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Mittwoch, 03.01.2018

Wenn Stämme auf Gleise kippen

Erneut kollidierte ein Zug mit Bäumen. Die Städtebahn Sachsen verstärkt Vorwürfe an den Netzbetreiber.

Von Reiner Hanke und Maik Brückner

Immer wieder passiert es, dass Bäume auf die Gleise der Städtebahn fallen. Auch im Müglitztal, wie hier bei Bärenhecke, musste die Bahn 2015 einen unfreiwilligen Stopp einlegen. Die Städtebahn will nun erreichen, dass die Strecken sicherer werden.
Immer wieder passiert es, dass Bäume auf die Gleise der Städtebahn fallen. Auch im Müglitztal, wie hier bei Bärenhecke, musste die Bahn 2015 einen unfreiwilligen Stopp einlegen. Die Städtebahn will nun erreichen, dass die Strecken sicherer werden.

© Foto: Städtebahn Sachsen

Müglitztal. Diese Bahnfahrt werden die Reisenden wohl nie vergessen. Kurz vor dem Haltepunkt Bärenhecke stürzte eine Fichte auf den Triebwagen der Städtebahn. Geistesgegenwärtig stoppte der Fahrer den Zug. Verletzt wurde zwar niemand, doch der Schreck saß tief. Dieser Unfall, der sich im Januar vor zwei Jahren ereignete, ist kein Einzelfall, wie die Städtebahn als Betreiber der Müglitztalbahn jetzt mitteilte. Immer wieder liegen Bäume auf den Schienen.

Erst vor Kurzem raste ein Triebwagen mit 110 Stundenkilometern auf einen Baum zu, der auf der Strecke Kamenz – Pulsnitz lag. Der Lokführer brachte den Zug mit quietschenden Rädern zum Stehen. Die Kollision mit dem Baum konnte er nicht mehr verhindern. Nur aufgrund seiner schnellen Reaktion blieb eine größere Katastrophe aus. So kollidierte der Zug mit gebremsten 50 km/h mit dem Baum, und es blieb laut Städtebahn „bei einem hohen Sachschaden am Triebzug“. Auch hier wurde niemand verletzt. Allerdings kochte nach diesem Vorfall der angestaute Ärger hoch: „Entlang der Strecken der Städtebahn Sachsen fahren unsere Züge wie im Strauch- und Baumtunnel“, kritisiert Torsten Sewerin, Geschäftsführer der Städtebahn Sachsen GmbH.

Die Städtebahn hatte 2010 mehrere Verbindungen rund um Dresden von der Deutschen Bahn übernommen. Dazu gehören neben der Müglitztalbahn unter anderem auch die Strecken Dresden – Kamenz und Pirna – Neustadt – Sebnitz. Seit der Übernahme vernachlässige die Deutsche Bahn AG als Eigentümer der Strecken den Vegetationsschnitt entlang der Trassen, beklagt die Städtebahn. Und das, obwohl man jedes Jahr etwa zehn Millionen Euro an Trassennutzungsgebühren zahle und die Bahn zum Rückschnitt verpflichtet sei.

Millionen-Schaden

Die Städtebahn hat in den vergangenen zwei Jahren zehn umgekippte Bäume auf ihren Strecken gezählt. Der Sachschaden liege mittlerweile bei einer Million Euro für die Reparaturen. „Dazu kommen Kosten für Schienenersatzverkehr und erhebliche Aufwendungen wegen Zugumleitungen“, zählt Torsten Sewerin auf. Außerdem der ganze Ärger, den die Fahrgäste haben, wenn Züge ausfallen. Immer wieder habe die Städtebahn die zuständige Bahntochter DB Netz AG auf die mangelhafte Baumpflege hingewiesen. Sewerin: „Der Vorstand der DB Netz AG sowie deren Vertriebs- und Rechtsabteilungen scheinen taub auf ihren Ohren zu sein.“ Es passiere nichts. Obwohl sich Sewerin auch darüber ärgert, dass herunterhängende Äste den Lack der Triebwagen beschädigen, gehe es ihm in erster Linie um die Sicherheit der Passagiere. Die habe oberste Priorität. Das sieht man auch beim Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) so: „Wir erwarten, dass die DB Netz AG ihren vertraglichen Verpflichtungen nachkommt und einen sicheren Zugbetrieb auf allen Strecken ermöglicht“, sagt Sprecher Christian Schlemper.

Aus Sicht des VVO sei es „kontraproduktiv, wenn DB Netz als Gesellschaft des Bundes“ den Verkehr auf den Strecken im ländlichen Raum nicht sicherstellen kann. Indirekt bekommt die Städtebahn auch Rückendeckung vom Fahrgastverband Pro Bahn. Dieser forderte nach den Ausfällen nach dem jüngsten Herbststurm ebenfalls, Bäume besser zu verschneiden. Dabei ging es allerdings vordergründig um den Fernverkehr der Deutschen Bahn. Die Kritik der Städtebahn deutet allerdings darauf hin, dass die Situation offenbar auch auf regionalen Strecken problematisch ist.

Bahn redet sich raus

Die Deutsche Bahn weist die Vorwürfe zurück. Mehr als 1 000 Mitarbeiter seien bundesweit im sogenannten Vegetationsmanagement im Einsatz, sagt Sprecherin Erika Poschke-Frost. Pro Jahr investiert die Deutsche Bahn AG einen dreistelligen Millionenbetrag, um die Trassen frei zu schneiden. Die Städtebahn fahre auf „Strecken, auf denen die Vegetation entsprechend rechtlichen Vorgaben nach guter forstwirtschaftlicher Praxis“ zurückgeschnitten werde. Der Vegetationsschnitt orientiere sich an den Forderungen des Natur- und Umweltschutzes. Bäume entlang der Strecken würden regelmäßig inspiziert und zurückgeschnitten. Und das geschehe grundsätzlich mit Blick auf einen sicheren Schienenverkehr: „Egal, welches Eisenbahnverkehrsunternehmen auf einer Schienenstrecke fährt“, versichert sie.

Für die Arbeiten seien intensive Abstimmungen mit Umweltbehörden und teilweise mit privaten Anliegern notwendig. Die Bahn sei darauf angewiesen, dass die Waldbesitzer zustimmen. Grundsätzlich, so die Bahn, seien diese dafür verantwortlich, dass von ihren Grundstücken keine Gefahr ausgehe. Mit solchen Aussagen will sich die Städtebahn nicht zufriedengeben. Das Unternehmen hat die Aufsichtsbehörde, das Eisenbahnbundesamt, eingeschaltet. Außerdem sei eine Kanzlei beauftragt worden, strafrechtliche Konsequenzen zu prüfen, sagt Geschäftsführer Sewerin.

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