• Einstellungen
Donnerstag, 03.08.2017

Dresdner forschen am autonomen Obstroboter

Ferngesteuert oder selbstfahrend: Landtechnik kann helfen, Chemikalien einzusparen.

Von Georg Moeritz

7

Fernsteuerung für ein Riesenspielzeug: Der Diplomand Peter Bendix (Mitte) kann jedes Rad einzeln an dieser wendigen Landmaschine bewegen. Saat und Ernte werden wohl nie ganz ohne Menschen stattfinden, sagt sein Professor Thomas Herlitzius.
Fernsteuerung für ein Riesenspielzeug: Der Diplomand Peter Bendix (Mitte) kann jedes Rad einzeln an dieser wendigen Landmaschine bewegen. Saat und Ernte werden wohl nie ganz ohne Menschen stattfinden, sagt sein Professor Thomas Herlitzius.

© Christian Juppe

Ernte-Unfall bei Grimma: Am vergangenen Wochenende ist ein schlafender Mann vom Mähdrescher an Arm und Oberschenkel verletzt worden. Der 39-Jährige hatte sich nach einem Festival den falschen Schlafplatz gesucht – ein Feld mit reifem Raps. Wenn es nach dem Dresdner Professor Thomas Herlitzius geht, werden Erntemaschinen der Zukunft mit viel mehr Sensoren bestückt sein und Hindernisse besser erkennen als heute. Autonomes Fahren ist in der Landtechnik derzeit ein ebenso wichtiges Forschungsthema wie beim Automobil, berichtete der Inhaber des Lehrstuhls für Agrarsystemtechnik am Mittwoch in seiner Versuchshalle an der Dresdner Südhöhe.

Den Giebel der Halle aus dem Jahr 1957 ziert ein Bild von einem bemannten Traktor mit Pflug, als Kunst am Bau eingeritzt in den Putz. Doch auf dem Versuchsgelände kann der Student Peter Bendix moderne Kinderträume verwirklichen: Per Funkfernbedienung steuert der Diplomand ein fahrerloses Erntefahrzeug mit Breitreifen, kann einzelne Räder bewegen und die Maschine auf der Stelle drehen lassen. Autonom ist dieses Gerät noch nicht, es wird vom Menschen ferngelenkt – doch laut Herlitzius sind ähnliche Fahrzeuge schon nach einprogrammierter Route auf sächsischen Agrarflächen unterwegs.

Zwischen Spalierobstreihen im Obstland Dürrweitzschen und zwischen Reben im Weingut Schloss Proschwitz verkehren laut Herlitzius schon ziemlich autonome Maschinen. Obstroboter wie das Modell „Cäsar“ von Raussendorf Maschinen- und Gerätebau in Obergurig bei Bautzen finden ihre Strecke mit GPS-System und Sensoren. Sie sprühen Chemikalien gegen Pilzbefall und bearbeiten den Boden. Am Ende der Apfelbaumreihe wenden sie selbsttätig und fahren in die nächste.

Professor Herlitzius und seine Forscher arbeiten an Antrieb und Lenkung der Landmaschine, Partner liefern ganz unterschiedliche Aufsätze und Anbauten nach Bedarf. Denn laut Herlitzius haben kleine und vielseitige Maschinen Zukunft. Bisher wurde Landtechnik immer größer und bekam von den Herstellern immer mehr PS verpasst, wofür die Landwirte auch gerne mehr bezahlten. Doch Fahrzeuge mit 18 Metern Länge und 3,50 Metern Breite dürfen nur noch mit Sondererlaubnis auf die Straße, außerdem verdichtet ihr Gewicht den Boden zu stark.

„Wir geraten jetzt an Grenzen“, sagt der Professor, der früher in einem großen Landmaschinenkonzern gearbeitet hat. Er sieht die Zukunft in der Schwarmtechnologie, also einer Gruppe kleiner Fahrzeuge, die untereinander vernetzt sind. Ein Fahrer sitzt dann vielleicht nur noch auf dem vorderen oder steuert vom Feldrand aus. Ganz ohne Menschen wird das Feld wohl nie bestellt, sagt Herlitzius. Doch schon jetzt sitze „der Bediener teilweise gelangweilt auf der Maschine“. Bis ein Mensch oder ein Reh erscheint oder die Sensoren Fehler melden.

Die Landtechnik der Zukunft kann nach Ansicht des Dresdner Professors auch mit weniger Chemikalien auskommen. Wenn Sensoren genau erkennen, wie stark belaubt die Pflanzen sind oder wie gut der Boden ist, können sie Gift und Dünger genau nach Bedarf dosieren. „Wir könnten 90 Prozent der Chemie einsparen“, sagt Herlitzius. Das sei „ein Großangriff auf BASF und Bayer“. Der Maschinenbauingenieur, geboren in Freiberg, setzt lieber auf gute Mechanik.

