• Einstellungen
Montag, 16.04.2018

Die Küken-Retter

Tausende männliche Küken werden jeden Tag getötet. Aus Dresden kommt jetzt Hilfe für sie.

Von Jana Mundus

7

Bild 1 von 2

Die Guten in den Stall, die Schlechten in den Schredder: 46Millionen männliche Küken wurden 2017 in Deutschland getötet. Dass sie gar nicht erst ausgebrütet werden, dafür sorgen Dresdner Forscher. Sie wissen schon nach drei Tagen, was im Ei ist. Fotos: dpa
Die Guten in den Stall, die Schlechten in den Schredder: 46 Millionen männliche Küken wurden 2017 in Deutschland getötet. Dass sie gar nicht erst ausgebrütet werden, dafür sorgen Dresdner Forscher. Sie wissen schon nach drei Tagen, was im Ei ist. Fotos: dpa

© dpa

Hahn oder Henne? Durch spezielles Licht verrät das Ei sein Geheimnis. Möglich wird die Analyse durch den roten Blutfarbstoff im Embryo.
Hahn oder Henne? Durch spezielles Licht verrät das Ei sein Geheimnis. Möglich wird die Analyse durch den roten Blutfarbstoff im Embryo.

© dpa

Flauschig, niedlich, tot. Gerade erst am Leben und schon dem Ende geweiht. Einem qualvollen Ende. Allein im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut aktuellen Zahlen der Bundesregierung rund 46 Millionen männliche Küken getötet. Das waren 1,6 Millionen mehr als im Jahr davor. Nach dem Schlüpfen werden die Küken der Legehennen sortiert. Weibliche überleben. Doch an ihren männlichen Verwandten besteht kein Interesse. Sie legen keine Eier und sind auch nicht für die Mast geeignet – an den späteren Hähnen ist wenig Fleisch. Auf langen Förderbändern geht es für die Jungvögel nach der Sortierung in den Tod. Sie werden geschreddert, ohne Betäubung. Oder mit Kohlendioxid vergast. Dresdner Wissenschaftler haben nun eine Methode entwickelt, die den Küken das Leben retten soll. Die Forscher können schon im Hühnerei das Geschlecht bestimmen, noch bevor überhaupt ein Küken entsteht.

Henne oder Hahn – die Frage beantwortet das Licht. Es ist ein spezieller Laser mit einer ganz bestimmten Wellenlänge. Damit werden die Eier, die erst drei bis fünf Tage alt sind, bestrahlt. Spektroskopie heißt das Verfahren, für das das Blut des Embryos wichtig ist. Das Licht des Lasers wird beim Bestrahlen reflektiert und erhält danach die notwendigen Informationen. Das gewonnene Strahlenspektrum fangen die Forscher auf der Eierschale auf und analysieren es. Zu erkennen ist bei der Auswertung, in welchem Maß der rote Blutfarbstoff, das Hämoglobin, im Ei vorkommt. Genau das ist bei Männchen und Weibchen unterschiedlich. Das Geschlecht steht fest.

Gerald Steiner von der Medizinischen Fakultät der TU Dresden ist optimistisch. Die neue Technik könne das umstrittene Küken-Töten überflüssig machen. Er ist technischer Koordinator des Forschungsprojekts, bei dem die Dresdner mit Kollegen der Universität Leipzig zusammenarbeiten. Schon vor gut einem Jahr vermeldeten sie erste Erfolge – mit einem anderen Verfahren. Dabei musste in die Schale eines drei Tage alten Eis noch ein gut Ein-Cent-Stück großes Loch geschnitten werden, damit der Laser das Innere durchleuchten konnte. Danach wurde es mit einem Pflaster wieder zugeklebt und weiter bebrütet. Das Problem: Beim Anritzen durfte der Embryo nicht beschädigt werden.

Die Methode überzeugte trotzdem die Industrie. Mit der Dresdner Firma Evonta wurde an einer Maschine gearbeitet, die das Verfahren in die großen Brütereien bringen sollte. Die Sachsen sind jedoch nicht die Einzigen, die dieses Verfahren vorantrieben. Die niedersächsische Firma Agri Advanced Technologies GmbH stellte im vergangenen Herbst eine vollautomatische Anlage vor, die noch in diesem Jahr erstmals in einer Brüterei eingesetzt werden soll. Wettlauf ums Ei.

Finanziert werden Forschungsarbeiten und Neuentwicklungen auf diesem Gebiet vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Seit 2008 flossen insgesamt fünf Millionen Euro in die verschiedenen Projekte. Bis Ende 2018 laufen sie noch. Danach soll ein Weg gefunden sein, der das Kükensterben in Deutschland überflüssig macht. Im Tierschutzgesetz derzeit eine absolute Grauzone. Rechtlich dürfen Tiere nur aus vernünftigem Grund getötet werden. Doch sind wirtschaftliche Interessen der Lebensmittelindustrie solch ein vernünftiger Grund?

