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Mittwoch, 14.02.2018

„Wir sind ja nicht zum Spaß hier“

Der Journalist Deniz Yücel sitzt seit einem Jahr ohne Anklage in türkischer Haft. Seinen Humor aber hat er behalten.

Von Can Merey

Das bekannte Plakat „#FreeDeniz“ in der Redaktion der Zeitung Die Welt in Berlin, für die Yücel als Korrespondent in der Türkei tätig war. Zum Jahrestag seiner Verhaftung erscheint jetzt ein Buch mit Texten des Journalisten.
Das bekannte Plakat „#FreeDeniz“ in der Redaktion der Zeitung Die Welt in Berlin, für die Yücel als Korrespondent in der Türkei tätig war. Zum Jahrestag seiner Verhaftung erscheint jetzt ein Buch mit Texten des Journalisten.

© dpa/Jens Kalaene

Seit einem Jahr ist der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel (44) in der Türkei hinter Gittern. Immer wieder meldet sich der Journalist zu Wort – in Texten in der „Welt“ oder in Interviews. Zum Jahrestag seiner Festnahme am 14. Februar erscheint nun ein Buch: „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“, lautet der Titel – seinen Humor hat sich Yücel im Gefängnis bewahrt. Das Buch – herausgegeben von der Journalistin Doris Akrap von der tageszeitung – handelt nicht nur von der Haft. Vor allem finden sich darin überarbeitete frühere Texte Yücels. Es gibt aber auch bislang Unveröffentlichtes in dem 224-Seiten-Band.

Neu ist zum Beispiel das Kapitel „Die Nummer mit dem Sittich“, das sich um Yücels Zwangsaufenthalt im Gefängnis „Silivri Nummer 9“ dreht. Dort wird deutlich, dass die Behörden Yücel zwar einsperren, seine Kritik aber nicht zum Verstummen bringen konnten.

Auf die ihm eigene leichte Art, die ihm der Knast nicht ausgetrieben hat, berichtet Yücel auch von seinen Versuchen, im Polizeigewahrsam ein „Haftprotokoll“ aufzuschreiben. Stifte und Papier bekam er erst später in der Untersuchungshaft. Als Stiftersatz versuchte er es erst „mit einer abgebrochenen Plastikgabel als Feder und der roten Soße der Essenskonserven als Tinte. Doch weit kam ich damit nicht.“

Bei einem Arztbesuch entdeckte Yücel dann einen Stift „direkt vor meiner Nase! Ich griff sofort zu und schmuggelte den Kugelschreiber an der Leibesvisitation vorbei in meine Zelle.“ Als Papier diente ihm eine türkische Ausgabe des „Kleinen Prinzen“, auf dem freien Platz neben dem Text und den Zeichnungen schrieb Yücel seine Erfahrungen nieder – „bei schummrigem Licht, heimlich unter der Bettdecke“.

Brechen lassen, auch das macht Yücel klar, will er sich nicht. Er zitiert in dem Buch den türkischen Dichter Nazim Hikmet, der in einem seiner Gedichte aus der Haft schrieb: „Es geht nicht darum, gefangen zu sein / Sondern darum, sich nicht zu ergeben.“

Am 14. Februar vergangenen Jahres hatte sich Deniz Yücel in Istanbul freiwillig der Polizei gestellt. Niemand rechnete damals damit, dass der Korrespondent der Zeitung Die Welt ein Jahr später noch immer ohne Anklage in Untersuchungshaft sitzen würde. Das Datum markiert aber nicht nur den Tag, an dem der deutsch-türkische Journalist seine Freiheit verlor, sondern auch den Beginn einer bis dahin beispiellosen Krise zwischen Deutschland und der Türkei. Eine Krise, die die Regierung in Ankara beilegen möchte – vor allem aus ökonomischen Gründen, es geht aber auch um deutsche Rüstungsgüter.

Deniz Yücel hat deutlich gemacht, dass er nicht im Gegenzug für ein Rüstungsgeschäft oder durch andere Tauschhandel freikommen möchte. „Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung“, betonte der 44-Jährige im vergangenen Monat. Er fügte hinzu, er wolle seine Freiheit nicht „mit Panzergeschäften von Rheinmetall oder dem Treiben irgendwelcher anderen Waffenbrüder befleckt wissen“. Außenminister Sigmar Gabriel reagierte verschnupft auf die Äußerungen und sagte: „Es gibt doch gar keinen Anlass dafür.“ Schmutzige Deals gebe es nicht.

„Solche Deals machen wir nicht“, sagte auch der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu. „Wir verhandeln so nicht. Wie könnte ich so verhandeln, wie könnte ich garantieren, dass das Gericht irgendein bestimmtes Urteil fällt, das Deutschland erwartet oder das die Deutschen erwarten?“ Die Justiz, darauf verweist Ankara immer wieder, sei schließlich unabhängig. Vor deutschen Journalisten betonte Cavusoglu im vergangenen Monat in Antalya: „Ich versichere Ihnen, Deniz Yücel ist kein politisch motivierter Fall.“

Politisiert ist der Fall allerdings spätestens, seit sich Erdogan im März vergangenen Jahres erstmals dazu äußerte – und Yücel als einen „Vertreter der PKK“, also einer Terrorgruppe, und als „deutschen Agenten“ bezeichnete. Belege blieb er schuldig. Einen Monat später sagte Erdogan zu einer möglichen Überstellung Yücels an Deutschland: „Auf keinen Fall, solange ich in diesem Amt bin, niemals.“

Welche Aussichten hat Yücel, freizukommen? Möglich wäre ein Freispruch am Ende eines Verfahrens – oder eine Gefängnisstrafe, die mit der U-Haft abgegolten wäre. Für einen Prozessbeginn müsste aber eine Anklageschrift vorliegen, die die Staatsanwaltschaft auch nach einem Jahr noch nicht produziert hat. Yücel merkte dazu kürzlich ironisch an: „Entweder die Staatsanwaltschaft hat mich vergessen. Oder sie hat noch keine Anweisung dazu erhalten.“ Anzeichen für eine baldige Freilassung Yücels gibt es derzeit also nicht. (dpa)

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