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Donnerstag, 20.04.2017

China schießt Raumfrachter ins All

China greift nach den Sternen, während die USA und andere ihre Raumfahrtprogramme zurückfahren. Jetzt ein Cargo-Schiff, bald eine chinesische Raumstation - auch Mond und Mars sind angepeilt. Die USA fürchten besonders Chinas wachsende militärische Fähigkeiten im All.

Von Andreas Landwehr

Die Trägerrakete vom Typ „Langer Marsch 7“, bestückt mit dem unbemannten Cargo-Raumschiff, startet am 20. April 2017 in Wenchang.
Die Trägerrakete vom Typ „Langer Marsch 7“, bestückt mit dem unbemannten Cargo-Raumschiff, startet am 20. April 2017 in Wenchang.

© dpa

Wenchang. China ist dem Bau einer eigenen Raumstation einen großen Schritt näher gekommen. Vom neuen Weltraumbahnhof Wenchang auf der Insel Hainan in Südchina aus brachte am Donnerstag eine Rakete vom Typ „Langer Marsch 7“ einen neuen Raumfrachter ins All, der für die Versorgung der geplanten Raumstation notwendig ist. Auf Chinas erstem unbemannten Nachschubflug soll „Tianzhou 1“ (Himmlisches Schiff) drei Kopplungs-Manöver mit dem Raumlabor „Tiangong 2“ (Himmelspalast) absolvieren, das gegenwärtig die Erde umkreist.

Nur 24 Minuten nachdem die Rakete mit einem langen Feuerschweif am Abendhimmel abgehoben hatte, verkündete das Kontrollzentrum, der Start sei erfolgreich verlaufen. „Tianzhou 1“ erreichte problemlos seine Umlaufbahn. Geht alles weiter nach Plan, wird der Raumfrachter Material liefern, Treibstoff nachfüllen und wissenschaftliche Experimente vornehmen. „Ohne einen Raumfrachter kann China keine Raumstation betreiben“, sagte der australische Raumfahrtexperte Morris Jones. „Alle längeren Raumflüge erfordern Logistik.“

Die zweitgrößte Wirtschaftsnation hat ehrgeizige Pläne. Außer einer Raumstation um 2022 plant China auch Missionen zum Mond und zum Mars. Sollte die Internationale Raumstation (ISS) wie geplant 2024 ihren Dienst einstellen, wäre China dann die einzige Nation mit einem Außenposten im All. Mit 60 Tonnen wird „Tianhe 1“ aber kleiner ausfallen als die ISS, die 240 Tonnen wiegt. Die „Himmlische Harmonie“ soll „Dutzende Jahre“ im Einsatz sein, sagen Ingenieure. Alle wichtigen Teile könnten repariert oder ersetzt werden.

Mit „Tianzhou 1“ wird China das vierte Land, das einen eigenen Raumfrachter hat. Russland besitzt das Cargoschiff „Progress“, Japan den HTV-Frachter, während das private US-Raumfahrtunternehmen Space X den einzigen wiederverwendbaren Transporter „Dragon“ einsetzt. „Der Start verlief sehr gut“, sagte der amerikanische Raumfahrt-Professor John Horack von der Ohio State University dem chinesischen Staatsfernsehen. „Es ist ein wichtiger Baustein für Chinas Raumfahrtprogramm.“ Eine besondere Herausforderung werde aber noch das automatische Auftanken in der Schwerelosigkeit.

Während die USA und andere Länder ihre Raumfahrtprogramme kürzen, holt die junge Raumfahrtnation China mit großen Schritten auf. „China verstärkt den Druck auf die USA, die keinen langfristigen Plan für die bemannte Raumfahrt hat“, sagte der australische Experte Jones. Die Fortschritte der Chinesen böten neue Möglichkeiten für die Deutschen und andere Europäer, die mit Chinas Raumprogramm kooperieren.

„Die Zusammenarbeit mit Deutschland ist stark und produktiv.“ 2011 hatte das chinesische Raumschiff „Shenzhou 8“ (Magisches Schiff) eine deutsche Versuchsanlage für biologische Experimente an Bord, um Auswirkungen der Schwerelosigkeit zu erforschen. „Die Kooperation wird künftig möglicherweise zunehmen“, glaubt Jones.

