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Samstag, 13.01.2018

Wenn der Tanzsaal zum Stall wird

Helmut Grütze war zehn, als er seine erste Rassegeflügelschau im Gasthof Freund besuchte. Hier findet er manche Erinnerung.

Von Jörg Richter

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Helmut Grütze präsentier seinen Siegervogel. Es ist eine Amerikanische Pekingente.
Helmut Grütze präsentier seinen Siegervogel. Es ist eine Amerikanische Pekingente.

© Kristin Richter

Lutz Großmann hält das Vereinswappentier, einen schwarzen Minorka, unterm Arm.
Lutz Großmann hält das Vereinswappentier, einen schwarzen Minorka, unterm Arm.

© Kristin Richter

Ebersbach. Wenn Helmut Grütze den Tanzsaal des Ebersbacher Gasthofs Freund betritt, dann ist es für ihn wie eine persönliche Zeitreise in die Vergangenheit. Der 81-Jährige verbindet so viel mit diesem Ort. Und an Wochenenden wie diesem werden Bilder und Geschichten wieder lebendig. Allerdings haben sie weniger mit Cha-Cha-Cha, Tango oder Discofox zu tun, sondern viel mehr mit Geschnatter und Kikeriki. Denn hier findet am Sonnabend und Sonntag die 77. Ebersbacher Rassegeflügelschau statt. Sehr viele davon hat Grütze selbst organisiert. Immerhin war er 38 Jahre lang der Vorsitzende des hiesigen Rassegeflügelzüchtervereins.

Dessen Mitglied ist er seit Dezember 1950. Der 81-Jährige kann sich nicht mehr daran erinnern, welcher Monatstag es genau war. „Aber ich weiß noch, dass es der zweite Advent war, 14 Uhr, zur Vereinsversammlung hier im Gasthof Freund“, erzählt Helmut Grütze. Das war kurz vor seinem 14. Geburtstag. Das weiß er noch sehr gut, denn so alt musste man damals sein, um selbst Zuchtvögel ausstellen zu dürfen. Im Januar 1951 war es dann soweit. „Ich habe mit Zwerg-Rhodeländern angefangen“, sagt er. Das ist eine Zwerghühnerrasse.

Hühner waren in den Anfangsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg ohnehin die häufigste Vogelart bei Rassegeflügelschauen. Die erste Ebersbacher Ausstellung nach dem Krieg wird Grütze sein Lebtag nicht vergessen. Er war nicht nur die allererste Geflügelschau nach 1945 in der Region, sondern auch Grützes Premiere. „Ich war damals zehn Jahre und fasziniert, wie viele unterschiedliche Rassen es gibt“, erzählt er. „Das war für mich was völlig Neues. Denn während des Krieges gab es ja keine Ausstellungen, weil alle Züchter an der Front waren.“

Die Ebersbacher Brüder Curt und Ewald Herrmann hatten 1947 die hiesigen Rassegeflügelschau wieder ins Leben gerufen. Natürlich im Gasthof Freund, wo sie seit 1929 stattfand. Knapp 300 Tiere konnten zwei Jahre nach dem Ende des Krieges wieder ausgestellt werden. Immerhin war es keine leichte Zeit. „Sie war schlimmer als schlimm“, sagt Grütze. Die Leute hatten kaum etwas zu essen. Die Bauernhöfe in Ebersbach waren voll mit Flüchtlingen aus Schlesien und Ostpreußen. Trotzdem fielen sie nicht über die Tiere in den Käfigen her, um die zu schlachten. „Das waren ja alles Ausstellungstiere, die fürs kommende Jahr zur Zucht genutzt wurden. Das ist auch heute noch so“, sagt Grütze, der 2011 vom Sächsischen Rassegeflügelzüchterverband mit dem Titel Landesehrenmeister ausgezeichnet wurde.

1953 präsentierte er erstmals Amerikanische Pekingenten auf der Ebersbacher Rassegeflügelausstellung und errang damit auf Anhieb einen Sonderpreis. Auch am Wochenende ist er mit dieser Entenrasse im Gasthof Freund vertreten. Mehr als 500 Tiere sind diesmal hier zu sehen.

Der rüstige Rentner, der mit seinen großen Händen noch immer kräftig zupacken kann, holt mit festem Griff seine diesjährige Erfolgsente aus dem Käfig. Sie hat von den Preisrichtern die Höchstpunktzahl 97 erhalten. Das bedeutet „vorzüglich“. Besser geht es nicht. Froh und gelassen stellt er sich mit seiner Ente zum Foto auf. „Helmut ist noch immer fit“, sagt Vereinschef Lutz Großmann bewundernd. „Sein Hobby hält ihn in Bewegung.“ Kein Wunder, man muss 365 Tage im Jahr für die Tiere da sein.