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Freitag, 06.10.2017

„Wir wollen die Mannschaft nicht ausbluten lassen“

Dynamo-Trainer Uwe Neuhaus spricht über den Transferwahnsinn, Umleitungen auf dem Weg zum Ziel und den Videobeweis.

Immer mit der Ruhe, scheint Uwe Neuhaus mit seinen Händen zu signalisieren. Dynamos Trainer behält auch in kritischen Phasen seine westfälische Gelassenheit. Nur bei einem Thema kann sogar er sich in Rage reden.
Immer mit der Ruhe, scheint Uwe Neuhaus mit seinen Händen zu signalisieren. Dynamos Trainer behält auch in kritischen Phasen seine westfälische Gelassenheit. Nur bei einem Thema kann sogar er sich in Rage reden.

© Robert Michael

Herr Neuhaus, seit Sommer ist viel passiert – und manches nicht positiv für Dynamo gelaufen: Abgänge, Verletzungen, holpriger Saisonstart. Gab es Momente, in denen selbst Sie als Westfale unruhig geworden sind?

Nein, unruhig bin ich nicht geworden. Ich war nur nicht immer zufrieden.

Sie kommen also auch in kritischen Situationen nicht ins Grübeln?

Wenn wir in Heidenheim verloren hätten und auf dem viertletzten Platz stehen würden, wäre das eine Phase, die nicht so angenehm ist. Aber damit wäre doch nicht die ganze Saison verloren und wir könnten nie wieder unsere Ziele erreichen. Diese Denkweise kann ich nicht nachvollziehen. Dieses Vertrauen muss man doch haben, und das habe ich der Mannschaft am Sonntag vor dem Spiel gesagt: Natürlich ist mir das Ergebnis nicht egal, aber ich möchte, dass wir so auftreten, dass man wieder sieht: Es stecken Spaß und Leidenschaft dahinter, wir sind eine Gemeinschaft, die unbedingt etwas erreichen will. Ich weiß auch, dass es nicht auf Dauer funktioniert, zu sagen: Das Ergebnis ist egal, Hauptsache wir spielen schön. Dann glaubt einem die Mannschaft nicht mehr. Aber auf Bewährtes zurückzugreifen und sich Selbstbewusstsein zu holen, ergibt für mich durchaus Sinn.

Nach dem Sieg in Heidenheim ist nun erst einmal zwei Wochen Pause – kommt die Ihnen ungelegen?

Man kann es sich nie aussuchen. Wenn eine Mannschaft gut funktioniert und das nächste Spiel erst in 14 Tagen ansteht, ist das einerseits schade. Auf der anderen Seite können sich die Verletzten wieder rankämpfen. Ich gehe davon aus, dass Philip Heise und Fabian Müller wieder dabei sind.

Sören Gonther fällt nun definitiv für den Rest der Saison aus. Drängen Sie darauf, Ersatz für ihn zu holen?

Wir sind uns dessen bewusst, dass wir mit Florian Ballas und Jannik Müller im Moment zwei Innenverteidiger haben – plus Noah Awassi, der noch Zeit braucht. Der Transfermarkt ist geschlossen, wir können also nur vereinslose Spieler holen. Da muss man vorsichtig sein, und das sind wir. Wir werden also nicht auf die Schnelle etwas machen, sondern nur, wenn wir überzeugt sind. In der Mannschaft gibt es ein, zwei Spieler, die uns über einen kurzen Zeitraum aus einer Notsituation helfen könnten. Bei einer längerfristigen Verletzung hätte ich schon ein unruhiges Gefühl.

Das Transferfenster ging in Dubai plötzlich noch mal auf und Aias Aosman hatte ein Angebot. Hat Sie das überrascht?

Ja, ich wusste es auch nicht. Das ist schon ein bisschen komisch, aber wir können es nicht ändern. Aias hat mit uns offen über das Angebot gesprochen, und wir waren über alle Abläufe jederzeit informiert, das ist sauber gelaufen – und jetzt bleibt er da und wird weiter ein Teil unserer Mannschaft sein.

Hätten Sie sich im Sommer gewünscht, in dem Transferwahnsinn mehr mitbieten zu können?

Nein. Als ich hierhergekommen bin, sah es finanziell viel schlechter aus. Man hatte zwar durch die Pokaleinnahmen im Jahr davor schon etwas Boden gutgemacht. Aber ich weiß, dass ich nicht beim FC Chelsea gelandet bin. Und ich weiß nicht, selbst wenn es möglich wäre, ob wir jeden Wahnsinn mitmachen würden. Das Gesamtkonstrukt muss passen. Wenn du ein, zwei Ausnahmen machst, kann schnell das gesamte Gebilde ins Wanken geraten. Das wäre verhängnisvoller, als ein, zwei Spieler abzugeben oder nicht zu bekommen.

Bei Linksverteidiger Philip Heise ist der Verein hart geblieben, hat ihm einen Wechsel nach England verwehrt. Wie wichtig ist es, auch mal Nein zu sagen?

Das ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht mehr auf alles eingehen müssen. Philip hat eine außergewöhnliche Qualität, für seine Position hätten wir keinen gleichwertigen Ersatz bekommen. Und wir wollen die Mannschaft nicht ausbluten lassen, bis wir sportlich keine Perspektive mehr haben.

Das Ziel lautet, die Mannschaft zu entwickeln. Aber wie macht man das als Trainer, wenn man jedes Jahr drei Stammspieler abgeben muss?

