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Freitag, 13.04.2018

„Wir investieren in Sachsen fast 40 Millionen Euro“

Der Bahnhersteller Bombardier will seine Werke zukunftsfit machen. Wie, erklärt Deutschlandchef Michael Fohrer.

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Im Görlitzer Bombardierwerk werden künftig Wagenkästen gebaut.
Im Görlitzer Bombardierwerk werden künftig Wagenkästen gebaut.

© nikolaischmidt.de

Michael Fohrer (54) ist seit 2008 im Management von Bombardier. Seit 2016 ist er für die deutschen Werke verantwortlich., zusätzlich zu den Geschäftsbereiten Lokomotiven- und Straßenbahnbau.
Michael Fohrer (54) ist seit 2008 im Management von Bombardier. Seit 2016 ist er für die deutschen Werke verantwortlich.

© nikolaischmidt.de

Eineinhalb Jahre verhandelte die Spitze von Bombardier mit Betriebsräten und der IG Metall über künftige Aufgaben der Werke. Deutschlandchef Michael Fohrer erläuterte das Konzept den Mitarbeitern in den Werken Görlitz und Bautzen.

Herr Fohrer, stand die Zukunft eines sächsischen Werkes auf der Kippe?

Wir haben in den vergangenen Monaten über die Zukunft von mehr als 60 Bombardier-Standorten in 26 Ländern verhandelt. Der gesamte Konzern hat sich eine unvermeidbare Transformation auferlegt, um sich für eine langfristige Zukunft zu rüsten. Dabei wurden verschiedene globale Standortszenarien geprüft. Am Ende haben wir uns mit unserem Konzept durchgesetzt, alle sieben Werke in Deutschland zu erhalten, zu spezialisieren und so eine Zukunft zu geben. Darauf bin ich stolz. Klar ist aber auch: In den nächsten zwei Jahren finden Veränderungen statt, die jeden Bombardier-Werker betreffen.

Wie sieht denn nun die Zukunft für die Werke Görlitz und Bautzen aus?

Ich möchte eine Bemerkung vorausschicken: Bisher waren unsere Werke zu wenig spezialisiert. Das heißt, es fanden in mehreren Werken ähnliche Arbeitsgänge statt. Damit haben wir aber große Verluste eingefahren, das ging so nicht weiter. Deshalb organisieren wir die Abläufe neu, jedes Werk bekommt seine Spezialisierung. In Hennigsdorf bei Berlin werden künftig neue Züge entwickelt und die Prototypen gebaut – mit Wagenkästen aus Görlitz. Dann testen und verfeinern wir das neue Fahrzeug in Hennigsdorf so lange, bis es in die Serienfertigung gehen kann. Die sieht konkret so aus, dass die Wagenkästen in Stahl oder Aluminium künftig in Görlitz gefertigt werden. Das Bautzener Werk macht aus den Görlitzer Rohbauten dann einen fertigen Waggon oder Zug. Das Ganze ist keine Entscheidung für Bautzen oder gegen Görlitz. Beide Werke haben eine hohe Verantwortung und ihren festen Platz in der Wertschöpfungskette. Ohne super Wagenkasten gibt es keinen super Zug.

Was sprach gegen andere Varianten?

Dafür sprachen vor allem zwei Gründe. Erstens hat das Görlitzer Werk mehr Erfahrungen und Kompetenzen im Bau von Wagenkästen. Zweitens haben wir in Bautzen die passenden Bedingungen und mehr Platz, um neue Hallen für die digitalisierte Produktion kompletter Schienenfahrzeuge zu bauen. Der Bau einer neuen Halle für die moderne Taktfertigung ist ja fast abgeschlossen. Um die beiden Werke für ihre neuen Aufgaben fit zu machen, investieren wir in Bautzen rund 30 Millionen Euro, in Görlitz im ersten Schritt etwa acht Millionen. Unterm Strich fließen also rund 40 Millionen Euro an Investitionen in die Lausitz. Das ist ein klares Bekenntnis.

Was passiert mit den Großaufträgen, an denen Görlitz derzeit arbeitet?

Der Bau der Wagenkästen für die Deutsche Bahn und die Schweizerischen Bundesbahnen läuft bis 2020 in Görlitz. Bis dahin strukturieren wir unsere Werke um. 2018 steht im Zeichen der Auslieferung, 2019 ist das Jahr des Umbruchs, und ab 2020 greift die künftige Arbeitsteilung. Zu dieser gehört auch, dass das Werk Bautzen Arbeit nach Görlitz abgibt, ganz konkret den Wagenkastenbau für Straßenbahnen. Bisher baut Bautzen selbst Wagenkästen, das wird spätestens ab 2020 nicht mehr der Fall sein.

