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Mittwoch, 15.11.2017

Wenn Grundschüler übers Sterben reden

Eine Woche lang beschäftigen sich Viertklässler mit der Vergänglichkeit des Lebens – und beweisen dabei Mut und Stärke.

Von Eric Weser

Kontraste gehören dazu: Viertklässlerin Nancy hat in der Projektwoche zum Thema Sterben, Tod und Trauer ein farbenfrohes Bild gemalt hat. Es drückt die Gefühle aus, die sie für ihre Familie empfindet, sagt die Zehnjährige.
Kontraste gehören dazu: Viertklässlerin Nancy hat in der Projektwoche zum Thema Sterben, Tod und Trauer ein farbenfrohes Bild gemalt hat. Es drückt die Gefühle aus, die sie für ihre Familie empfindet, sagt die Zehnjährige.

© Eric Weser

Röderaue. Zwei Dutzend Kinderkehlen schmettern zur Gitarrenbekleidung eine fröhliche Liedmelodie in den Raum. Es wird gesungen, gejohlt und gelacht. Die Stimmung ist ausgelassen. Dass es hier um Sterben, Tod und Trauer gehen soll, mag man kaum glauben. Doch genau damit beschäftigen sich die Viertklässler der Pulsener Grundschule gerade. Der Lehrplan sieht das in den Fächern Ethik und Religion zwar ohnehin vor, in Pulsen gab es jetzt aber gleich eine ganze Projektwoche dazu.

Die hat den Kindern allem Anschein nach gefallen. Am letzten Tag der besonderen Unterrichtswoche erzählen die Mädels und Jungs angeregt von der Begegnung mit der Gröditzer Ärztin Erika Seidel, die da war, um Krankheiten zu erklären. Nancy zum Beispiel hat sich Knochenkrebs erklären lassen. „Mein Opa hatte das und ich weiß nicht, wie das gekommen ist“, sagt die Zehnjährige. Auch der Besuch eines Bestatters hat Eindruck gemacht. Ralph Bosselmann aus Röderau hatte den Kindern von seiner Arbeit erzählt und unter anderem eine Urne zum Anschauen mitgebracht.

Durchgeführt hat die Projektwoche der Ökumenische Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Riesaer Caritas. Koordinatorin Katrin Herbst und drei weitere geschulte Frauen, die auch ehrenamtlich im Hospizdienst arbeiten, haben die Kinder behutsam an die Materie herangeführt. Vom Werden und Vergehen über Krankheit und Leid, über das Sterben und den Tod, Trauer bis hin zum Trösten stand jeden Tag ein anderes Thema im Mittelpunkt.

Oft wurde in Kleingruppen gearbeitet. Das sei besser, weil jeder zu Wort kommen könne und auch intimer, sagt Katrin Herbst. Nicht jeder wolle gleich vor der ganzen Klasse etwas Persönliches erzählen.

Bedenken, dass die Projektwoche für die Kinderseelen belastend sein könnte, hatte es im Vorfeld durchaus gegeben, sagt Ethik-Lehrerin Kerstin Weißert. Vor allem bei den Eltern, die das Projekt vorab präsentiert bekommen hatten. Die Befürchtungen hätten sich aber nicht bewahrheitet. Die Kinder seien mutiger als man denke. Außerdem sei es die fünf Tage über alles andere als nur traurig zugegangen. „Die Frauen vom Hospizdienst haben das ganz toll und sehr einfühlsam gemacht“, lobt Klassenlehrerin Brita Schäfer. Es sei viel gemalt, geschrieben und auch gespielt worden. Herausgekommen sind zum Beispiel farbenfrohe Bilder, wie die Jungen und Mädchen sich das Jenseits vorstellen.

Trotz allem: Schwere Minuten sind nicht ausgeblieben. Zumal viele Kinder schon erlebt haben, dass in ihrem Umfeld jemand gestorben ist, wie viele hochgereckte Hände auf die Frage hin zeigen. Bei der Erinnerung an den verstorbenen Opa etwa seien auch Tränen geflossen. „Da geht jemand von uns mit den Kindern raus“, sagt Katrin Herbst. „Dafür bleibt immer Zeit und Raum.“

Nach der Premiere wollen die Frauen vom Hospizdienst das Projekt nun auch in anderen Schulen anbieten. In Pulsen jedenfalls lassen die Schüler sie nur ungern wieder gehen. Aber dass vieles Schöne nicht ewig währt, das wissen die Schüler spätestens nach dieser Projektwoche.