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Donnerstag, 11.01.2018

Konkurrenz für Steinzeitjäger

Säbelzahnkatzen lebten in Mitteleuropa – anders als bislang angenommen – lange im Umfeld der Menschen.

Von Roland Knauer

Die europäische Säbelzahnkatze wurde vor 300000 Jahren den menschlichen Steinzeitjägern gefährlich.
Die europäische Säbelzahnkatze wurde vor 300 000 Jahren den menschlichen Steinzeitjägern gefährlich.

© Abb.: Mauricio Antón

Nachts seien die Menschen damals wohl in ihrem Lager geblieben, vermutet der Archäologe Jordi Serangeli von der Universität Tübingen. Dieses Lager lag vielleicht auf dem Mittelgebirgszug Elm in der Nähe der heutigen Braunkohlengrube Schöningen in Niedersachsen, unmittelbar an der Grenze zu Sachsen-Anhalt. 300 000 Jahre ist das her, da fällt die Spurensuche natürlich schwer. Übrig geblieben ist von diesen Steinzeitjägern nichts außer ein paar Dutzend Werkzeugen aus Feuerstein sowie einer Stoßlanze, einem bumerang-ähnlichen Wurfstock und neun Speeren aus Holz, die in der Braunkohlengrube gefunden wurden. Jordi Serangeli leitet seit 2008 die Ausgrabungen dort und nennt gleich drei gute Gründe, aus denen so gut bewaffnete Menschen nachts die Sicherheit ihres Lagers schätzten. Zwei Säbelzahnkatzen, deren Zähne und Knochen die Forscher in den vergangenen fünf Jahren in der gleichen Schicht wie die Speere fanden, und eine dritte Katze, deren Schädel ein wenig tiefer lag.

Diese Tiere der Art Homotherium latidens ähnelten zwar durchaus den heutigen Katzen mit ihren langen Krallen. Die Wege dieser Säbelzahnkatzen aber hatten sich bereits vor mehr als zwanzig Millionen Jahren von denen ihrer Verwandtschaft getrennt. Während heutige Katzen ein breites Spektrum von Größen von unseren Stubentigern bis hin zum Löwen umfassen, rangierten die Säbelzahnkatzen meist in der oberen Größenklasse zwischen Leopard und Tiger. Mit einer Schulterhöhe von gut einem Meter, einer Länge von knapp zwei Metern, einem Gewicht bis zu 200 Kilogramm und den namengebenden messerscharfen, langen und gekrümmten Eckzähnen waren die Säbelzahnkatzen Homotherium latidens wohl gleichermaßen Konkurrenten und Gegner der Steinzeitjäger vor 300 000 Jahren.

Beide waren offensichtlich auf die gleiche, große Beute aus, die in Schöningen häufig aus Pferden bestand. Knochen dieser Tiere finden die Forscher in der Braunkohlengrube immer wieder. An etlichen davon zeigen feine Kratzer, wo die Steinzeit-Metzger ihre Feuersteinklingen ansetzten, um ihre Beute in handliche Stücke zu zerlegen. Tauchte in einer solchen Situation eine Gruppe Säbelzahnkatzen auf, zogen ein einzelner oder zwei Jäger leicht den Kürzeren und die Tiere fraßen eine leichte Beute. Umgekehrt verloren vielleicht auch zwei Säbelzahnkatzen, die gerade ein Pferd gerissen hatten, ihre Mahlzeit, wenn eine Gruppe Steinzeitjäger auftauchte, die aus sicherer Entfernung ihre gefährlichen Speere schleudern konnten. „Die gefährlichen Säbelzahnkatzen waren daher vielleicht einer der Gründe für die Steinzeitmenschen, Gruppen zu bilden und Fernwaffen zu entwickeln“, überlegt Jordi Serangeli.

Diese Überlegung ist allein schon deshalb neu, weil die Forscher bis zum ersten Fund von Säbelzahnkatzen-Überresten in Schöningen im Mai 2012 davon ausgingen, dass diese Tiere in Europa bereits vor rund einer halben Million Jahren verschwanden. Erst die Funde in der Braunkohlengrube lieferten einen klaren Beweis, dass die großen Katzen mit den gefährlichen Eckzähnen und die zweibeinigen Jäger mit ihren hervorragenden Fernkampfwaffen Zeitgenossen waren.

Auch in Steinheim an der Murr wurde bereits in den 1930er-Jahren ein Säbelzahnkatzenfossil gefunden, das genau wie der Schädel der dort gefundenen Urmenschenfrau aus der gleichen Epoche wie die Schöninger Funde stammen sollte. Danach aber verschwanden die Spuren der Homotherium-Katzen anscheinend aus Europa, während die nahe verwandten Homotherium-serum-Säbelzahnkatzen noch vor rund 12 000 Jahren in Nordamerika jagten. Auch die frühen Indianer, die zu dieser Zeit bereits in Amerika lebten, mussten wohl gefährlichen Begegnungen mit den Tieren aus dem Weg gehen.

Als die modernen Menschen vor nicht mehr als 50 000 Jahren nach Europa kamen, waren die Säbelzahnkatzen dort anscheinend schon lange ausgestorben, vermuteten die Forscher lange. Bis dann im März 2000 ein Fischer 80 Kilometer vor der holländischen Küste mit seinem Netz einen Unterkiefer dieser Tiere aus dem flachen Wasser der Nordsee fischte. Mit Hilfe der Radiokohlenstoff-Methode ermittelten die Forscher ein Alter von rund 28 000 Jahren. In dieser Zeit lag der Boden der Nordsee dort trocken und eine Kältesteppe zog sich bis zu den Gletschern der Eiszeit, die damals Nordeuropa und Teile Mitteleuropas im Griff hielten.

Michael Hofreiter von der Universität Potsdam und seine Kollegen konnten aus diesem Knochen jetzt Erbgut isolieren. Es unterscheidet sich nur sehr wenig von anderen Homotherium-Funden aus Kanada. Die Forscher vermuten daher, dass die Säbelzahnkatzen Nordamerikas und Europas, anders als bisher vermutet, zu einer einzigen Art gehörten, die in der alten und neuen Welt gleichermaßen zu Hause war.

Wo aber war die europäische Linie hergekommen, deren Spuren sich doch vor rund 300 000 Jahren langsam verloren? Vielleicht hatten die Säbelzahnkatzen ja doch in Europa überlebt? In kleinen Gruppen zum Beispiel, die gelernt hatten, sich vor den Speeren der Menschen fernzuhalten?

Oder sie waren hierzulande tatsächlich ausgestorben, hatten aber in Sibirien oder in Beringia, der damals trockengefallenen Meeresstraße zwischen Alaska und Sibirien, überlebt. Für sehr mobile Tiere, wie es die Säbelzahnkatzen wohl waren, scheinen dann einer Rückkehr nach Europa kaum Hindernisse im Weg gelegen zu haben. Den wenigen Menschen und ihren Speeren in Europa und Sibirien konnte man tagsüber ja durchaus aus dem Weg gehen. „In der Nacht aber waren die Katzen mit ihrem hervorragenden Gehör und ihrem feinen Geruchssinn den Menschen weit überlegen“, ist Jordi Serangeli sich sicher. Da blieben die Steinzeitjäger im Dunkeln dann doch wohl lieber in ihrem Lager.

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