Werden in Bautzen weiter Straßenbahnen gebaut?

Ja. In Bautzen werden auch in Zukunft Straßenbahnen gebaut. Zum Beispiel, wenn neue Straßenbahnen für die sächsische Landeshauptstadt zu bauen sind. Diese würden wir natürlich in Bautzen produzieren. Als Kompetenzzentrum für Straßenbahnen wurde im Rahmen der globalen Spezialisierungsstrategie der Standort Wien definiert.

Welche Rolle in dem ganzen Konzept spielt das Werk im polnischen Breslau?

Es wird, wie Görlitz auch, Wagenkästen bauen und nach Bautzen liefern. Wir brauchen dafür beide Werke.

Baut Breslau noch Wagenkästen für Lokomotiven?

Ja. In Breslau werden Wagenkästen für Lokomotiven hergestellt. Unser Kompetenzzentrum für die Serienproduktion von Lokomotiven ist das Werk in Kassel.

Vor drei Jahren hieß es, Bautzen und Görlitz firmieren zusammen als Werk Sachsen. Ist das noch aktuell?

Nein, mit der Standortspezialisierung ist dieses Konzept überholt. Es wird aber auch in Zukunft eine enge Kooperation zwischen beiden Standorten geben.

Wie viele Mitarbeiter werden die beiden Werke Ende 2020 haben?

Wir gehen davon aus, dass Bautzen mehr als 1 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wird. In Görlitz werden es zwischen 700 und 800 sein. Mir ist bewusst, dass das dann deutlich weniger Beschäftigte sind als jetzt. Aber der deutschlandweite Abbau von bis zu 1 500 festen Stellen ist nicht zu vermeiden. Dies ist menschlich schwierig, unternehmerisch aber notwendig. Das Unternehmen gibt eine verantwortungsbewusste Antwort auf diese soziale Herausforderung. Bis Ende 2019 sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Wir haben einen Sozialplan und setzen auf ein ansprechendes Freiwilligenprogramm für den Personalabbau.

Und darüber hinaus?

Wenn ausscheidende Mitarbeiter es wünschen, kümmern wir uns auch um neue Arbeit für sie. Es gibt Angebote am Arbeitsmarkt, die wir sondieren. Darum will ich mich persönlich mit meinem Team kümmern. Im Januar gab es beispielsweise im Görlitzer Werk eine Jobbörse, auf der zehn Unternehmen freie Stellen anboten. Dort haben sich etwa 500 unserer Mitarbeiter informiert. Das spricht für deren hohe Einsatzbereitschaft und Flexibilität. Darüber hinaus bieten wir Qualifizierungen an, wenn zum Beispiel jemand aus dem Görlitzer Werk seine berufliche Zukunft möglicherweise eher in Hennigsdorf sieht.

In Görlitz wurde Kritik an der Einbeziehung von Leiharbeitern laut. Vor zwei, drei Jahren hätten viele gehen müssen, jetzt seien neue da, von denen viele kaum Deutsch könnten.

Zeitlich befristete Leiharbeit ist ein hilfreiches Instrument, um Produktionsspitzen auszugleichen. Wenn die Produktionskurve nach unten ging, brauchten wir weniger; ging sie nach oben, dann mehr. Es gab in der Vergangenheit aber auch schon Situationen, da hatten wir nicht mal genug Arbeit für die Stammbelegschaft. Und zum Stichwort Herkunft: Wir hatten und haben in Görlitz und Bautzen sowohl bei unseren festen Angestellten als auch bei den Leiharbeitern verschiedene Nationalitäten – Polen, Tschechen, Engländer, Franzosen und andere. Bombardier ist ein Global Player, und wir sind weltoffen. Entscheidend ist für uns nicht, woher einer kommt, sondern was er kann.

Das Gespräch führte Tilo Berger.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. EinLeiharbeiter

    Mann hat wohl vergessen zu erwähnen, das man plant die "teuren" Leiharbeiter durch Werkverträge zu ersetzen. Wie man in Henningsdorf, ohne eine Einzelteilfertigung, die in Görlitz u. Bautzen vorhanden ist, Prototypen schnell montieren möchte, ist auch noch offen. Solange man es nicht schafft, die eigenen Terminpläne einzuhalten wird es trotzdem schwierig langfristig wieder Geld zu verdienen - der Umbau kostet schließlich erstmal Geld. Ich wünsche allen Beschäftigten, das diese Umstrukturierung länger hält als die Letzte. Ich bin dort jedenfalls raus - und nur bedingt unglücklich darüber.

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