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Sonntag, 13.08.2017 15 Jahre nach der Flut

„Wir haben die Gefahr damals unterschätzt“

Vieles hat sich gebessert seit der Flut von 2002, sagt Landrat Michael Geisler. Auf die Nagelprobe will er trotzdem gern verzichten.

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Wasserwüste Freital: Am 13. August 2002 tost die Weißeritz, deren eigentliches Bett rechts am Bildrand zu erahnen ist, durch die Straßen der Stadt. Die Meldekette hatte Löcher, die jetzt geflickt sein sollen.
Wasserwüste Freital: Am 13. August 2002 tost die Weißeritz, deren eigentliches Bett rechts am Bildrand zu erahnen ist, durch die Straßen der Stadt. Die Meldekette hatte Löcher, die jetzt geflickt sein sollen.

© U. Popp

Michael Geisler (CDU) war seit 1994 Landrat in Pirna, führt seit 2008 den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.
Michael Geisler (CDU) war seit 1994 Landrat in Pirna, führt seit 2008 den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

© Daniel Förster

Sächsische Schweiz/ Osterzgebirge. Von seinem Büro auf dem Pirnaer Sonnenstein aus blickt Landrat Michael Geisler direkt hinein in die Wetterküche des Elbtals. Dass sie einmal so verrückt spielen würde wie im August 2002 hatte er nicht für möglich gehalten. Die Flut überrollte Behörden, Rettungskräfte und Bürger. Heute kann das so leicht nicht mehr geschehen, sagt der Landrat. Er denkt, dass die Meldekette, wenn nicht zu 100 Prozent, so doch zu 99 Prozent funktioniert.

Herr Geisler, wenn die Regenwolken anrücken und mal drei Tage bleiben, können Sie da noch ruhig schlafen?

Was den Bevölkerungsschutz angeht, kann ich schon ruhig schlafen. Durch die vielen Hochwasser der letzten Jahre haben wir immer wieder dazu gelernt. Was mich weniger ruhig schlafen lässt, sind die Schäden, die jedes Hochwasser anrichtet und die wir kaum abwehren können.

2002 gab es neben immensen Schäden zehn Tote. Was war schief gelaufen?

Das Wasser hat uns überrollt. Im Grunde hatten wir kaum eine Chance auf eine wirkliche Vorwarnzeit. Ja, es regnete, und weiterer Regen war vorhergesagt. Aber das hat uns nicht sonderlich beunruhigt. Alles sah nach einem Durchschnittshochwasser aus. Auf die tatsächliche Wetterlage hat man, und da beziehe ich mich ein, nicht ausreichend geachtet, obwohl es – wie wir im Nachhinein feststellten – zutreffende Warnungen von Meteorologen gab.

Wie ließ sich der fatale 12. August 2002 für Sie an?

Eigentlich ganz normal. Den Vormittag über bekam ich durch die offene Bürotür einzelne Meldungen von Feuerwehreinsätzen mit. Aber es war keine Situation, die mich aus dem Sessel gerissen hätte. Dann gab es erste Gerüchte von schweren Ereignissen im Bereich des Weißeritzkreises. Bürgermeister Glöckner in Weesenstein rief mich an, er stünde im Wasser, so was hätte er noch nicht erlebt, und da käme was ganz Großes auf uns zu. Hier in Pirna war aber überhaupt nichts zu sehen. Die Lage war sehr diffus. Nach dem Mittag habe ich mich dann in einem Jeep vom Bundesgrenzschutz zum Erkunden Richtung Müglitztal aufgemacht. Wir sind aber nicht weit gekommen. In Dohna sah ich dann das erste Auto auf der Müglitztalstraße vorbeischwimmen.

Sie haben noch von unterwegs Katastrophenalarm ausgelöst. Der Alarm im Weißeritzkreis, wo das Wasser ja herkam, war da schon zweieinhalb Stunden in Kraft. Wussten Sie davon?

Nein. Zwischen den Landratsämtern gab es kaum Kommunikation. Minütlich nahm die Dramatik der Ereignisse zu. Ich war dermaßen beschäftigt mit der ganzen Geschichte, dass ich gar nicht daran dachte, den Landrat in Dippoldiswalde anzurufen. Und denen wird es genauso gegangen sein.

Wie wurden die Menschen gewarnt?

Über die Sirenen; wo es ging, direkt von der Leitstelle aus. In vielen Bereichen musste die Alarmierung aber manuell geschehen. Manche Sirenen waren gar nicht mehr auslösbar, weil die Elektrik ausgefallen war.

Wie war das in Weesenstein? Dort hieß es, es habe gar keinen Alarm gegeben…

So weit ich nachher erfahren habe, wurde dort kein Sirenensignal ausgelöst, obwohl es hätte ausgelöst werden können.

Und warum nicht?

Eine Aneinanderreihung fataler Zufälle kann heute als Ursache genannt werden.

Glauben Sie, die Leute hätten gewusst, was das Sirenensignal bedeutet?

Sie hätten die Signale zumindest kennen können. Aber: Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt keine Sirenenübungen gemacht. Und es gab Bürger, die haben den Alarm gar nicht für voll genommen. Die haben gefeiert und gegrölt, als die Feuerwehr auftauchte. Das konnte man später auf den mitgeschnittenen Funksprüchen hören.

Es gab Menschen, die ihr Auto in Sicherheit brachten, selbst aber daheim blieben und dann mit ihrem Haus untergingen. War das Leichtsinn?