Es wäre wünschenswert, wenn ein bisschen mehr Kontinuität reinkommt. Kutschke und Gogia waren Leihspieler, bei ihnen hatten wir den Daumen nicht drauf. Bei Stefaniak gab es eine längere Vorgeschichte. Natürlich sollten wir davon wegkommen, nach jeder Saison drei Leistungsträger abzugeben. Ich will nicht sagen, dass wir sonst bei null anfangen, aber es dauert wieder einige Zeit, bis sich alles eingespielt hat. Das zu ändern, ist nicht nur mein Ziel, sondern auch das von Ralf Minge.

Ist der durchwachsene Start in die Saison darauf zurückzuführen, dass sich die Mannschaft neu finden muss?

Gehen wir doch mal zwei Jahre zurück: Wie der Verein finanziell aufgestellt war, welche Spieler wir holen konnten. Dann haben wir mit dem Aufstieg den ersten Schritt gemacht, mit dem starken Jahr in der zweiten Liga den nächsten. Und jetzt sind wir am Jammern und am Klagen, weil drei Spieler für andere Vereine interessant sind und mit Geld gelockt werden, sodass sie nicht mehr hierbleiben? Hinter Ihrer Frage steckt eine gewisse Unruhe: Wann ist es denn mal so weit, dass wir die nächste Liga angreifen können?

Das ist, denke ich, die Erwartungshaltung an Dynamo …

Aber so ein Weg muss doch nicht nach zwei oder drei Jahren zu Ende sein, manchmal gibt es Umleitungen, ist eine Straße gesperrt. Eine solche Situation haben wir vielleicht in diesem Jahr, sodass es nicht möglich ist, andere Ziele anzustreben. Trotzdem: Was langsam und stetig wächst, ist meist nachhaltiger als Knall auf Fall. Obwohl ich gesagt habe, ein Aufstieg kommt nie zu früh. Dazu stehe ich immer noch.

Hilft Ihnen die Erfahrung, mit solchen Situationen umzugehen, in denen scheinbar ein Schritt zurück nötig ist?

Definitiv. Je öfter man eine Situation erlebt hat, umso mehr Lösungsmöglichkeiten hat man sich angeeignet. Man kann vielleicht ruhiger, bedachter entscheiden.

Wie erklären Sie die Diskrepanz zwischen der Punkteausbeute in den Heimspielen, von denen nur eins gewonnen wurde, und auswärts mit zwei Siegen?

Zufällig, alles schon erlebt. Und auf einmal war es genau andersrum.

Trotzdem: Woran liegt’s?

Oft nur am Spielverlauf. Duisburg – ein ganz enges Match. Mit dem 1:0 sind wir super weggekommen. Dann Sandhausen. Wozu die in der Lage sind, glauben die meisten wahrscheinlich immer noch nicht, dabei sieht man es an der Tabelle. Ein 0:4 zu Hause ist natürlich extrem bitter, aber das muss man auch mal hinnehmen. Die Reaktion unserer Fans hat gezeigt, dass sie damit gut umgehen. Bielefeld – die bittere Geschichte um Sören Gonther mit seinem Fehler. Sonst endet es vermutlich 0:0. Und gegen Fürth der Ausgleich: Das war für mich Handspiel und ist es immer noch, davon lasse ich mich auch nicht abbringen.

Also keine Heimschwäche?

Wir werden uns keinen Heimkomplex einreden und auch nicht einreden lassen. Irgendwann erwischt es außer Bayern München und Borussia Dortmund jeden, dass er zu Hause mal drei Spiele in Folge nicht gewinnt. Wir werden alles dafür tun, dass es sich wieder dreht.

Nächster Gast im DDV-Stadion ist am 14. Oktober der FC Ingolstadt . Böse gefragt: Wie sehr freuen Sie sich aufs Wiedersehen mit Stefan Kutschke?

Warum soll das eine böse Frage sein? Das hätte ich nie so aufgefasst, ganz ehrlich. Stefan hat in seinen eineinhalb Jahren bei Dynamo sportlich und menschlich richtig abgeliefert. Das sollte man nicht vergessen. Wir hatten eine tolle Zeit miteinander, zwischen uns gibt es überhaupt keine Diskrepanzen. Wir haben uns beim Spiel in Regensburg gesehen und an der Kabinentür nett unterhalten.

Dynamo konnte ihn aus finanziellen Gründen nicht halten. Sollte das Wettbieten zurückgeschraubt werden?

Das wird nicht funktionieren.

Wäre es denn sinnvoll?

Das ist nicht meine Baustelle. Ich habe genug mit dem Spiel an sich zu tun. Wenn ich die Entwicklung sehe, die Regeländerungen, jetzt den Ober-Schiedsrichter im Hintergrund, dann lache ich mich jedes Wochenende schief. Ich habe mich schon dabei ertappt, dass ich dachte: Eigentlich hast du dafür keinen Nerv, das macht keinen Spaß! Gleiches Vergehen – unterschiedliche Bewertungen. Das verwirrt umso mehr. Ich bin froh, dass es den Videobeweis in der zweiten Liga nicht gibt.

Vielleicht wäre das Handspiel von Fürths Hofmann erkannt worden …

Das leidige Thema Hand! Wenn ich die Reporter höre: Vergrößerung der Körperfläche, Hand geht zum Ball, unnatürliche Handbewegung. Ich habe schon häufig den Ton ausgemacht. Damit will ich nicht sagen, dass die keine Ahnung haben und mich als den Übervater hinstellen, der alles richtig sieht. Das wäre Quatsch. Ich weiß, dass es brutal schwierig ist. Das erlebe ich jeden Tag, wenn ich Trainingsspiele pfeife.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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