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Mittwoch, 14.02.2018

Wildschweine sind nur ein Teil des Problems

Jäger und Naturschützer warnen davor, Maßnahmen gegen die Afrikanische Schweinepest nur auf die Schwarzkittel zu konzentrieren.

Von Manfred Müller

An den Autobahnraststätten in Richtung Polen und Tschechien hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft solche Schilder anbringen lassen, um vor Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest, die auch durch Lebensmittel übertragen werden kann, zu warnen.
An den Autobahnraststätten in Richtung Polen und Tschechien hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft solche Schilder anbringen lassen, um vor Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest, die auch durch Lebensmittel übertragen werden kann, zu warnen.

© Bernd Wüstneck/dpa

Großenhainer Land. Folgt man der Autobahn 13 von Thiendorf aus in Richtung Süden, sind es kaum 500 Kilometer bis ins mährische Zlin. Dort brach im Sommer 2017 die Afrikanische Schweinepest aus. Zieht man dabei ins Kalkül, dass die Achse E 50-A 17-A 13 eine stark befahrene Transitstrecke nach Berlin und Nordeuropa ist, scheint die Tierseuche gar nicht mehr so fern. „Es ist ja nachgewiesen, dass sich die Schweinepest von Osteuropa her entlang der Verkehrstrassen ausgebreitet hat“, sagt Lutz Runge vom Nabu-Regionalverband „Großenhainer Pflege“.

„Und zwar durch weggeworfene Lebensmittel, die mit dem Erreger infiziert wurden.“ Diese würden dann von Tieren aufgenommen und weiterverbreitet. Runge hält es für einen Fehler, dass sich die Diskussion um die Seuchenprophylaxe in Deutschland fast ausschließlich um Wildschweine dreht. Bauernverbände und Hygiene-Experten fordern Abschussraten von bis zu 80 Prozent, um ein Übergreifen der Schweinepest auf die Hausschwein-Bestände zu verhindern. „Dabei wird sie doch hauptsächlich vom Menschen weitergetragen“, so der Naturschützer.

Man müsse sich die Rastplätze an Autobahnen oder Bundesstraßen nur einmal ansehen. Zum Beispiel den in Thiendorf oder jenen an der B 101 bei Stroga. Wenn dort ein Fernfahrer das Einwickelpapier seines Mett-Brötchens aus dem Autofenster wirft, könne man die Seuche ganz schnell am Hals haben.

Die Afrikanische Schweinepest ist für den Menschen zwar absolut ungefährlich, hat aber für Wild- und Hausschweine meist tödliche Folgen. Trotzdem verschwindet sie nicht einfach, wenn beispielsweise die Wildsauen in einer Region der Krankheit zum Opfer gefallen sind. Der Erreger kann sich noch monatelang im Aas halten. Und es ist nicht bekannt, inwiefern er von anderen Tieren, etwa Füchsen und Waschbären, weitergeschleppt werden kann.

„Gerade für die kletterfreudigen Waschbären gibt es kaum einen Ort, wo sie nicht hingelangen können“, warnt Runge. Für die seien Zäune und geschlossene Stalltüren kein Hindernis. Deshalb plädiert er für eine stärkere Bejagung der kleinen Räuber und mehr Hygiene an Rastplätzen. Letzteres hat Sachsens Landesamt für Straßenbau und Verkehr immerhin in Angriff genommen. Auch auf den Rastplätzen bei Thiendorf warnen mehrsprachige Schilder, dass Speisereste nur in verschlossenen Müllbehältern abgelagert werden dürfen. Diese werden zudem von den Autobahnmeistereien täglich geleert. Außerdem sollen Rastanlagen, die bisher noch nicht vollständig eingezäunt sind, nun gesichert werden. Das dürfte zumindest die Wildschweine von den Abfällen fernhalten. Allerdings werden die Maßnahmen am Ende nur greifen, wenn sich auch alle Reisenden, die die Plätze ansteuern, an die Verbote halten. Und das ist aller Erfahrung nach ziemlich unsicher.

Für die Landwirte in der Region hätte ein Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest verheerende Folgen. Selbst wenn die Seuche – wie derzeit in Tschechien – nur unter den Wildschweinen ausbricht und nicht auf Mastanlagen übergreift: Es würden Sperrbezirke eingerichtet, und die darin liegenden Agrarbetriebe unterlägen Handels-, Transport- und Schlachtverboten. Das kann an die wirtschaftliche Existenz gehen. Deshalb sind die Forderungen der Bauern nach einer Dezimierung der Wildschweinbestände einerseits verständlich. Andererseits gibt es Zweifel, ob das überhaupt machbar ist. Denn Schwarzkittel sind überaus clevere Tiere, die den Jägern nicht einfach so vor die Flinte laufen.

Der Freistaat Sachsen habe zwar jetzt den Einsatz von Nachtsichtgeräten und Schalldämpfern erlaubt, sagt Jörg Köhler, aber gerade bei Letzteren sei zweifelhaft, ob das wirklich einen höheren Erfolg bringt. Auch der Vorsitzende des Großenhainer Jagdverbandes glaubt nicht, dass das Schwarzwild das Hauptproblem bei der Eindämmung der Schweinepest ist. Sicher gebe es in der Region sehr hohe Wildschweinbestände. Und die Jägerschaft werde bei Bedarf auch reagieren. Zum Beispiel, indem man über die Reviergrenzen hinaus Waidgenossen zur Sauenjagd einlädt. Auch Drückjagden ließen sich im Ernstfall organisieren.

Einer prophylaktischen Reduzierung des Bestandes – zumal in der Größenordnung, wie sie von den Bauernverbänden gefordert wird – steht der Jagdverbands-Chef eher skeptisch gegenüber. Wildschweine machen etwa 30 Prozent der Wolfsnahrung aus, gibt er zu bedenken. „Wenn das Schwarzwild knapp wird“, sagt Köhler, „gehen die Wölfe in der Region verstärkt auf Gatterwild und Haustiere. Dann haben wir den nächsten Ärger.“