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Donnerstag, 12.10.2017

Auf der Suche nach dem Wundermittel

Dresdner und Leipziger Wissenschaftler erforschen, wie Knochen- und Hautverletzungen schneller verheilen.

Von Sebastian Martin

Stefan Rammelt (l) und Lorenz Hofbauer gehören zu einem interdisziplinären Team aus Dresdner und Leipziger Wissenschaftlern, die die natürlichen Heilungsprozesse im Körper beschleunigen wollen. Ihre Forschung wird mit Millionen Euro gefördert.
Stefan Rammelt (l) und Lorenz Hofbauer gehören zu einem interdisziplinären Team aus Dresdner und Leipziger Wissenschaftlern, die die natürlichen Heilungsprozesse im Körper beschleunigen wollen. Ihre Forschung wird mit Millionen Euro gefördert.

© Stephan Wiegand

Die Betroffenen müssen Geduld haben. Wochen-, teilweise monatelang. Und dann gibt es sogar Menschen, deren Haut- und Knochenverletzungen überhaupt nicht mehr richtig verheilen. Altersmediziner Lorenz Hofbauer und Unfallchirurg Stefan Rammelt kennen solche Fälle. Die Mediziner behandeln in der Uniklinik Dresden immer wieder Patienten, deren Genesung extrem lange dauert – zum Beispiel nach einer Verbrennung, einem Unfall beim Sport oder einer Tumoroperation. Besonders betroffen sind Diabetiker, und Patienten mit Rheuma oder Osteoporose.

Lorenz Hofbauer und Stefan Rammelt wollen diesen Menschen helfen – als Beteiligte des Forschungsprojekts Transregio 67, das in den nächsten vier Jahren zum dritten Mal von der Deutschen Forschungsgesellschaft mit über zehn Millionen Euro gefördert wird. Seit acht Jahren tüfteln die Wissenschaftler der TU Dresden und der Uni Leipzig, wie sich der natürliche Heilungsprozess von Wunden nach Haut- und Knochenverletzungen beschleunigen lässt. Mit dabei sind Mediziner, Zellbiologen, Immunologen, Chemiker, Materialwissenschaftler und viele andere Experten, auch von außeruniversitären Einrichtungen wie dem Helmholtz-Zentrum in Rossendorf oder dem Leibnitz-Institut für Polymerforschung in Dresden.

„Am Anfang war es gar nicht einfach, eine gemeinsame Sprache zu finden“, sagt Stefan Rammelt. Schließlich mussten zum Beispiel die Naturwissenschaftler erst einmal von den Medizinern lernen, wie der Heilungsprozess im Körper überhaupt funktioniert. Inzwischen verstehen sich aber die 62 in den 19 Teilprojekten beteiligten Wissenschaftler recht gut. Und sie haben längst erste vielversprechende Ergebnisse erzielt. Denn einige der von ihnen aus speziellen Molekülen entwickelten Biomaterialien scheinen den Körper tatsächlich beim Selbstheilungsprozess zu unterstützen. Davon gehen die Forscher zumindest nach ersten Praxisversuchen mit Tiermodellen aus. Die Haut- und Knochenverletzungen seien so etwa 30 bis 50 Prozent schneller verheilt, sagt Lorenz Hofbauer. Der Altersmediziner dämpft jedoch Hoffnungen, dass es schon übermorgen ein Wunderpflaster in der Apotheke geben wird. Noch sei man in der Grundlagenforschung, sagt der Dresdner Mediziner.

Er vergleicht den Prozess mit einem Baukasten, aus dem immer mehr Substanzen, zum Beispiel wegen auftretender Nebenwirkungen, ausscheiden. Die Stoffe, die drinbleiben, könnten aber in fünf bis zehn Jahren praxisreif sein. „Unser Ziel ist aber nur die Grenze zum klinischen Einsatz“, sagt Unfallchirurg Stefan Rammelt. Alles Weitere, wie teure klinische Studien, müssten universitäre Ausgründungen oder Pharmakonzerne übernehmen.

Die Forscher sehen in ihren funktionalen Biomaterialien einige Vorteil gegenüber anderen Ansätzen, mit denen üble Wunden nach Haut- und Knochenverletzungen schneller verheilen sollen. Denn ihre entwickelten Stoffe lassen sich je nach Einsatzzweck individuell designen – zähflüssig wie Öl, um Hautwunden zu schließen, oder fest wie Silikongummi, um gebrochene Knochen zu stabilisieren. Mit dem Ansatz lassen sich die Heilungsprozesse im Körper zudem gezielt steuern. Dadurch könnten sogar unschöne Narben vermieden werden. Denn die hässliche Erinnerung an die Wunde entsteht, wenn die körpereigenen Botenstoffe für den Zellwachstum nicht rechtzeitig gestoppt werden – mit den funktionalen Biomaterialien wäre dies vermutlich kein Problem. Mit ihnen könnten sich die Prozesse im Körper je nach Bedarf beschleunigen und verlangsamen lassen, sagt Altersmediziner und Knochenspezialist Lorenz Hofbauer.

Auch die Deutsche Forschungsgesellschaft sieht in dem vom Leipziger Hautexperten Jan Simon geleiteten Projekt einen zukunftsweisenden Ansatz. Sie und externe Gutachter bescheinigen dem Projekt eine beispielhafte fächer- und standortübergreifende Zusammenarbeit und ein hoch innovatives Konzept – von dem hoffentlich auch die Patienten profitieren, die jetzt noch viel Geduld haben müssen.

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