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Mittwoch, 11.10.2017

„Wir treten auf Augenhöhe an“

Vor dem Ironman auf Hawaii spricht Sebastian Kienle über sein Verhältnis zu Topfavorit Jan Frodeno und Doping-Gerüchte.

Von Frank Hellmann

Ein Siegertyp: Im Juli hat Sebastian Kienle den Ironman in Frankfurt gewonnen. Am Wochenende peilt er den Triumph auf Hawaii an, wo Triathlon am härtesten ist.
Ein Siegertyp: Im Juli hat Sebastian Kienle den Ironman in Frankfurt gewonnen. Am Wochenende peilt er den Triumph auf Hawaii an, wo Triathlon am härtesten ist.

© Patrick Scheiber

Das Spektakel beginnt mit einem donnernden Kanonenschuss. Am Samstag, 18.25 Uhr MESZ, startet die Ironman Weltmeisterschaft auf Hawaii. Die 3,8 Kilometer Schwimmen im Pazifik, 180 Kilometer Radfahren in der Lavawüste und 42 Kilometer Laufen auf dem Asphalt gelten als ultimative Herausforderung im Triathlon. Sebastian Kienle gewann 2014, lief im Vorjahr als Zweiter ins Ziel. Im Interview spricht der 33-Jährige über seine Vorbereitung, seine Ambitionen – und sein Verhältnis zum Topfavoriten Jan Frodeno.

Sebastian Kienle, Sie sind bereits seit fast einem Monat auf Hawaii. Ihre Frau Christine, ihr Trainer Lubos Bilek und ein Physiotherapeut sind dabei. Wohnen alle im Apartment und fiebern dieser großen Mission im Mekka des Ironman entgegen?

So schaut es aus (lacht). Das funktioniert nur, weil wir gut eingespielt sind und uns alle gut kennen – und jeder weiß, wo die Macken des anderen sind. Letztlich müssen vor allem die drei anderen auch meine Launen aushalten…

Launen bei einem der härtesten Eisenmänner der Welt?

Ja, Kleinigkeiten, die ich leider an den Menschen auslasse, die mir am meisten bedeuten. Ich gebe mir dann wenig Mühe, zu unterdrücken, dass mich gerade etwas ankotzt. Hat damit zu tun, dass auch die Festplatte, der Kopf, im wörtlichen Sinne heißläuft. Ich habe aber mit der Zeit gelernt, dass auf Hawaii nur eine innere Ruhe hilft und ich mich auf das beschränke, was ich selbst direkt beeinflussen kann.

Im Vorjahr sind Sie und Jan Frodeno zeitweise Seite an Seite gelaufen. Nostalgiker wünschen sich die Neuauflage eines „Ironwar“ wie zwischen Dave Scott und Mark Allen 1989. Ist so etwas überhaupt möglich?

Ich glaube, dass an solch einem Kriegsspielchen jetzt noch ein paar mehr Parteien teilnehmen können. Ich habe in den USA mit Ben Hoffmann trainiert, dem ist viel zuzutrauen. Ich kann mir vorstellen, dass der Brite Tim Don in diesem Jahr seinen Zenit erreicht. Und auch der Australier Nick Kastelein, Jans Zauberlehrling, wird sich die ersten sechs Rennstunden weit vorne aufhalten. Und nicht zu vergessen Patrick Lange, dem selbst ein größeres Defizit auf dem Rad nicht viel ausmacht.

Also kein Duell Frodeno versus Kienle?

Ich will das nicht ausschließen. Und mit Sicherheit sind wir der Stärkste und Zweitstärkste, wenn wir die vergangenen zwei, drei Jahre anschauen. Und da Menschen am liebsten die Vergangenheit heranziehen, um Vorhersagen für die Zukunft zu treffen, kann das wohl wieder so sein.

Besteht der Kontakt zum Hauptkonkurrenten Frodeno noch oder hat das Verhältnis gelitten?

Wir haben deswegen weniger miteinander zu tun, weil er die eine Hälfte im Jahr in Australien lebt, die andere Hälfte in Spanien in Girona. Deshalb sehen wir uns eigentlich gar nicht, was auch mit unserem nun völlig unterschiedlichen Rennkalendern zusammenhängt. Wir schreiben uns regelmäßig. Wenn sich unser Verhältnis wirklich verschlechtert, würde das daran liegen, dass ich in diesem Jahr in Kona gewonnen hätte.