Der neue Raumfrachter ist 10,6 Meter lang und bis zu 3,35 Meter im Durchmesser. „Tianzhou 1“ kann sechs Tonnen Ladung transportieren und ist insgesamt 13 Tonnen schwer. Das Cargo-Schiff wird nach etwa zwei Tagen an das Raumlabor „Tiangong 2“ andocken. In dem „Himmlischen Palast“ hatten im vergangenen Herbst zwei Astronauten den mit 33 Tagen bisher längsten Raumflug Chinas absolviert.

„Der ganze Prozess wird etwa zwei Monate dauern“, sagte Bai Mingsheng, Chefdesigner des Transporters, dem Staatsfernsehen CCTV. „Nach dem Andocken wird der Status der Ausrüstung überprüft und der Treibstoff nachgefüllt.“ Drei verschiedene Kopplungsmanöver sind geplant. „Eine Raumstation hat zwei Dockingstationen - vorne und hinten“, erklärte Bai Mingsheng. „Deswegen muss der Raumfrachter von beiden Richtungen andocken können.“ So werde „Tianzhou 1“ sich von der hinteren Öffnung lösen, um das Labor herumfliegen und dann vorne andocken. Das Manöver sei ein wichtiges Vorhaben dieser Mission.

Zum Ende folgt das dritte Manöver, um eine neue automatische Schnell-Kopplungs-Technologie zu testen, die nur sechs Stunden brauchen soll. Ein schnelleres Andocken sei auch wichtig, damit sich die Astronauten wohler und sicherer fühlten, sagte Designer Bai Mingsheng. Zum Abschluss werde der Transporter zurück zur Erde fallen und wohl in der Atmosphäre verglühen.

Chinas Raumfahrtprogramm ist langfristig und als Teil des nationalen Entwicklungsplans angelegt, hat aber auch militärische Komponenten, was die USA beunruhigt. Der neue Chef des Strategischen Kommandos (Stratcom) und frühere Leiter des Raumprogramms der US-Luftwaffe, General John Hyten, warnte erst im Februar vor der Bedrohung durch das Raumfahrtprogramm der Chinesen. Er verwies darauf, dass China 2007 versuchsweise einen eigenen Satelliten abgeschossen hatte.

„In nicht allzuferner Zukunft werden sie in der Lage sein, diese Fähigkeit zu nutzen, um jedes Raumschiff zu bedrohen, das wir im All haben“, sagte der General in einer Rede an der Stanford Universität. Auch wenn China sich öffentlich zur friedlichen Nutzung des Alls bekenne, „sind sie zur gleichen Zeit die aggressivste Nation der Welt und bauen Waffen, die die USA in der Zukunft im All herausfordern werden.“ Die USA müssten darauf vorbereitet sein.

„China weiß, dass der Weltraum jedem Militär an verschiedenen Fronten Vorteile beschert, darunter Aufklärung und Kommunikation“, sagte der Raumfahrt-Experte Jones. Chinas militärisches Raumfahrtprogramm sei stark, aber nur ein Teil seiner sehr breit aufgestellten Vorhaben im All. „Der größte Teil des Raumfahrtprogramms Chinas hat mit dem Militär nichts zu tun“, meinte Jones.

Der Flug von „Tianzhou 1“ war erst der zweite Start der neuen Rakete „Langer Marsch 7“. Das leistungsfähigere Modell der chinesischen Raketenfamilie wurde eigens für den Raumfrachter optimiert. Der erste Test eines solchen Typs hatte im Juni 2016 den vierten chinesischen Raumfahrtbahnhof in Wenchang auf Hainan in Südchina eingeweiht, der näher am Äquator liegt, was Raketenstarts erleichtert.

Die Nähe zum Südchinesischen Meer ermöglicht auch den Transport von größeren Raketenteilen per Schiff, ähnlich wie beim US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida. Anders als ihre Vorgänger setzt die „Langer Marsch 7“ auf flüssigen Sauerstoff und Kerosin. Der Antrieb soll billiger, weniger gefährlich und umweltfreundlicher sein als früher verwendete Treibstoffe. (dpa)

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