutgefäßen und dem Gehirn überwinden und verändern so das Verhalten der Tiere.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. knut knebel

    Keine Wortmeldung zu diesem hochbrisanten Artikel, der wirklich unser-aller Lebensgrundlagen betrifft. 40 Sinnloskommentare hingegen zu Moderatorin Stumpf bei MDR-Riverboat. Ich glaube, die Bluthirnschranke ist auch beim Menschen längst überschritten - durch eben jene Nanoteilchen, quasi den Plaste-Feinstaub. Es ist ein menschverursachtes Problem und es ist immer das Gleiche: es werden Techniken eingeführt, und man weiß eben NICHT, was später damit wird. Ja, die Gesellschaft profitierte, aber mensch sieht nur das und nie die gleichzeitige Verantwortlichkeit. Da braucht man nur mal in die Biotonnen zu schauen. Sämtliche Äcker, sämtliche Waldränder und sämtliche Flächen in all unseren Siedlungen sind bereits partikeltechnisch verseucht. Grabt mal einen m² in einem öffentl. Park um! Man blickt gleichsam ins Grab der Menschheit. Ich vermute, es gibt keine Rettung mehr. Mensch ist letztlich doch nur ein Tier und schafft einfach nichts Vernünftiges. Der Jüngste Tag kommt zu Euch, Amen.

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