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Dienstag, 15.05.2018

„Wir sind alle Zirkusgäule“

Wolfgang Lippert war zu Gast im Schloss Bad Muskau. Mit Sachsens Ministerpräsident sang er gemeinsam „Erna kommt“.

Von Steffen Bistrosch

Dietmar Tiefel (rechts) aus Weißwasser nutzt die Gelegenheit: Er ließ sich von Wolfgang Lippert ein fast vierzig Jahre altes Foto signieren, auf dem die beiden zu sehen sind. Wolfgang Lippert tat ihm den Gefallen.
Dietmar Tiefel (rechts) aus Weißwasser nutzt die Gelegenheit: Er ließ sich von Wolfgang Lippert ein fast vierzig Jahre altes Foto signieren, auf dem die beiden zu sehen sind. Wolfgang Lippert tat ihm den Gefallen.

© Steffen Bistrosch

Bad Muskau. Am Mittwoch zu abendlicher Stunde ist der Festsaal im Neuen Schloss in Bad Muskau gut gefüllt. Und bereits mit Eröffnung des fünfzehnten Schlossgesprächs durch den Bad Muskauer Bürgermeister hatte der Gast aus dem Norden der Republik die Lacher und Sympathien auf seiner Seite: Als Andreas Bänder (CDU) die beiden Protagonisten des Abends auf die Bühne bat und dem als Vorsitzenden des Fördervereins „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ gastgebenden Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen Michael Kretschmer (CDU) nachträglich zum Geburtstag gratulierte, stimmte Schauspieler und Entertainer Wolfgang Lippert „Happy Birthday to you“ an und animierte die Anwesenden zum Mitsingen. Damit war schnell klar, dass „Lippi“ sich nicht mit der Rolle als geduldiger Beantworter von Fragen zufriedengeben würde.

Im Gegenteil. Schnell entspann sich ein munterer Dialog zweier eloquenter Gesprächspartner auf Augenhöhe. Kretschmer nannte Lippert „Lippi“, und der Entertainer bot prompt dem Ministerpräsidenten das „Du“ an, schließlich kennen sie sich schon lange genug und außerdem sei er der Ältere. Der bestens vorbereitete Kretschmer stellte Fragen aus der Vergangenheit Lipperts bis hin zu den Tagen im Berliner Kreißsaal im Februar des Jahres 1952, als Lipperts Vater Walter dem Spross ein Ständchen auf der Geige darbot. Lippert spricht über sein Elternhaus, bedankt sich bei seiner noch lebenden Mutter, erzählte aus Jugendtagen, als seine Traute gerade einmal reichte, um unter dem Tisch zu singen, er geradezu nichts mehr fürchtete, als die Worte: Sing doch mal was“.

Künstlerische Karriere auf Umwegen

Später erlernte er den Beruf des Kfz-Mechanikers, wollte aber eigentlich Fotograf sein, wurde mehr zufällig „Impresario“ beim Gerd Michaelis Chor. Besonders gerne habe er zu der Zeit aber die Sängerinnen „getröstet“. Irgendwie unglücklich sei „glücklicherweise“ immer die eine oder andere gewesen. Lippert habe dann eher zufällig die künstlerische Laufbahn eingeschlagen, weil der eigentliche Sänger krank wurde. Gern erinnert er sich daran, dass Tamara Danz bei ihm abgeschrieben habe, sie seien sich damals sogar noch deutlich nähergekommen, als es auf der Schulbank nötig gewesen sei. Irgendwie seien sich damals alle sehr nahegekommen, meint Lippert. Er erinnert an seine Anfangszeit, an Lieder mit Texten wie „Durch meine Seele fließt ein Wasser und in dem Wasser schwimmt ein Fisch“, an Ballettausbildung oder Stepptanz mit Helga Hahnemann samt ihres berühmten Spagatschrittes, an Helena Vondrácková oder Wolf Biermann, Gerd Natschinski, Chris Wallasch, die Puhdys und viele andere. Beim Nennen der altbekannten Namen seufzen viele der Gäste im Saal hörbar. Zu Otto Franz Weidling erzählt er die Anekdote, dass ihn der ebenso beliebte wie gefürchtete Zyniker mit den Worten: „Er hätte lieber Kfz-Mechaniker bleiben sollen“ förmlich hinrichtete. Im Gegenzug hätte er das Orchester gestoppt und den folgenden Titel „Der alte Mann und seine Frau“ „O. F.“ gewidmet. In der Folgezeit tingelte der junge Wolfgang Lippert als unbekannter Sänger durch die DDR.