Leichtsinn scheint mir ein zu hartes Wort. Die Leute haben die Situation falsch eingeschätzt. Es gab damals sicher kaum einen, der schon mal erlebt hatte, in welch kurzer Zeit Wasser ein Haus abträgt. So hat man versucht, Sachwerte zu retten statt sich selbst. Ich denke, alle Todesfälle hätten vermieden werden können, wären die Menschen besser auf das Hochwasser vorbereitet gewesen. Aber das lässt sich heute, vom grünen Tisch aus, leicht sagen. Man muss die damaligen Geschehnisse mit dem Erfahrungsstand von damals betrachten.

Wie lief die Arbeit im Katastrophenstab?

Es gab große Schwierigkeiten, den Stab zusammenzutrommeln. Es ging in den Feierabend rein, viele waren schon nach Hause gegangen. Wenn es hochkommt, waren vielleicht fünf Personen da von einem guten Dutzend. Dann, am späten Nachmittag und frühen Abend, brachen die Telefonnetze zusammen. Es war fast unmöglich, an die Mitarbeiter heranzukommen. Auch das Funken wurde schwierig, die Qualität der Funksprüche war sehr schlecht, häufig nur ein Rauschen. Insofern ist die Einführung des Digitalfunks eine tolle Sache. Die Verständigung ist klarer und du kommst damit in jeden Winkel. Und jeder kann mit jedem reden, behördenübergreifend, Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei, THW – das ist eine ganz große Errungenschaft.

Was haben wir aus der Flut gelernt?

Zunächst einmal gehen wir planerisch mit dem Thema Hochwasser ganz anders um. Wir weisen Hochwasserentstehungsgebiete aus und behandeln Baugenehmigungen aus ganz anderem Blickwinkel. Raumplanung wird heute viel restriktiver gehandhabt. Im Regionalplan werden Flächen fürs Hochwasser frei gehalten. Da wird es dann eine rote Linie geben und die sagt, wo bauen möglich ist und wo nicht. Dabei erwarte ich mir eigentlich ein größeres Interesse der Bevölkerung. Genau wie bei der Windkraft müsste es eine riesige Diskussion um den Flutschutz geben. Ich sage: Lasst uns jetzt darüber reden! Ich jedenfalls werde künftige Flutschäden im Rahmen meiner Möglichkeiten verhindern.

Was hat sich bei der Meldekette seit 2002 verbessert?

Die Wege haben sich deutlich verkürzt. Wir haben heute viel engere Kontakte zu den Kommunen und zu unserem Nachbarn Tschechien, sowohl auf der Verwaltungsebene als auch bei der Feuerwehr. Es gibt klare Hierarchien und klare Vorgaben, welchen Weg die Informationen zu gehen haben. Das behördliche Handeln ist besser organisiert und dadurch effektiver geworden. Neu aufgebaut wurde das System der ortsfesten Befehlsstellen. Die Unterteilung des Landkreises erfolgte in 15 Bereiche. Von dort aus kann im Großschadensfall sofort die Arbeit aufgenommen werden. Durch die neue Technik, vor allem durch Internet und Smartphones, können wir die Bevölkerung mitnehmen und Informationen so aufbereiten, dass sie jedermann zugänglich sind, zumindest, solange man Strom hat. Die Verteilpunkte der Stromversorgung und der Telekom wurden zum Teil verlagert, damit sie bei Hochwasser nicht mehr so schnell absaufen. Wir haben angefangen, dort wo es machbar war, Feuerwehren umzusiedeln, sie rauszunehmen aus dem Flutbereich. Hier im Haus habe ich jetzt über hundert Mitarbeiter, die den Dienst im Katastrophenstab beherrschen und laufend geschult werden. Im Ernstfall sind immer genügend Leute da, um rund um die Uhr Bereitschaft herzustellen.

Was ist mit den Sirenen?

Das Sirenensystem ist für die Warnung der Bevölkerung wichtiger geworden. Das geht von der Pflege und Wartung der Sirenen über die Vereinheitlichung der Signale bis hin zu regelmäßigen Sirenenproben. Zusammen mit den Kommunen haben wir erreicht, dass wir fast flächendeckend wieder Sirenen haben. Heute funktioniert die Sirenen-Alarmierung, wie es sie mal gab, mit dem Unterschied, dass man zentral von der Leitstelle aus auf den Knopf drückt.

Aber die Sirenentests haben ja mehrfach nicht funktioniert…

Es gab durchaus Ausfälle. Die hatten auch mit der Einführung der neuen Großleitstelle in Dresden zu tun.

Halten Sie die Aufgabe der Leitstellen in Pirna und Dipps zugunsten der Großleitstelle Dresden-Übigau für einen Vorteil oder einen Nachteil beim Katastrophenmanagement?

Da möchte ich mir im Moment kein Urteil erlauben. Ich habe festgestellt, dass die Einführung der Großleitstelle mit vielen Kinderkrankheiten behaftet war und nach wie vor ist. Wir haben immer wieder Ausfälle, Fehlalarme und nicht erfolgte Alarme. Da werde ich zum High-Tech-Kritiker. Klar, wo der Mensch handelt, macht er Fehler. Aber wo die Technik handelt, gibt es auch Fehler. Wir sind mit der Leitstelle noch kein Großereignis gefahren. Auf diesen Härtetest bin ich gespannt, obwohl ich nicht hoffe, dass ich ihn erleben muss.

Gespräch: Jörg Stock

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