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Mittwoch, 03.01.2018

Wie starb der Fußgänger wirklich?

2015 war am Puschkinplatz ein Riesaer überfahren worden. Die Eltern nahm das schwer mit.

Von Christoph Scharf

Richtigstellung per Telefon: Oberstaatsanwalt Lorenz Haase.
Richtigstellung per Telefon: Oberstaatsanwalt Lorenz Haase.

© Jürgen Lösel

Riesa. Der Schmerz ist noch genauso groß wie am ersten Tag: Im November 2015 war am Puschkinplatz ein Riesaer überfahren worden. Der 37-Jährige hatte aus dem Park kommend am Kiosk die Fahrbahn Richtung Hauptstraße überqueren wollen und war dabei von einem Auto erfasst worden. Der unter anderem bei der Kinderuniversität und bei der Sternwarte engagierte Riesaer war das einzige Kind seiner Eltern.

Das Ehepaar fragt sich seitdem, wie es dazu kommen konnte – konsultiert einen Anwalt, studiert die Akten zum Vorgang, sucht Kontakt zum Autofahrer. Umso größer der Schock, als vor zwei Monaten ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mit einem Satz zitiert wurde, der sie seitdem nicht mehr loslässt: Demnach sei der Geschädigte „laut dem Gutachten über eine Absperrung gesprungen“, bevor er über die Fahrbahn lief. Die SZ hatte damals von der zuständigen Staatsanwaltschaft wissen wollen, warum das Verfahren gegen den Autofahrer eingestellt wurde.

Laut Gutachten sei bei dem damals 23-Jährigen „keine Pflichtverletzung“ feststellbar gewesen, sagte Staatsanwalt Lorenz Haase. Der Toyotafahrer hätte den Unfall kaum verhindern können, ihm sei in der dunklen Jahreszeit weniger als eine Sekunde Reaktionszeit geblieben. – Die Schilderung allerdings stößt in Riesa auf Kritik. Leute, die das Unfallopfer kannten, wundern sich darüber, dass der Fußgänger über die Absperrkette gesprungen sein soll: Die Kette ist etwa hüfthoch. Das Opfer allerdings sei schon immer schwer krank gewesen und habe so ein Hindernis aus eigener Kraft gar nicht überwinden können.

Auch die Eltern wollen sich mit dieser Erklärung der Staatsanwaltschaft nicht zufriedengeben. Bald nach dem Bericht vom November kommen sie mit einem dicken Umschlag in die SZ-Redaktion. Darin enthalten ist eine Kopie des Schreibens der Staatsanwaltschaft aus dem Jahr 2016, mit der mitgeteilt wird, dass das „Todesermittlungsverfahren“ gegen den Autofahrer eingestellt wird. Darin wird die Aussage einer Augenzeugin zitiert, die auf der Bahnhofstraße in Richtung Hauptstraße auf dem Gehweg in Höhe des Zeitungskiosks lief. Sie habe demnach beobachtet, dass „eine männliche, dunkel gekleidete Person hinter den Absperrketten auf die Straße ging und über die dortige straffierte Fläche der Hauptfahrbahn in Richtung Kreuzung lief“. „Zu einem Über-die-Kette-Springen ist unser Sohn medizinisch auch gar nicht in der Lage gewesen“, sagte der Vater gegenüber der SZ. Das spätere Unfallopfer habe an Osteoporose gelitten, ein verkürztes Bein gehabt, Diabetiker gewesen und eine Chemotherapie samt Ganzkörperbestrahlung hinter sich gebracht.

Das belegen auch medizinische Befunde aus der Dresdner Universitätsklinik, die aus dem Herbst 2013 stammen – also zwei Jahre vor dem Unfall verfasst wurden. Eine Riesaer Orthopädin diagnostiziert schon Jahre zuvor unter anderem einen Beckenschiefstand, Beschwerden bei den Kniegelenken und den Hüftgelenken. Der Riesaer muss als junger Mann lange Kuren in Kreischa hinter sich bringen, wird mit sehr starken Medikamenten behandelt, erhält mehr als 100 Bluttransfusionen und bekommt unter anderem eine Blutstammzelltransplantation. Schon als Baby waren ihm starke Medikamente verabreicht worden, schon vor der Einschulung war er am Oberschenkel operiert worden – mit der Folge, dass das rechte Bein um zwei Zentimeter zu kurz war. „Unser Kind war zu 100 Prozent schwerbehindert – wie soll so jemand über eine Kette springen!?“, empören sich die Eltern beim Treff in der Lokalredaktion im November 2017.

Sie legen Bilder vor, die belegen, dass ihr Kind trotz allem viele glückliche Momente hatte: Beim Spielen am Strand, beim Rudern auf dem Kanu, im Einsatz bei der Riesaer Sternwarte. Da hält ein kleiner Junge mit Krawatte strahlend eine für ihn fast zu große Zuckertüte, da steht er mit Pionierhalstuch an der Schulbank oder posiert stolz nach der Konfirmation vor dem Kirchenportal. Die meisten Riesaer allerdings werden sich an das Unfallopfer als jahrelangen Mitstreiter bei der Riesaer Kinderuniversität und beim Sternwarten-Verein erinnern. Dort gingen nach dem Drama 2015 zahlreiche Beileidsbekundungen ein.

Aber wie lief das mit dem Unfall denn nun wirklich? Von der SZ mit den widersprüchlichen Angaben zum Unfallhergang konfrontiert, lässt sich die Staatsanwaltschaft die Akte noch einmal aus dem Archiv kommen – ein Vorgang, der sich über einige Wochen hinzieht. Dann kommt per Telefon die Richtigstellung: „Der Geschädigte ist hinter der Absperrkette auf die Straße gelaufen und nicht gesprungen“, sagt Lorenz Haase. Die erste Darstellung beruhe auf einem Missverständnis. Auf die rechtliche Bewertung des Vorfalls habe das allerdings keinen Einfluss.

Für die Eltern dagegen ist das nur ein geringer Trost – der für den Vater zudem zu spät kommt: Der 70-Jährige stirbt am 25. Dezember an Herzinfarkt. Er hat den Schicksalsschlag nicht überstanden. „Das hat uns fassungslos gemacht“, sagt die Witwe. „Erst der Unfall – und dann diese Erklärung.“ Auf eine andere Erklärung wartet die Frau bis heute: eine Entschuldigung des Unfallfahrers. Einmal bekam der Vater des Opfers sogar den Vater des Autofahrers ans Telefon. Das Einzige, was der Riesaer von dem zu hören bekam, war „Mein Sohn hat fünf Jahre Fahrerlaubnis, der kann Auto fahren.“ Ein Trost sieht anders aus. „Wäre er 40 gefahren statt 50, hätte er rechtzeitig bremsen können“, sagt die Mutter.

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