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Montag, 08.01.2018

Küss mich, Schatz!

Überschwänglich oder unterkühlt? Eine Dresdnerin untersucht, was die Begrüßung über den Familienfrieden aussagt.

Von Annechristin Bonss

Bei diesem Paar ist wohl alles in Ordnung. Ein inniger Kuss zur Begrüßung. Den gibt es längst nicht in jeder Familie.
Bei diesem Paar ist wohl alles in Ordnung. Ein inniger Kuss zur Begrüßung. Den gibt es längst nicht in jeder Familie.

© Shutterstock

Wenn Schatz auf Mäuschen trifft, fliegen viele Küsschen hin und her. Da wird gekuschelt und gedrückt, gestreichelt und geherzt und über das Haar gewuschelt. In vielen Familien hat dieses Ritual einen festen Platz im Alltag. Kosenamen und Innigkeiten werden beim Begrüßen ausgetauscht. Zwischen Partnern, zwischen Erwachsenen und ihren Kindern, aber auch zwischen Erwachsenen und ihren Eltern. Begrüßung und Verabschiedung sind dann mit all ihren Ritualen wie ein Geschenk, das getauscht wird, sagt Anna-Maria von Oltersdorff-Kalettka. Die 23-Jährige studiert Soziologie an der TU Dresden und hat sich genau mit diesem Geschenk beschäftigt. Sie hat zum täglichen Gabentausch in der Familie geforscht. Und dabei erstaunliche, immer wiederkehrende Muster entdeckt.

Kultursoziologie nennt sich die Disziplin, in der die junge Soziologin forscht. Es geht um Traditionen und Praktiken, die es schon immer unter Menschen gegeben hat, die sich vertieft haben, die aber auch vergessen oder verändert wurden. So auch der Gabentausch, der bei den Urvölkern wenig mit Herzlichkeit an Geburtstagen oder zu Weihnachten zu tun hatte, sondern vor allem mit dem Wunsch nach Frieden. Die Gabe ist Ausdruck der Beziehung zueinander. Sie ist Gradmesser für die Zuneigung und Nähe, aber auch für Distanz. So ist auch das Nichtschenken ein Geschenk. „Man schenkt dann nichts“, sagt Anna-Maria von Oltersdorff-Kalettka. Auch dies sei eine bewusste Tat, ein Zeichen. Und vor Urzeiten ein Symbol, das über Krieg und Frieden entschieden hat. „Das Nicht-Erwidern, das Nicht-Annehmen, das Nicht-Schenken war früher mit Unglück verbunden“, sagt sie. Mitunter wurden diese Gesten als Kriegserklärung verstanden.

Auseinandersetzung und Harmonie kennen auch Familien. Rituale bei Begrüßung und Verabschiedung sind die Gaben, die getauscht werden, die einen Einfluss auf die Stimmung haben oder die von der Stimmung beeinflusst werden. Die Studentin hat für ihre Erkenntnisse beobachtet und Interviews geführt. Familien wurden untersucht, dabei Begrüßungen und Verabschiedungen analysiert. Die Soziologin interessierte sich für Mimik und Gestik, Sprache und Reaktionen, Zeichen der Nähe. Im Gespräch erfragte sie die Erwartungen der beobachteten Menschen und verglich diese mit den Beobachtungen.

In allen beobachteten Familien ging es um die Begegnung zwischen Mutter und Vater, zwischen der Mutter und ihren Kindern sowie zwischen der Mutter und der Oma, also ihrer Mutter. Bei den Kindern hat Anna-Maria von Oltersdorff-Kalettka die Rituale in unterschiedlichen Altersstufen beobachtet. Die erste Familie hat zwei Jungs unter elf Jahren. In der zweiten Familie sind Sohn und Tochter bereits junge Erwachsene. In der dritten Familie leben zwei Mädchen im Teenageralter.

Das Ergebnis: Ganz generell lassen sich vier unterschiedliche Typen von Begrüßung und Verabschiedung beobachten. Ein Erfolg. Denn die Soziologin kann so davon ausgehen, dass die Muster nicht nur von einem bestimmten Menschen oder einer bestimmten Familie gelebt werden.

So auch die überschwänglich, kreative Begrüßung und Verabschiedung. Dabei wird gewunken, geküsst, umarmt. Die Fantasie für Koseworte kennt kaum Grenzen: Pupsi, Superspatz, Spatzimatzi … Unkontrolliert und geradezu euphorisch lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf. Nicht nur, wenn die Mutter ihre Kinder sieht. Auch zwischen der Mutter und der Oma konnte Anna-Maria von Oltersdorff-Kalettka diese Art der Begrüßung beobachten.

Eine liebevoll zugewandte Begrüßung verbunden mit Küssen gilt dagegen als festes Ritual in Beziehungen zwischen Partnern. Sie ist Auftakt für Gespräche über den Tag. Auch, wenn die Mutter ihrer Mutter begegnet. Den Neutralen oder Hi-Typ konnte die Forscherin dagegen nur bei der Begegnung der Mutter mit ihren Kindern beobachten. Ein kurzes Nicken, kleine Gesten – mehr Zuneigung gibt es bei dieser Art der Begrüßung nicht. Aber auch das genügt, um zu zeigen, hier ist alles in Ordnung, der Familienfrieden ist sicher, sagt Anna-Maria von Oltersdorff-Kalettka.

Die familiäre Kriegserklärung sieht anders aus. Kein Gruß, keine Zuwendung, keine Erwiderung, Ignoranz. Ein Nicht-Geben, ein Nicht-Grüßen. So wie schon bei den Urvölkern, wenn eine nicht erwiderte Gabe einen Krieg zwischen Völkern auslösen konnte. Diesen vierten Typ der Begrüßung bezeichnet die Soziologin als ignorante und distanzierte Begrüßung. Die negativen Botschaften beobachtete die Studentin bei bockigen Kindern ebenso wie bei anderen Familienmitgliedern. „Grüße zu ignorieren lässt sich in der Familie allerdings nicht lange durchhalten“, sagt sie.

Mit der Studie schlägt die junge Frau ein neues Kapitel in der Kultursoziologie auf. Ähnliche Studien, die Gruß und Abschied in der Familie beschreiben, gibt es noch nicht. Auch deshalb will Anna-Maria von Oltersdorff-Kalettka weiterforschen. Lassen sich die Typen auch bei der Begegnung mit den Schwiegereltern oder Freunden der Familie beobachten? Und was können Wissenschaftler und Experten mit den Ergebnissen der Studie anfangen? Lassen sich pädagogische Tipps davon ableiten? Danach haben die Probanden in der Untersuchung bereits gefragt.

Eine Zusammenarbeit mit Pädagogen oder Psychologen wäre ebenfalls denkbar. Und auch der Blick in die Vergangenheit ist spannend. Haben die vier Typen schon immer die Begrüßung und Verabschiedung in Familien geprägt? Auch vor 100 Jahren? Oder vor 200? Dafür müsste Anna-Maria von Oltersdorff-Kalettka in der Literatur recherchieren.

Bei sich selbst hat die Studentin natürlich auch nachgesehen. Rein aus Interesse natürlich. Die Eltern leben noch immer im kleinen Heimatdorf in Mecklenburg. Je länger sie nicht mehr zu Hause war, desto überschwänglicher ist die Begrüßung. Dann trifft Schatz auf Mäuschen, dann fliegen viele Küsschen. Dann wird gekuschelt und gedrückt, gestreichelt und geherzt und über das Haar gewuschelt.

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