Sie haben vor Monaten betont, dass Frodeno für Sie nicht unschlagbar sei. Wie ist denn jetzt der Status?

Er ist der Favorit, aber wir treten auf Augenhöhe gegeneinander an. Im vergangenen Jahr war Jan nahe an einer Niederlage. Und in diesem Jahr habe ich die besseren Ergebnisse gemacht. Jan wird erst auf Hawaii die Karten auf den Tisch legen. Er steht aber auch mehr unter Druck: Alles andere als ein Sieg wäre eine Niederlage für ihn. Diese maximale Fallhöhe hat er sich erarbeitet.

Angenommen, Frodeno holt sich das dritte Mal in Folge die Krone: Er hätte dann mit 36 Jahren alles erreicht, er ist Olympiasieger und Familienvater. Dann müsste er doch aufhören, oder?

Puh! Das wäre ja das Allerschlimmste für mich. Wenn er in diesem Jahr gewinnen, dann aufhören würde und ich im Jahr danach in der Form meines Lebens am Start stände – und Jan wäre nicht da. Es ist für mich nicht erstrebenswert, dass ich so lange weitermache, bis die anderen aufgehört haben. Im Ernst: Jan hofft sicherlich noch darauf, unter acht Stunden zu kommen – das ist schon einmal ein Ziel.

Wie ist es bei Ihnen?

In solch einer extremen Sportart wie unserer trägt man sich immer mal wieder mit dem Gedanken aufzuhören, aber ich komme immer wieder zu der Erkenntnis, dass der Triathlon mir noch verdammt viel Spaß macht, ich habe einen großen Grad an Freiheit und Unabhängigkeit und kann damit auch verhältnismäßig gut Geld verdienen. Was wäre die Alternative? Die sehe ich derzeit nicht für mich. Mein Körper wird mir sagen, wie lange es noch auf diesem Niveau geht: Ich werde das Dasein als Profi-Triathlet nicht künstlich in die Länge ziehen.

Inwieweit hat der deutsche Dreifach-Triumph im Vorjahr Ihnen mehr Aufmerksamkeit beschert?

Ich würde sagen, dass wir zwar auf einer neuen Stufe, aber immer noch nah am Boden sind. Es gäbe noch einiges zu erklimmen. Ich sehe allerdings an der Medienpräsenz vor Ort, dass sich viel getan hat. Das ZDF schaltet zum Morgenmagazin nach Big Island: Das hat es früher nicht gegeben.

Aus der öffentlichen Diskussion über den Ironman ist das Thema Doping fast ganz verschwunden. Dabei werden Ausdauerleistungen in allen Sportarten oft hinterfragt.

Ich habe mich eher gewundert, dass das Thema früher bei uns so präsent war. Welche Hawaii-Sieger aus den vergangenen 30 Jahren waren denn gedopt?

Die Deutsche Nina Kraft bei ihrem Sieg 2004. Sie hat das Epo-Doping danach auch gestanden.

Ich sagte aber Hawaii-Sieger.

Da gibt es bislang keinen.

Also. Und dann vergleichen wir das mal mit dem Radsport oder mit den Siegerlisten im 100-Meter-Lauf. Ich will damit nur sagen: Diese Tatsache kommt zu dem Fakt aus dem Nada-Jahresreport, dass wir 2014 in Deutschland die am meisten kontrollierte Sportart waren. Und keiner kann ernsthaft der Meinung sein, dass das Knowhow in Sachen Doping im Triathlon annähernd so ist wie im Radsport oder der Leichtathletik. Dieser Sport ist nicht verseucht. Ich weiß ja am besten, dass man bei uns sauber Weltmeister werden kann.

Wie oft sind Sie kontrolliert worden?

In diesem Jahr hatte ich sechs Kontrollen. Für mich ist das fast verhältnismäßig wenig, 2014 bin ich viel häufiger kontrolliert worden, ich glaube sogar, insgesamt 32-mal in Training und Wettkampf. Allein in den zweieinhalb Wochen Vorbereitung auf Hawaii gab es acht Kontrollen, davon fünf in der Wettkampfwoche. Weniger Kontrollen können effektiv sein, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt kommen.

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