Bause, Erna und auf einmal berühmt

Dass der Komponist Arndt Bause ihn schließlich ansprach und meinte, er singe die falschen Lieder, war ein Glücksfall. Für „Erna kommt“ geniert sich Lippert keinesfalls. Selbst wenn die Leute ihm heute noch auf der Straße hinterherrufen: „Wie geht’s Erna?“ Mit diesem Erfolg kamen die ersten Angebote, Fernsehen zu machen. Zunächst für Kinder, später für Erwachsene. Er durfte sogar in den Westen, moderierte vor der Wende eine TV-Sendung bei Radio Bremen, oft gemeinsam mit Hape Kerkeling. Eine Menge Anfragen habe es damals gegeben, so von Karl Dall, Jürgen von der Lippe, Rudi Carell. Die meisten habe die DDR Künstleragentur nicht zugelassen. „Wolfgang hat keine Zeit“, habe es immer geheißen. Bei Frank Elstner endlich trat er einmal ohne vorherige Absprache auf, das habe eine Menge Ärger gegeben bei seiner Rückkehr in die DDR. Die er übrigens nie habe verlassen wollen. Mit Elstner sei er gut befreundet, der habe „Lippi“ sogar mal im Kofferraum über die Grenze nach Luxemburg geschmuggelt. Eine verrückte Zeit.

Wende im Guten und im Schlechten

Mit der Wende habe es zunächst keinen Karriereknick gegeben. Der absolute Höhepunkt war natürlich „Wetten, dass..?“ Nach zwei Jahren war Schluss, Lippert will keine Abrechnung, nicht nachtreten. Eher ungern spricht er dann doch über Gründe für das Aus in der Show. Mit seinem Nachfolger Thomas Gottschalk kommt er inzwischen aber klar. Lippert erzählt über die Zeit nach „Wetten, dass..?“ als eine schwere Zeit, gegen dieses Format wirkt jedes andere klein. Und die Freunde wurden schnell weniger, die Angebote ebenso, bis keiner mehr den Telefonhörer abnahm.

Heute sagt er: „Wir sind alle Zirkusgäule“ und nennt das Ostseetheater Ralswieck seinen Glücksfall. Seit achtzehn Jahren spielt er dort, seine Ehefrau betreibt dort ein Restaurant, in das er alle Anwesenden im Saal herzlich einlädt. Das Paar hat seinen Lebensmittelpunkt inzwischen dort gefunden. Michael Kretschmer war bereits in Ralswieck und verspricht, auf alle Fälle eines Tages wieder dorthin zurückzukehren. Die Zuschauer dürfen zum Abschluss Fragen stellen, dann soll Lippert singen. Er singt zwei Lieder im Halbplayback und will zum Abschluss den Gassenhauer „Erna kommt“ bringen, aber nur, wenn Kretschmer mitsingt. Der Ministerpräsident gibt sich keine Blöße und stimmt, umjubelt von den Anwesenden im Saal, mit ein.

Nach einer guten Stunde klingt der Abend im Kaminzimmer des Neuen Schlosses aus, Wolfgang Lippert schreibt ein paar Autogramme und lässt sich bereitwillig fotografieren, der Gastgeber und Regierungschef Michael Kretschmer verspricht, sich auch weiterhin interessante Gäste zum Schlossgespräch nach Bad Muskau einzuladen. Das jetzt zurückliegende Zwiegespräch von Kunst, Kultur und Politik jedenfalls machte große Lust auf mehr.