Aus Ministeriumssicht gibt es zwei vielversprechende und derzeit zur Praxisreife gebrachte Verfahren: neben dem spektroskopischen wie aus Dresden auch ein endokrinologisches, bei dem Hormone bestimmt werden. Letzteres benötigt laut Gerald Steiner allerdings neun bis elf Tage lang bebrütete Eier. „Da sind schon Nervenzellen da, und es gibt möglicherweise Schmerzempfinden.“

Die neue Methode aus Dresden könnte jetzt noch einmal Bewegung in die Sache bringen. Die Chemikerin Grit Preuße von der TU Dresden hat das frühere Verfahren so weiterentwickelt, dass die Eischale unversehrt bleibt. „Nach drei Tagen im Brutkasten können die Embryonen noch keinen Schmerz empfinden“, sagt sie. Zudem sei das Vorgehen ökologisch und lasse sich automatisieren. Laut Steiner ist das perfektionierte Verfahren, das nur Farbspektrometer, Datenbox und Computer benötige, auch für Großbrütereien bezahlbar – und schnell. „Eine Sekundensache.“ Je nach Bedarf können auch 15 Eier pro Reihe einer Standardpalette in einer Sekunde gecheckt werden. Es brauche aber sicher noch zwei Jahre, bis das Verfahren einsetzbar ist. „Die Geräteentwicklung ist noch mal eine Herausforderung.“

Ein Fakt, den die neue Bundesregierung nicht gern hören wird. Das Kükenschreddern zu beenden, legten SPD und Union im Koalitionsvertrag fest. Allerdings soll schon bis zum Herbst 2019 ein Verbot greifen, beziehungsweise sollen gängige Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei durchgesetzt werden. Die aussortierten Eier könnten dann für die Herstellung von eiweißreichem Tierfutter eingesetzt werden. Schon jetzt ist klar: Die neuen Tests könnten die Eier künftig teurer machen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium rechnet mit Mehrkosten von ein bis zwei Cent pro Ei. (mit dpa)

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 7 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Willi

    jeden, der sich daran beteiligt müsste man direkt einsperren

  2. PS

    "Hilfe für sie" "Methode ... die den Küken das Leben retten soll" - nein, das nun gerade nicht! Aber immerhin, "Küken-Töten überflüssig machen", vorausgesetzt dass wirklich "die Embryonen noch keinen Schmerz empfinden", wie absterbende unbefruchtete Ei- und Samenzellen auch.

  3. Felix

    Willkommen bei der Augenwischerei 2.0! Hier wird kein Leben gerettet. Nein, es wird lediglich früher beendet. Das Töten geht also weiter. Einziger Unterschied: Man sieht noch nicht, dass es Leben ist und kann das Töten somit besser verkaufen. Merkt man ja auch schon an solchen sinnfreien Überschriften.

  4. Talbewohner

    Warum in aller Welt kann man die Förderung nicht für Hühnerrassen investieren bei denen die Hennen Eier legen und die Hähne gegessen werden. Mit ein bisschen Glück klappt das auch noch mit weniger Medikamenten. Alles andere ist vergleichbar mit chinesischen und indischen Methoden bei denen viele Mädchen vor der Geburt aussortiert werden. Ich bin jedenfalls froh darüber, dass mein Leben nicht auf diese Art "gerettet" wurde.

  5. Männl._Küken_Sind_Wichtig!

    Die männlichen Küken sind sehr wertvoll, um die anthropogen verursachte Futterarmut für kleine Raubtiere(abgesehen von pestizid-und parasitenverseuchten Nagern und Müll) zu beheben. Die Küken/Junghähne könnten zur Fütterung von Eulenarten(z. Waldohreule, Waldkauz, Zwergkauz, Uhu,Schleiereule, Schneeeule), Greifen(Seeadler,Steinadler, Weißkopfseeadler, Turmfalken, Sperber, Habicht, Bussard, Rohr-,Korn-,Wiesen-,Steppenweihe, Kondor, Gänse-,Raben-, Schmutz-,Bart-,Truthahngeier usw. verwendet werden). Die Zoos und Wildreservate brauchen eine Jagdbeschäftigung für ihre Raubtiere. Junge geschlüpfte Meeresschildkröten sterben auch in Überzahl auf dem Weg vom Strand ins Meer. Das wäre also immer noch ökologisch. Sie könnten die Larven und Insekten aus den kompostierten Biomüll fressen und damit die Biomasse v. Plasteverunreinigungen trennen. Abgerichtete Eulen/Greifen erzielen in Nahost hohe Preise, könnten d. Haustiermarkt(mit gr. Volieren)/Touristik ankurbeln u. d. Bio-Anbau verbessern.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.