Als Verfechter der Biolandwirtschaft tritt der Professor aber nicht auf. Ökologischer Landbau „beschränkt sich selbst“, sagt Herlitzius. Der Ertrag sei geringer. Das sei ein möglicher Weg von mehreren. Ihn stört, dass viele Menschen „draußen“ ein falsches Bild von der Landwirtschaft hätten: Sie sähen die bunten Werbebilder von angeblich handgemachten Produkten aus Kleinproduktion und schimpften über Massentierhaltung und Chemiekeule. „Landwirtschaft ist draußen ein Mythos“, sagt Herlitzius. Er will Verständnis für die Technik auf dem Acker wecken.

Die passenden Versuchsanlagen auf dem großen Gelände im Dresdner Süden hat er: Da zeigt beispielsweise die wissenschaftliche Mitarbeiterin Anja Eggerl einen Mähdrescher im Längsschnitt: Dreschwerk, Schüttler und Siebe können getestet werden. „Wir wollen möglichst geringe Verluste, die Körner sollen nicht beschädigt werden“, sagt Eggerl. Die Forscherin kann im Auftrag von Herstellern Einzelteile austauschen und deren Effektivität prüfen. Ihre Kollegen Tim Bögel und Sören Geißler testen Werkzeuge für die Bodenbearbeitung. Lehmboden aus dem Kreis Meißen dient in der Dresdner Halle als Grundlage für Versuche und für Kurven auf einem staubigen Laptop. Der letzte Test aber muss unter freiem Himmel stattfinden. Die erste Fernlenkmaschine des Instituts bewegte sich laut Herlitzius in der Obstplantage noch ungeschickt: „Die Kiste hat nicht getan, was sie sollte.“ Inzwischen stecken sieben Jahre Forschung in dem Gerät.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 7 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Peter

    Wir Steuerzahler freuen uns, dass wir diesen Unfug 7 Jahre finanzieren durften. Danke!

  2. Ali B.

    @1 Verkrieche dich wieder in deiner Höhle und klopf Steine rund.

  3. RoboDoc

    Das ist die Zukunft. Allerdings nicht ganz so wie im Artikel berichtet. Große Landmaschinen arbeiten so effizient, dass ein Ersatz durch kleine mit geringerem Wirkungsgrad diese nicht ersetzen können. Und der Bediener, ob gelangweilt oder nicht, sollte immer die letzte Instanz bleiben. Technik kann auch ausfallen oder Fehlentscheidungen treffen. Aber hier wird ein Produkt entwickelt, das sehr manpower-intensive Arbeit wirtschaftlicher gestalten kann. Auch sollte auch die Dronentechnik, die schon massiv in die Landwirtschaft einzieht, mit betrachtet werden. Der Verbund der vorhandenen und der neuen Technik bringt den größten Nutzen.

  4. StaatlicheSteuerzahlerMinderung

    Worin läge der Fortschritt, wenn die Menschen tatsächlich für die Landwirtschaft nicht mehr gebraucht würden? Sollen die Muskeln der Menschen sich total zurückentwickeln, der Mensch-wenn er überhaupt noch arbeitet- nur noch vorm Computer sitzen oder andere Kaputte betreuen? Soll niemand mehr die Felder inspizieren? Sollen die Leute in allem total unmündig und abhängig gehalten werden? Ich finde die Dummheit der Wissenschaftler schon aufschlussreich. Selbst werden sie vom Steuerzahler finanziert- (es gibt keine Robotersteuer)dennoch tun sie alles, um ihren Brötchengeber fertigzumachen, damit noch mehr Mrd. € in die Alimentierung fließen müssen, obwohl gerade die Großbetriebe hochsubventioniert sind und das Leistungsprinzip ad absurdum geführt worden ist. Die Höchstsubventionierten dürfen noch mehr Arbeitsplätze (auf Staatskosten)vernichten. Das hat mit leistungsorientierter Marktwirtschaft und Demokratie wenig zu tun. Natürlich ist die Einparung von Spritzmitteln notwendig.

  5. FolgenDerHyperrationalisierung

    Der Staat erhöht mit der Förderung zur Hyperrationalisierung seine Ausgaben massiv und gleichzeitig brechem ihm die Einnahmen durch Steuern weg. Der Staat verarmt also. Die Folgen sieht man bei Justiz und Polizei. Der alimentierte Großbetrieb wird immer mächtiger und leistungsfähiger, die weniger Allimentierten mit ihren relativen Arbeitnehmerüberschuss müssen den Großbetrieb indirekt durch ihre Arbeitnehmersteuern päppeln. Außerdem wird die Entstehung von Verantwortungslücken und Aufsichtslücken in der Landwirtschaft gefördert ( siehe Resistenzen,Tierqualen in Mastbetrieben,Sondermüll,Plaste auf Äckern usw.).

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.