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Freitag, 12.01.2018

Wie ein Diplomat nach Freital zurückfand

Mit einer Spende kaufte Schloss Burgk ein besonderes Bild. Ohne solche Schenkungen gäbe es die Kunstsammlung nicht.

Von Thomas Morgenroth

Mitarbeiterin Ilka Melzer zeigt die interessanteste Neuerwerbung von 2017 aus der Städtischen Kunstsammlung Freital: das „Bildnis des Mr. Carrier“ von Fritz Hofmann-Juan. Einmal wurde das Gemälde bereits in der Dauerausstellung gezeigt.
Mitarbeiterin Ilka Melzer zeigt die interessanteste Neuerwerbung von 2017 aus der Städtischen Kunstsammlung Freital: das „Bildnis des Mr. Carrier“ von Fritz Hofmann-Juan. Einmal wurde das Gemälde bereits in der Dauerausstellung gezeigt.

© Karl-Ludwig Oberthür

Freital. Ein französischer Diplomat namens Paul Carrier hat im vergangenen Frühjahr auf Schloss Burgk Quartier bezogen, seinen Wohnsitz hat er vorläufig im Depot. Einmal durfte er es bisher verlassen, um sich für einige Wochen in der Dauerausstellung der Städtischen Kunstsammlungen im rechten Licht zu zeigen. Der lässig gekleidete ältere Herr mit Hut, 1931 von Fritz Hofmann-Juan mit Ölfarben auf Sperrholz in Szene gesetzt, war dort die Vertretung für „G.S.“, einem Porträt von Otto Gussmann, das dafür in einer Sonderausstellung zu sehen war.

Das „Bildnis des Mr. Carrier“ ist der wohl interessanteste Neuzugang des vergangenen Jahres in den Städtischen Sammlungen Freital. Nicht nur wegen des künstlerischen Wertes des Gemäldes, das die auf Dresdner Kunst ausgerichtete Kunstsammlung des Hauses wesentlich bereichert, sondern vor allem wegen der spannenden Geschichte, die Schlossdirektor Rolf Günther zum Erwerb des Bildes erzählen kann.

Diese beginnt im Herbst des Jahres 2016 mit einem unscheinbaren Brief, adressiert an ihn persönlich. „Darin fand ich fünf Einhunderteuro-Scheine“, erinnert sich Günther. Aber nirgendwo einen Absender. Auf einer Postkarte mit einem Foto von Bäumen war handschriftlich nur ein Satz vermerkt: „Zur weiteren Förderung der Kultur – eine Bürgerin Freitals.“ Eine anonyme Spende also, die Günther freilich nicht einfach annehmen durfte. Dafür brauchte er einen Beschluss des Stadtrates, so will es das sächsische Landesgesetz.

Nach der Überwindung dieser bürokratischen Hürden, was einige Zeit dauerte, konnte sich Rolf Günther schließlich überlegen, wofür das Schloss das Geld ausgeben will. Schon bald hatte er eine Idee. In einem Katalog des Dresdner Auktionshauses Schmidt entdeckte er das besagte Gemälde von Hofmann-Juan – und traute zunächst seinen Augen nicht: „Das Porträt hing 2001 auf Schloss Burgk in einer Sonderausstellung des Künstlers. Es gehörte unserem ehemaligen Mitarbeiter Holger Fischer.“

Fischer, der von 1989 bis zu seiner Pensionierung 2002 für die Bildende Kunst auf Schloss Burgk zuständig war, ist Heiligabend 2013 im Alter von einundsiebzig Jahren gestorben. Seine Sammlung wurde aufgelöst, und nun also kam im März 2017 auch dieses qualitätsvolle Gemälde unter den Hammer. „Es hätte eine Lücke in unserer Sammlung geschlossen, wäre aber auch eine Art Ehrung für Holger Fischer gewesen“, sagt Günther. Allerdings war das Bild mit einem Mindestgebot von 500 Euro aufgerufen, zu dem im Falle eines Erwerbes noch erhebliche Gebühren kämen. „Viel zu viel für uns“, resümierte Günther damals – und klappte den Katalog wieder zu.

Das Bild aber fand keinen Käufer. „Wer hängt sich auch einen alten Mann ins Wohnzimmer?“, frohlockte Günther und nahm Kontakt mit dem Auktionshaus auf. Als Geschäftsführerin Annekathrin Schmidt die Geschichte mit Holger Fischer hörte und vom Dilemma mit den begrenzten Mitteln erfuhr, verzichtete sie auf ihre Boni und verkaufte das Bild zu dem Preis, den sich Schloss Burgk leisten konnte.

Holger Fischer würde es freuen, war er es doch, der oft mit unkonventionellen Methoden museale Kunst in Freital förderte. Legendär ist, wie Fischer den eigenbrötlerischen Dresdner Sammler Friedrich Pappermann bei einer Büchse Cola überzeugte, seine Schätze dauerhaft nach Freital zu geben. Die mehr als 200 Gemälde und 1 500 Grafiken und Zeichnungen gehören jetzt einer Stiftung der Stadt, deren erster Direktor Holger Fischer war. Im Grunde aber hatte Pappermann seine Sammlung, deren Wert auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt wurde, einfach verschenkt.

„Ohne solche Zuwendungen würde es die Städtische Kunstsammlung Freital nicht geben“, weiß Rolf Günther. Als er am 1. Januar 1987 die Leitung auf Schloss Burgk übernahm, gab es die Kunstsammlung im Grunde noch nicht. Der Dresdner fand ein unsortiertes Sammelsurium vor, das im Depot schlummerte und vor allem aus der Sammlung Eberl bestand, die allerdings keine Schenkung war.

Erst mit der Sammlung von Hellmuth Heinz, die der Freitaler Ehrenbürger im Juni 1987 seiner Heimatstadt schenkte, nahm die Städtische Kunstsammlung Gestalt an. Schenkungen von Privatleuten bereichern seitdem regelmäßig den Bestand. Erst kürzlich bekam das Museum 40 Zeichnungen von Curt Großpietsch und einige Grafiken von Hermann Glöckner. Zu den Spendern gehören aber auch Künstler, die Schloss Burgk wichtige eigene Werke kostenfrei überlassen.

Günther nennt als Beispiele Angela Hampel, Volker Stelzmann, den aus Freital stammenden Eberhard von der Erde oder Hubertus Giebe, dessen „Thron“ der jüngste Neuzugang ist.

Die anonyme Spende der kunstsinnigen Freitaler Bürgerin ist Rolf Günther deshalb nicht weniger wichtig, zeigt sie doch die Verbundenheit der Einwohner zu ihrem Museum. Und manchmal wird daraus sogar eine außergewöhnliche Geschichte.