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Mittwoch, 15.11.2017 Riesaer Geschichte(n)

Wie Riesa zu seinem ersten öffentlichen Pissoir kam

Seit 1891 gibt es Bedürfnisanstalten in der Stadt. Beschwerden darüber ließen nicht lange auf sich warten.

Von Irma Manns

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Kaiser-Wilhelm-Platz (heute Alexander-Puschkin-Platz): Rechts im Bild ist zwischen Bäumen und Sträuchern die kleine Pissoir-Anlage zu sehen. Das Foto stammt aus dem Jahr 1896.
Kaiser-Wilhelm-Platz (heute Alexander-Puschkin-Platz): Rechts im Bild ist zwischen Bäumen und Sträuchern die kleine Pissoir-Anlage zu sehen. Das Foto stammt aus dem Jahr 1896.

© Otto Werner/Stadtmuseum

Der Entwurf einer „Abort-Anlage“: Um 1900 erdachte sich das Stadtbauamt dieses Gebäude für den Stadtpark.
Der Entwurf einer „Abort-Anlage“: Um 1900 erdachte sich das Stadtbauamt dieses Gebäude für den Stadtpark.

© Stadtmuseum

Ein Blick in die Zukunft: der Entwurf für eine „Bedürfnisanstalt für den Rosenplatz“ (Puschkinplatz) von 1927.
Ein Blick in die Zukunft: der Entwurf für eine „Bedürfnisanstalt für den Rosenplatz“ (Puschkinplatz) von 1927.

© Stadtmuseum

Riesa. Jeder Ort in Deutschland scheitert am „Örtchen“, sagte Theodor Fontane Ende des 19. Jahrhunderts. Und wie sah es in dieser Zeit in Riesa aus? In der Sitzung des Stadtverordnetenkollegiums am 4. November 1890 wird angeregt, ob nicht die Herstellung öffentlicher Pissoirs an geeigneten Plätzen in hiesiger Stadt angezeigt erscheine.

Dieser Vorschlag geht zwei Tage später an den Bauausschuss, der die Aufstellung von drei Bedürfnisanstalten „an der Parkfreitreppe, auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz und auf der Dampfschiffstraße“ beschließt. Dafür sind 1200 Reichsmark in den nächstjährigen Haushalt einzustellen. Zügig geht man ans Werk und bestellt bei der Berliner Firma E. de la Sauce & KIOSS im Juli 1891 drei aus Eisenblech bestehende Bedürfnisanstalten.

Dabei soll die Gasanstalt die Montage erledigen, Fundament und Abteilung das städtische Bauamt in eigener Regie. Im September stellt man aber fest, dass der Platz an der Parktreppe als ungeeignet erscheint, und entscheidet sich für „städtisches Areal an dem Giebel der Mädchenschule“ (Albertplatz). Die Anlage soll „durch Strauchwerk maskiert werden. Hervorzuheben ist, dass „die Laternen auf den Bedürfnisanstalten ohne Ausnahme jeden Abend bis 11 Uhr gebrannt werden“. Sie sollen von Nachtwächtern angezündet, gelöscht und gereinigt werden.

Danach entschloss sich der Stadtrat zu einer weiteren „öffentlichen Pissoiranlage im alten Stadtteile Riesas“. Und zwar an der Ecke Meißner Straße/Marktgasse. Auf die Ausschreibung gingen vier Angebote ein. Den Zuschlag erhielt die Firma Hermann Bulnheim, Bautzen, Fabrik für Eisen- und Wellblech-Konstruktionen. Von den Riesaer Baufirmen bekam Moritz Förster den Auftrag. Am 17. Oktober 1903 konnte „die Anlage dem Verkehr übergeben werden“.

„Gesundheitsschädigender Geruch

Doch die Thematik der Bedürfnisanstalten beschäftigt den Stadtrat weiterhin. Bürger melden, dass besonders an Markttagen die Einrichtung an der Meißner Straße nicht ausreiche, „zumal es nur ein Pissoir sei und die Tür sich nicht schließen lasse“. Doch für einen Umbau oder eine Erweiterung lässt sich der Rat aus Platz- und Preisgründen nicht bewegen.

Dagegen beschäftigt sich im Sommer 1909 das Stadtbauamt mit der „Anlegung eines Abortgebäudes in den Anlagen am Albertplatz, an der Schulhofmauer in Massivbau. Baumeister Arno Zäncker mit einem Angebot von 1616,48 Reichsmark erhält den Zuschlag und beginnt sofort. Außer einem Pissoir für Männer gibt es auch einen Abort für Männer und zwei für Frauen. Fa. Zäncker lässt drei Stück viertelkreisförmige Abortsitze mit Deckel einbauen.

Eine Verbesserung im Vergleich zu den anderen drei Einrichtungen. An den Türen gab es auch Riegel mit „Frei-Besetzt“-Zeichen und automatische Schlösser für zwei oder fünf Pfennige – geliefert von der Fa. Kellermann aus Chemnitz. Im November 1910 konnte die Anlage übergeben werden.

So notwendig die Bedürfnisanstalten waren, so riefen sie auch Unmut hervor. Da bemängelte bereits im Mai 1893 Major Schmidt, dass eine Person sowohl von der Straße als auch vom Balkon seiner Wohnung aus „schon innerhalb der Bedürfnisanstalt bei den vorzunehmenden Handlungen beobachtet und gesehen werden kann“.

Er „stellt das Ersuchen an den Stadtrath, daß dieser die gesellschaftliche Benutzung der Wohnungen in genannten Gebäuden in sittlicher Hinsicht schwer schädigende und der unerträgliche Übelstand entweder durch Verlängerung der Schamwand oder andere geeignete Maßnahmen gründlich und dauerhaft beseitigt werde“. Bauliche Veränderungen wurden abgelehnt. Dafür „sollen im Herbst einige Coniferen, durch welche der Eingang verdeckt wird“, angepflanzt werden.

War es zunächst eine sittliche Beanstandung, so führte im Juli 1905 der Geflügelhändler Clemens Bürger Beschwerde darüber, dass an der Einrichtung am Kaiser-Wilhelm-Platz das Wasser abgestellt sei und sich seine Hausbewohner wegen des sich verbreitenden üblen Geruchs beklagen. Außerdem ließe die Wartung durch städtische Arbeiter zu wünschen übrig.

Ein Jahr später meldete er, dass „sich ein höchst gesundheitsschädigender Geruch verbreite“, und die Mieter hätten mit Auszug gedroht. Im August 1909 und im Mai 1912 kommen wieder Beschwerden an die Stadt mit dem Hinweis, dass wegen des Geruchs (hautsächlich abends) die Wohnungen nicht gelüftet werden können. Noch weitere Jahre dauert es, bis die Stadt die notwendigen „Örtchen“ in den Griff bekommt. Wer heute moderne Anlagen benutzt, ist nicht selten schockiert, wie manche Benutzer die der „Notdurft“ dienende Plätze verlassen.

Selbst beste Wartung und Pflege ist dabei hilflos. Unter städtischer Regie stehen heute moderne Anlagen am Rathausplatz, am Käferberg, an der alten Gasanstalt und am Bootshaus (Elbstraße). Mögen sie von den Nutzern pfleglich behandelt werden.

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